Auf dem Weg zur Pfarrfrau

Sarah Salin und ihr Mann Viktor

Foto: Claas Augner

Sarah Salin und ihr Mann Viktor im Gespräch mit Gottesdienstbesuchern vor der evangelischen Kirchengemeinde "Zur Heimat" in Berlin-Zehlendorf.

Ich - eine Pfarrfrau? Das hätte ich mir früher nicht vorstellen können. Nun habe ich vor einigen Jahren einen Mann kennen und lieben gelernt, der aktuell im Vikariat, in der Ausbildung zum Pfarrer ist. Letztes Jahr haben wir geheiratet. Es ist besonders als Ehefrau bei dieser spannenden Zeit mit dabei zu sein, wenn der Partner lernt, eine Gemeinde zu leiten. Ein Erfahrungsbericht.

Es ist Sonntagmorgen. Wir stehen zu sechst auf einem Flur des Wittenberger Paul-Gerhardt-Krankenhauses und singen "Großer Gott, wir loben dich". Wir singen a cappella, haben nicht geübt - und dennoch, wir klingen ganz gut. Wir haben die Zimmertüren auf der Geriatriestation geöffnet, und hoffen, dass sich die Patienten und Patientinnen über unsere Lieder freuen. Danach laden wir sie zu dem Gottesdienst in der Krankenhauskapelle ein. Mir gefällt das Singen gut und dennoch frage ich mich: Wie bin ich eigentlich in diese für mich doch sehr ungewohnte Situation geraten?

Mein Mann ist Vikar, das heißt, er ist in der praktischen Ausbildung zum Pfarrer. Da wir in Berlin leben, macht er sein Vikariat bei der EKBO, der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz. Immer wieder ist er daher für eine Woche in Wittenberg, um dort das sogenannte Predigerseminar zu besuchen - zusammen mit seiner Ausbildungsgruppe, 17 anderen Vikaren und Vikarinnen aus der EKBO, der sächsischen und mitteldeutschen Landeskirche.

Ich bin in Wittenberg nur zu Besuch für ein entspanntes Wochenende, so dachte ich mir das zumindest. Und doch bin ich ziemlich schnell mittendrin statt nur dabei. Ich mache nicht nur beim Krankenhaus-Singen mit, ich nehme auch an den Abendandachten teil, helfe, der Predigt meines Mannes noch den letzten Schliff zu geben und übe mit ihm zusammen am Klavier ein paar Kirchenlieder ein. Schnell werde ich in die herzliche Gemeinschaft der Gruppe aufgenommen. Schon sitzt ein mir gestern noch fremdes Baby auf dem Schoß, die Atmosphäre ist familiär.

Pfarrer zu sein, das ist ein besonderer Beruf. Mit einem angehenden Pfarrer verheiratet zu sein, ist eben auch nicht so, als hätte der Partner einen Beruf als Zahnarzt, Auto-Verkäufer oder Uhrmacher. Sicherlich, in die meisten Ehen wirken wohl die Jobs auch in die Beziehung hinein - doch nur bei wenigen Berufen gibt es sogar explizit eine Bezeichnung für die Frau des Berufstätigen: die Pfarrfrau. Früher durfte sie nicht mal einen eigenen Beruf ausüben. Da war klar, dass sie quasi hauptberuflich ihren Mann im Amt unterstützt – ohne eigenes Gehalt natürlich.

Das ist heute anders. Bei der Recherche zu meinem Artikel "An der Seite eines Pfarrers" konnte ich sehen, dass heutzutage die meisten Ehefrauen einen eigenen Beruf ausüben und individuell ihren Weg finden, wie sie die Pfarrfrauen-Rolle leben. Beispielsweise besteht heute nicht mehr die Verpflichtung, unbedingt den Kindergottesdienst zu gestalten, eine Frauengruppe zu übernehmen oder das Kaffeekochen nach dem Gottesdienst zu managen. Aber dennoch, je konservativer die Gemeinde, desto größer auch der Anspruch, die Pfarrfrau-Rolle auszufüllen. Nur wie? Das werde ich noch für mich herausfinden.

Pfarrfrau Sarah ist seit April 2017 mit Ihrem Mann Viktor verheiratet und genießt die theologischen Debatten mit ihm.
Schon jetzt wirkt das Vikariat meines Mannes in mein Leben hinein: und zwar positiv - schön finde ich es beispielsweise, wenn mein Mann und ich theologische Debatten führen. Ich lese fast alle seine Predigten und gebe Anregungen, die er meistens dankend annimmt. Es macht mir Spaß, mit ihm zusammen wortwörtlich über "Gott und die Welt" zu diskutieren. Wenn ich den Gottesdienst besuche, und er dann vorne auf der Kanzel steht, bin ich stolz und auch etwas aufgeregt.

Es ist für mich auch schön, mit den anderen Vikaren und Vikarinnen in der Ausbildungsgruppe in Kontakt zu sein. Ich habe das Gefühl, es sind herzliche und offene Menschen. Sie begegnen mir freundlich und annehmend. Und lustig ist es auch häufig: beim gemeinsamen Pizza essen oder Spieleabend.

Gleichzeitig ist aber auch die Belastung der anstrengenden Ausbildung in der Ausbildungsgruppe spürbar. Eine Vikarin erzählt mir, dass in ihrem Gebiet, das sie als Pfarrerin versorgen soll, 17 Kirchtürme stehen. Denn auf dem Land sind sehr viele Pfarrstellen vakant. So hält diese Vikarin an einem Wochenende oft vier Gottesdienste in verschiedenen Gemeinden. Allerdings leider häufig nur mit etwa jeweils zehn Kirchenbesuchern, was ihr als Berufsanfängerin für ihre Arbeit ein unbefriedigendes Gefühl gibt. Und das ist leider keine Ausnahme: Viele der Berufsanfänger und -anfängerinnen, die auf dem Land eingesetzt werden, haben mehrere Gemeinden zu verantworten. Das beeinträchtigt natürlich den persönlichen Kontakt zu den Gemeindegliedern.

 

Ein großes Thema ist auch der "Entsendungsdienst". Es ist nämlich so, dass die frisch ordinierten Pfarrer und Pfarrerinnen nach dem circa zweijährigen Vikariat in ihre erste Gemeinde entsendet werden. Häufig werden sie von der Landeskirche zu Stellen geschickt, die schon länger vakant sind, im Gebiet der EKBO ist das oft im brandenburgischen Land. Doch wer in Berlin wohnt, möchte da in der Regel eher nicht hinziehen.

Was noch besonders ist: ich habe in diesem Jahr an Weihnachten meine Eltern ohne mein Mann besucht, der unterdes zwei Weihnachtsgottesdienste abgehalten hat. Das war mir früher gar nicht so klar: Wenn die meisten Menschen frei haben, wie an Ostern, Pfingsten oder eben Weihnachten, ist berufliche Hauptsaison für Pfarrer und Pfarrerinnen.

Insgesamt bin ich allerdings sehr froh über die Berufswahl meines Mannes. Ich stelle es mir schön vor, später als Pfarrfrau zu einer Gemeinde zu gehören. Die Gemeinschaft dort zu erleben. Mir gefällt es, dass ich wieder mehr kirchliche Lieder singe, öfter in den Gottesdienst gehe und vor allem sehe, dass mein Mann in seiner Aufgabe aufgeht. Er ist glücklich mit dem, was er tut. Ich glaube, er wird mal ein richtig toller Pfarrer.