Überlastet mit pflegebedürftigen Angehörigen

Arbeitgeber machen Angebote zur Vereinbarkeit von Beruf und Pflege
Pflege zu Haue

Foto: dpa/Daniel Reinhardt

Für viele ist das Thema "Pflege der Eltern" immer noch ein Tabuthema.

Es kommt oft aus heiterem Himmel: Ein Elternteil wird pflegebedürftig und muss betreut werden. Berufstätige Angehörige kann die neue Belastung in eine Krise stürzen. Firmen entwickeln daher Ideen, wie Mitarbeiter Beruf und Pflege vereinbaren können.

Seit zehn Jahren betreut Brigitte Dorwarth-Walter ihre Mutter. Sie kümmert sich um die alltäglichen Dinge wie Einkaufen oder Arztbesuche. Außerdem ist Dorwarth-Walter stellvertretende Geschäftsführerin der Handwerkskammer Karlsruhe. "Das ist einfach sehr viel", sagt sie. Und funktioniere nur, wenn der Arbeitgeber mitmacht.

Das war in diesem Fall so. Die Handwerkskammer Karlsruhe und die SHG Kliniken Völklingen bei Saarbrücken gehören zu Trägern des Otto-Heinemann-Preises. Die bundesweite Auszeichnung verschiedener Krankenkassen wird an Firmen verliehen, die sich für die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege einsetzen.

Die Handwerkskammer beschäftigt sich schon seit einigen Jahren mit dem Thema. In der Kammer arbeiten 140 Mitarbeiter, sie sind im Schnitt 42 Jahre alt. "Deren Eltern sind in einem Alter, in dem sie tendenziell Hilfe benötigen", sagt Dorwarth-Walter. Derzeit pflegen sieben Mitarbeiter einen Angehörigen, bei einigen anderen ist absehbar, dass es auf sie zukommt.

Gleitzeit, Job-Sharing und Pflegelotsen

Laut Dorwarth-Walter ist eine Pflege nur möglich, wenn die Arbeitszeiten flexibel sind. Grundsätzlich gibt es in der Kammer eine Gleitzeit zwischen 7 und 19 Uhr und die Möglichkeit, Arbeiten für die Firma auch zu Hause zu erledigen. Zudem können Mitarbeiter ihr Arbeitszeitkonto von minus 30 bis plus 30 Stunden selbst verwalten.

Außerdem ist Job-Sharing möglich. Das bedeutet, dass sich zwei Personen eine Vollzeitstelle teilen. "Uns ist wichtig, dass das Büro während der Arbeitszeit besetzt ist", erklärt Annette Backes, Personalverantwortliche bei der Handwerkskammer. "Wer wann wie arbeitet, besprechen die Mitarbeiter unter sich."

Doch Pflege eines Angehörigen ist für die Betroffenen nicht nur eine Frage der Organisation, sondern auch des Umgangs mit eigenen Gefühlen. Wenn der Vater, möglicherweise völlig unerwartet, zu einem Pflegefall werde, seien zahlreiche Menschen in seiner Umgebung verunsichert. Die Kammer hat daher zwei Mitarbeiter zu sogenannten Pflegelotsen ausgebildet. Sie sollen erste Ansprechpartner sein. "Wir haben hierfür bewusst keine Führungskräfte ausgewählt", sagt Backes. Jeder Mitarbeiter solle sich frei fühlen, bei den Pflegelotsen sein Herz ausschütten zu können.

Für fachliche Fragen bietet die Kammer die kostenlose Teilnahme an einem "Kompetenztraining Pflege" an. Die Mitarbeiter der Kammer und weitere Interessenten aus anderen Firmen lernen in 16 Stunden das Wichtigste zur Beantragung von Pflegegraden, Rechtslage und Leistungen.

Martina Koch von den SHG-Kliniken Völklingen hat die Erfahrung gemacht, dass die Pflege der Eltern ein Tabuthema ist. Der Bereich "Vereinbarkeit Familie & Beruf" der Kliniken müsse deshalb seine Angebote aktiv bewerben, sagt Koch. Zu den Angeboten zählt ein Seniorenbegleitdienst, der für pflegebedürftige Angehörige eines Mitarbeiters Rezepte aus der Apotheke abholt oder ihn zum Hausarzt fährt.

Zum anderen gibt es ein "Internes Pflegenetzwerk". "Als Kliniken haben wir viele Experten, die unsere Mitarbeiter ansprechen können", sagt Koch. Dazu gehören der Schwerbehindertenbeauftragte, das Palliativ-Team, das Ethikkomitee, die Seelsorger und der Sozialdienst. "Wir wollen die Mitarbeiter schon früh unterstützen", sagt Koch, "nicht erst, wenn sie nicht mehr können."

Denn der Stress fange nicht erst an, wenn ein Elternteil bettlägerig ist, erklärt Koch. "Schon sehr viel früher, heißt es oft 'Kannst du bitte mal schnell die Fenster putzen?' oder 'Kannst du schnell noch etwas zum Essen kochen. Beim Pflegedienst schmeckt es nicht so gut.'" Diese kleinen Hilfen summieren sich im Laufe der Zeit aber immer weiter - bis es für den Einzelnen zu einer Überforderung wird.

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