TV-Tipp: "Auf einmal" (Arte)

13.4., Arte, 20.15 Uhr: "Auf einmal"
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Foto: Getty Images/iStockphoto/vicnt

Der Titel klingt, als fehle die Hälfte: Auf einmal … war alles anders". Das wäre zumindest eine passende Zusammenfassung der Ereignisse, die dafür sorgen, dass im Leben von Karsten (Sebastian Hülk) nichts mehr wie vorher ist.

Auslöser der Kettenreaktion ist der Zusammenbruch einer jungen Frau: Als seine Freundin Laura (Julia Jentsch) auf einer Geschäftsreise ist, schmeißt Karsten in der gemeinsamen Wohnung eine Party. Am Ende bleibt nur noch die ihm bis dahin völlig fremde Anna da. Die beiden kommen sich näher, aber dann kollabiert die Frau plötzlich. Schock, Stress und Alkohol trüben Karstens Sinne. Anstatt den Notruf zu wählen, rennt er zu einem Krankenhaus in der Nähe. Doch die Klinik ist nachts geschlossen, und weil Anna schließlich stirbt, muss sich der Bankangestellte wegen unterlassener Hilfeleistung oder gar fahrlässiger Tötung vor Gericht verantworten. Als die Medien über den Fall berichten, entzieht ihm sein Chef die Kundenbetreuung und versetzt ihn in ein dunkles Kellerbüro. Freunde und Kollegen gehen nach anfänglicher Aufmunterung ebenfalls auf Distanz.

Regisseurin Asli Özge, die auch das Drehbuch geschrieben hat, versucht gar nicht erst, die Geschichte zu beschönigen: "Auf einmal" erzählt von einem unaufhaltsamen sozialen Absturz. Umso verblüffender ist schließlich die Kehrtwende des Films. Karstens Vater (Hanns Zischler) spricht zwar zu Beginn von "Glück im Unglück", aber das bezieht sich nicht zuletzt auf die gehobene soziale Stellung der Familie, vor allem im Gegensatz zur russlanddeutschen Herkunft der Verstorbenen. Als jedoch ein Gutachter verdeutlicht, dass selbst ein umgehend alarmierter Notarzt der Frau wohl nicht mehr hätte helfen können, wendet sich das Blatt, weil Karsten die erlittenen Niederlagen kaltschnäuzig in seinen Vorteil verwandelt. Spätestens jetzt zeigt sich auch, warum Özge die Hauptrolle Sebastian Hülk übertragen hat. Der Schauspieler darf nur selten Sympathieträger verkörpern und hat schon oft den Schurken gespielt, allen voran als Vergewaltiger in den beiden ARD-Donnerstagskrimis "Über die Grenze" (2017), der seinem Opfer zumindest in ihrem Kopf selbst dann noch nachstellt, als er im Koma liegt. In Özges Geschichte ist Karsten zunächst das Mitgefühl sicher, weil seine Umgebung ihn so gnadenlos fallen lässt und er wie das Opfer einer Verkettung unglücklicher Umstände wirkt. Nur seine Eltern stehen noch zu ihm, doch sein distanzierter Vater ist vor allem um den guten Ruf der Familie besorgt; in der Kleinstadt macht die Kunde rasch die Runde (der Film ist in Altena im Sauerland gedreht worden). Auf diese Weise entwickelt sich "Auf einmal" beiläufig auch zum Sittengemälde, zumal Karsten, der sich eigentlich vom Lebensstil seiner Eltern distanziert, irgendwann erkennt: "Ich bin genauso wie ihr. Ich bin einer von euch." Tatsächlich zeigt sich mehr und mehr, dass der Mann alles andere als ein Unschuldslamm und schon gar kein Opfer ist, und natürlich ist es kein Zufall, dass Özge die näheren Todesumstände zu Beginn ausgespart hat: Gerade noch ist das Paar beim Kuss zu sehen, dann rennt Karsten auch schon durch die Nacht.

"Auf einmal" ist als Kinokoproduktion des WDR entstanden, hatte aber nicht mal 10.000 Zuschauer. Tatsächlich hatte die Regisseurin ganz offenkundig keinen Mehrheitsfilm im Sinn. Der Einstieg mit seiner Aussparung und dem temporeichen Paniklauf würde auch als Krimiauftakt taugen, aber davon kann keine Rede sein. Das zeigt auch die Bildgestaltung. Manche Aufnahmen sind zwar ausgesprochen kunstvoll arrangiert und zeigen beredte Bilder, wenn beispielsweise Karsten und Laura aus der Wohnung heraus im Gegenlicht auf dem Balkon gezeigt werden und die Wand wie ein fetter schwarzer Trennungsstrich wirkt, aber ansonsten ist die Kameraführung (Emre Erkmen) ziemlich undynamisch; die Dauer des Films (gut hundert Minuten) hat auch mit den oft überlangen Einstellungen zu tun. Vermutlich hätte es der Handlung ohnehin nicht geschadet, wenn Özge sie gestrafft hätte; in der zweiten Hälfte zieht sich die Geschichte etwas. Dabei zeigt gerade der radikal verknappte Einstieg, dass die Regisseurin auch prägnant erzählen kann. Es ist ohnehin ein kleiner Knüller, dass sie Natalia Belitski für die praktisch stumme Minirolle der schönen Fremden gewinnen konnte. Mit dieser überhöhten Besetzung setzt Özge ein Zeichen: Anna steht wie eine Ikone für ein Leben, das möglich wäre; und als sich die Möglichkeit ergibt, greift Karsten zu, wobei er in der Wahl seiner Mittel alles andere als zimperlich ist. Am Ende entpuppt sich "Auf einmal" als bitteres Lehrstück in Opportunismus.

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