Antisemitische Flüchtlinge: Historiker warnt vor Überheblichkeit

Juden in Deutschland

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Mit Blick auf antisemitische Tendenzen unter Flüchtlingen warnt Historiker David Motadel vor moralischer Überheblichkeit der Deutschen.

Der Historiker David Motadel warnt mit Blick auf antisemitische Tendenzen unter Flüchtlingen vor moralischer Überheblichkeit der Deutschen.

"Es waren nicht Muslime, die sechs Millionen Juden ermordet haben - es war die Generation unserer Väter, Großväter und Urgroßväter", sagte der Professor für Internationale Geschichte an der London School of Economics dem Evangelischen Pressedienst (epd)

Zwar seien Antizionismus und Antisemitismus unter Flüchtlingen weit verbreitet, sagte Motadel. Dies ergab auch eine Studie des American Jewish Committee (AJC) Berlin vom vergangenen Dezember. "Diese Entwicklung müssen wir offensiv angehen", sagte der gebürtige Detmolder.

Islampolitik des Dritten Reiches

Gleichzeitig dürften sich die Deutschen nicht selbstgefällig zurücklehnen. "Es mag für den einen oder anderen in diesem Land moralisch erleichternd, ja vielleicht sogar therapeutisch sein, dass sich endlich einmal nicht die Deutschen für Antisemitismus verantworten müssen - dass endlich einmal die anderen 'schuld' sind", sagte Motadel. Moralische Überheblichkeit sei jedoch unangebracht.

Für sein Buch "Für Prophet und Führer", dessen deutsche Übersetzung kürzlich im Stuttgarter Klett-Cotta-Verlag erschienen ist, untersuchte der Historiker erstmals umfassend die Islampolitik des Dritten Reiches. Nach Ansicht von Motadel stellte sich das NS-Regime als Schutzherr des Islam dar.

Auf dem Höhepunkt des Zweiten Weltkrieges, in den Jahren 1941-42, habe das NS-Regime zunehmend versucht, Muslime zum Kampf gegen angeblich gemeinsame Feinde zu mobilisieren, sagte der Historiker. An der Ostfront, wo Josef Stalin vor dem Krieg den Islam brutal unterdrückt hatte, hätten die deutschen Besatzer Moscheen und Koranschulen wieder aufgebaut - in der Hoffnung, so die Sowjetherrschaft zu unterminieren.

Auch die Wehrmacht und die Waffen-SS hat laut Motadel ab 1941 Zehntausende muslimische Freiwillige rekrutiert, die in Stalingrad, Warschau, Mailand und sogar bei der Verteidigung Berlins kämpften. Ihnen seien das Gebet und das Schächten gestattet worden, und Militär-Imame seien nicht nur für die religiöse Betreuung der Rekruten verantwortlich gewesen, sondern auch für deren politische Indoktrinierung.

"Insgesamt waren es jedoch strategische Beweggründe - nicht ideologische Vorstellungen - die hinter der deutschen Islampolitik standen", betonte der Historiker. Allerdings hätten einige führende Nationalsozialisten, vor allem Adolf Hitler und Heinrich Himmler wiederholt ihre Sympathie für den Islam bekundet und den Islam als starke, aggressive Kriegerreligion gelobt.