Eine evangelische Schule gründen

Zu Besuch in der Evangelischen Grundschule Peter und Paul Delitzsch (Sachsen)
Der leere Klassenraum in der evangelischen Grundschule in Delitzsch.

Foto: Johannes Süßmann

Ab August soll hier der normale Schulbetrieb stattfinden.

Ab August 2018 hat das sächsische Delitzsch eine neue Grundschule - und die ist evangelisch. Bei einer Schulgründung gibt es viel mehr zu bedenken als nur Genehmigungen, Finanzen und das pädagogische Konzept. Wir zeigen, wie es die Elterninitiative in Delitzsch macht.

Delitzsch wächst. Gut 25.500 Menschen leben aktuell in der sächsischen Kleinstadt nördlich von Leipzig. "Wir erfassen seit einigen Jahren steigende Einwohnerzahlen", sagt die Stadtverwaltung. "Es ziehen Familien mit Kindern zu, mehr Kinder werden geboren", ergänzt Gemeindepfarrer Stephan Pecusa. Zwar gibt es bereits einige Schulen am Ort, darunter drei staatliche Grundschulen. Doch dort wird es langsam eng. "Wir brauchen noch eine Schule", folgert Pecusa.

Das dachten sich auch einige Delitzscher Eltern. Und so wurde vor einiger Zeit im Wohnzimmer des Kantorenehepaars die Idee geboren, selbst eine Schule zu gründen. Eine freie Grundschule in evangelischer Trägerschaft sollte es sein, die verschiedene reformpädagogische Ansätze miteinander kombiniert, von Montessori über Jenaplan bis hin zum französischen Freinet-Konzept. Dafür wird momentan ein leerstehendes, fast 150 Jahre altes Schulgebäude hergerichtet - unter Hochdruck. Denn schon mit Beginn des neuen Schuljahres am 13. August soll es losgehen.

Kirchlich gehört Delitzsch zur Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) – und liegt damit in einer der kirchenfernsten Regionen der Republik. Dass die neue Schule ausgerechnet evangelisch sein soll, ist dennoch kein Hindernis – eher im Gegenteil. "Es sind mehr gekommen, als wir dachten, auch jetzt kommen noch Anmeldungen", erzählt Pecusa.

Auch viele konfessionslose und einige katholische Eltern wollten ihre Kinder auf die neue Schule schicken, ergänzt Ines Adamski. Sie gehört wie Pecusa und fünf weitere Männer und Frauen zum Vorstand des Trägervereins. Alle sind sie in der evangelischen Gemeinde St. Peter und Paul aktiv. "Das war ein Glücksfall und es war klar, dass wir die Schule evangelisch machen", freut sich Pecusa. "Weil uns das sehr wichtig ist, dass wir den Glauben leben und mit den Kindern einüben können."

Pfarrer Stephan Pecusa und Ines Adamski in einem Klassenraum der zukünftigen Schule.

35 Anmeldungen liegen bislang vor. Für Pecusa liegt das auch an den Werten, für die evangelische Schulen stehen: Seriosität, Weltoffenheit, Ordnung. Da nähmen die Menschen auch in Kauf, dass "das jetzt vielleicht nicht ihr Glaube ist".

Vielleicht ist es aber auch der pädagogische Ansatz, der zieht. Bislang gibt es keine freie Schule in Delitzsch. Roter Faden des Konzeptes ist die Erziehung zur Selbstorganisation. Anders als an Regelschulen gibt es kaum Frontalunterricht. Die Schule beginnt um 7 Uhr mit dem Frühhort, dazu stellt die Schule zwei Erzieherinnen ein. Um 8 Uhr folgt der Morgenkreis, "eine religiös-pädagogisch Mischung", erklärt Pecusa.

Die Schülerinnen und Schüler sortieren sich nicht nach Klassen, sondern in sogenannten Stammgruppen mit maximal 22 Kindern. Gibt es Inklusionskinder, soll auch die Zahl der Pädagogen steigen. In den Stammgruppen finden sich jeweils etwa gleich viele Erst-, Zweit-, Dritt- und Viertklässler zusammen – theoretisch. In Delitzsch startet der Betrieb zunächst nur mit Kindern der ersten und zweiten Jahrgangsstufe. Erst im Jahr darauf wird es auch Drittklässler geben.

Außenansicht der zukünftigen evangelischen Grundschule.

Die Durchmischung dient der Stärkung von sozialer und emotionaler Kompetenz der Kinder. "Die Größeren haben eine wahnsinnige Freude daran, den Kleineren etwas beizubringen", erläutert Pecusa. Während es die Älteren aufwerte und stolz mache, sei es auch für die Jüngeren etwas ganz anderes, von anderen Kindern zu lernen als von Erwachsenen. "Die stehen mit offenem Mund da und staunen", sagt Pecusa. Und fügt schmunzelnd hinzu: "Das ist manchmal herrlich, wie arrogant die miteinander umgehen." Für Ines Adamski ist die Selbstbestimmtheit der Kinder ein großes Plus von freien Schulen. "Die Kinder gehen anders miteinander um als an Regelschulen und fühlen sich auch eher füreinander verantwortlich".

Nach dem Morgenkreis beginnt die Freiarbeit. Was die Kinder dort machen, bestimmt ein Wochenplan, der jeweils zu Beginn der Woche oder zum Ende der vorangegangenen mit jedem einzeln festgelegt wird. Auch hier bestimmen die Kinder selbst, was sie während der Woche lernen möchten – oder sollten. Während der eine mehr Mathe macht, übt sich der andere im Lesen. Die Lehrer wirken lenkend und wenn nötig korrigierend, damit keine Inhalte vernachlässigt werden.

Für den "Impulsunterricht" werden die Schüler stundenweise nach Alter sortiert, um Grundlagen einzuüben: Ziffern und Zahlen, Lesen, Buchstabenmalen. Hinzu kommen Gruppenprojekte. Auch die Regeln des Miteinanders erarbeiten die Kinder selbst. Noten und Hausaufgaben gibt es während der gesamten Grundschulzeit nicht, Sitzenbleiben ist ausgeschlossen.

Drei Fragen an Stephan Pecusa.

Daneben will die neue Schule einen Schwerpunkt auf sprachliche und musikalische Bildung legen. "Wir werden ab der ersten Klasse Englischunterricht haben", erklärt Adamski. "Zwei Stunden die Woche, einmal klassisch, einmal eher in Projekten. Zum Beispiel, dass wir gemeinsam kochen und dabei nur Englisch reden."

Das Musikalische liegt besonders dem Vorstandsvorsitzenden des Trägervereins, Jörg Topfstedt, am Herzen. Er ist Kantor in Delitzsch, seine Frau Konstanze arbeitet in gleicher Funktion in Bitterfeld und als Musikpädagogin beim Leipziger Thomanerchor. Pecusa: "An unserer Schule lernet jeder sieben Instrumente kennen und eines spielen." Hinzu kommt eine Zusammenarbeit mit der örtlichen Musikschule.

Damit sich all die wohlklingenden Ideen auch umsetzen lassen, fehlt nun vor allem noch eines: Lehrer. Zwar werden anfangs nur zwei benötigt; eine Lehrerin, die die Schule leiten soll, ist auch schon gefunden. Doch leicht ist die Suche nicht. "Wir hatten ganz schön viele Bewerbungen", sagt Adamski. "Aber das waren alle möglichen Leute - bloß keine Lehrer."

In den alten Räumlichkeiten gibt es noch viel zu tun.

Auch im Schulgebäude ist noch einiges zu tun. Mobiliar, Tafeln, Werkbänke: Vieles kam durch Spenden zusammen. Doch merkt man dem Bau von 1876 bei allem Charme doch auch sein Alter an. Im Trägerverein aber dominiert die Zuversicht. Betriebsgenehmigung und Brandschutz bestehen noch aus früheren Zeiten, das spart heute Arbeit. Ohnehin wissen die Engagierten die Behörden an ihrer Seite. Während des Gründungsprozesses, sagt Adamski, sei vor allem Eines überraschend gut gewesen: "Dass die Stadt, der Stadtrat und alle Fraktionen komplett hinter uns standen."

Nun warten die Delitzscher auf die Genehmigung durch das Landesamt für Schulbildung, auch wirklich Schule sein zu dürfen. Und auf Geld. Von der evangelischen Schulstiftung etwa gibt es nur Förderungen, wenn man ihr auch angehört. Doch das möchten die Delitzscher nicht. "Wir wollen, dass die Elterninitiative erhalten bleibt und den Ton angibt", sagt Pecusa. Finanziert wird daher außer über das Schulgeld zunächst mit Bürgschaften und auf Kredit. "Finanziell ist das Netz sehr dünn", sagt Pecusa.

Wenn es gutgeht und sich das Projekt selbst tragen kann, könnte nach drei Jahren die staatliche Anerkennung folgen. Die Schule wäre dann berechtigt, zum Ende der Grundschulzeit offizielle Empfehlungen auszusprechen. Auch Prüfungen dürfte die Schule dann abnehmen. Prüfungen? An der Grundschule? Pecusa denkt schon viel weiter. Bis die Anerkennung da ist, sagt er, "soll es längst auch eine weiterführende Schule geben, die wir hier aufbauen wollen."

Serie weiterlesen