"Ich bin ziemlich religiös erzogen worden"

Schauspieler Michael Degen über den "Tel-Aviv-Krimi", seine Rückkehr nach Israel, Antisemitismus und eine neue Buchidee
Michael Degen

Foto: ARD Degeto/Itiel Zion

Der berühmte Avram Salzman (Michael Degen) trauert um seinen Sohn im Tel-Aviv Krimi: Masada.

Mörderjagd in Israel: In der Reihe "Der Tel-Aviv-Krimi" klärt ein Ermittlerduo im Heiligen Land Verbrechen auf – dabei sind die Kriminalfälle thematisch eng mit Religion, Politik und den Schatten der Vergangenheit verknüpft. Jetzt zeigt die ARD zwei neue Folgen der Anfang 2016 gestarteten Reihe.

In "Der Tel-Aviv-Krimi: Masada" am 23.November 2017 müssen die Kommissare Sara Stein (Katharina Lorenz) und Jakoov Blok (Samuel Finzi) klären, warum ein Archäologe, der die antike Festung Masada erforschte, bei einer Explosion ums Leben kam. Die Ermittlungen konzentrieren sich auf den Vater des Toten, den Holocaust-Überlebenden Avram Salzman, gespielt von Michael Degen. Degen kam 1932 in Chemnitz als Sohn jüdischer Eltern zur Welt und überlebte die Nazi-Zeit in wechselnden Verstecken in Berlin. Nach dem Krieg lebte er zwei Jahre lang in Israel. Zurück in Deutschland spielte Degen viel Theater, dem Fernsehpublikum wurde er vor allem mit Serien wie "Die Buddenbrooks" oder "Diese Drombuschs" bekannt. In der Krimireihe "Donna Leon" ist er als eitler Vice Questore Patta seit Jahren eine feste Größe. Michael Degen ist in dritter Ehe verheiratet und lebt in der Nähe von Hamburg. Seine Autobiographie "Nicht alle waren Mörder" wurde 2006 fürs Fernsehen verfilmt.

Herr Degen, Sie mussten sich als Kind in Berlin vor den Nazis verstecken. Nun spielen Sie in einem Krimi einen israelischen Archäologen, der ein ähnliches Schicksal erlitten hat. Eine aufwühlende Rolle, oder?

Michael Degen: Wissen Sie, ich habe mich im Grunde ein bisschen daran gewöhnt, denn ich habe das ja schon mehrmals durchlaufen. Zum Beispiel, als meine Autobiographie "Nicht alle waren Mörder" verfilmt worden ist. Der Mann, den ich diesmal spiele, hatte außerdem ein sehr viel härteres Schicksal als ich. Ich habe mich ja in Berlin verstecken können und war im Untergrund, aber ich bin nicht in ein Lager gekommen, schon gar nicht in ein Vernichtungslager – das unterscheidet mich sehr vom Schicksal der Filmfigur.

"Als die Leute erfuhren, dass ich jüdisch bin und in meiner Kindheit im Untergrund gelebt habe, wurde ich behandelt wie Gott in Frankreich"

Wie wurde das deutsche Filmteam bei den Dreharbeiten zu "Der Tel-Aviv-Krimi" in Israel aufgenommen?

Degen: Sehr höflich und sehr großzügig. Als die Leute erfuhren, dass ich jüdisch bin und in meiner Kindheit im Untergrund gelebt habe, wurde ich behandelt wie Gott in Frankreich. Als wir zum Beispiel auf Masada drehten, diesem berühmten Festungsfelsen, mussten wir den sehr steilen, schmalen und steinigen Weg zu Fuß hinaufgehen. Da wollte man es mir ersparen und hat mir eine Art Sänfte gebaut. Auf der saß ich dann und vier starke Männer trugen mich hoch. Ich saß sehr bequem auf meinem Thron und die vier waren sehr erschöpft, als wir oben ankamen. Das war ungeheuer beeindruckend. Alle blieben immer freundlich, es war wirklich zauberhaft.

Kommissarin Sara Stein (Katharina Lorenz) ermittelt in Masada: Durch Avram Salzman (Michael Degen) stöߟt sie auf ein Geheimnis.

Sie haben von 1949 bis 1951 in Israel gelebt. Konnten Sie sich bei den Dreharbeiten noch auf Hebräisch verständigen?

Degen: Ich habe bei den Dreharbeiten leider gemerkt, wie viel ich vergessen habe. Anfangs konnte ich mich nicht mehr richtig unterhalten, es ging nur sehr stockend, aber mit der Zeit und ein bisschen Übung klappte es dann wieder etwas besser.

Wieso sind Sie damals nach Deutschland zurückgekehrt, ins Land der Täter?

Degen: Ich bin ja nur nach Israel gegangen, weil ich meinen Bruder wiederfinden wollte, was mir auch gelungen ist. Meine Mutter hatte mir versprochen, dass sie bald nachkommen würde – das hat sie aber nicht eingehalten. Nach zwei Jahren wollte mein Bruder endlich unsere Mutter wiedersehen, und weil ich damals ein Engagement am Kammertheater in Tel Aviv hatte, habe ich ganz gut verdient und konnte ihm den Flug nach Deutschland bezahlen. Ich ging etwas später auch zurück und wir blieben alle in Deutschland. Ich wollte ja in meinem Beruf arbeiten und mich weiterentwickeln, und das konnte ich natürlich am besten in meiner Muttersprache.

"Es geht nicht vorwärts. Ich habe Angst, dass das eines Tages schiefgehen könnte"

Nun haben Sie in Tel Aviv gedreht. Wie hat sich die Stadt seit damals verändert?

Degen: Es ist unglaublich, was sich da getan hat. Als ich damals dort lebte, war es mehr wie eine kleine Provinzstadt, heute ist es ein kleines New York geworden. Ich habe ein besonderes Verhältnis zu diesem Land und zum Staat Israel. Ich bin auf der einen Seite sehr stolz darauf, dass das Land diese Entwicklung genommen hat, es ist wirtschaftlich sehr gewachsen und deshalb sehr selbstbewusst.

Und was ist die andere Seite?

Degen: Die andere Seite ist, dass es doch sehr schwierige politische Verhältnisse gibt, die ich für gefährlich halte. Das macht mir große Sorgen. Ich weiß, dass dieses Land sich wehren muss, aber irgendwann muss es endlich zu einem Ende der anhaltenden Konflikte mit der arabischen Seite kommen, und das sehe ich im Moment nicht. Es geht nicht vorwärts. Ich habe Angst, dass das eines Tages schiefgehen könnte.

Avram Salzman (Michael Degen) findet Trost bei seinem Sohn Elia (Yigael Sachs, l.).

Macht Ihnen auch der wachsende Antisemitismus in Deutschland Angst?

Degen: Nein, Angst macht mir das nicht. Antisemitismus gab es schon immer – leider.

Welche Rolle spielt der Glaube in Ihrem Alltag?

Degen: Mein Vater war religiös, und ich bin auch ziemlich religiös erzogen worden. Ich habe die Einsegnung, die Bar Mizwa, durchgestanden und dabei ein großes Kapitel aus der Bibel auf Hebräisch gelesen. Aber nach dem Holocaust und nachdem mein Vater tot war, habe ich jede Religion vergessen, und das hält bis heute an. Er war ja im KZ Sachsenhausen und ist zwar noch rausgekommen, aber bald danach gestorben. Er ist von den Nazis regelrecht kaputtgeschlagen worden. Die KZ-Leute wussten, dass er nicht lange überleben würde, wahrscheinlich haben sie ihn überhaupt nur deshalb gehen lassen.

Sie haben bereits mehrere autobiographische Bücher und erfolgreiche Romane geschrieben. Anfang des Jahres haben Sie angekündigt, dass Sie an einem neuen Buch schreiben wollen. Können Sie schon mehr dazu sagen?

Degen: Es gibt die Idee zu dem Buch, und ich habe mir auch schon Notizen gemacht, aber ich weiß noch nicht, was sich der Verlag genau vorstellt. Es wird wohl um die Geschichte meines Vaters gehen, aber mehr kann ich dazu noch nicht sagen.

Das Publikum kennt Sie auch als schrulligen Vice Questore Patta: Seit 18 Jahren spielen Sie in den ARD-Verfilmungen der Krimis von Donna Leon den Chef von Commissario Brunetti. Werden Sie bald wieder für die Rolle vor der Kamera stehen?

Degen: Ich muss erst die Drehbücher lesen, und die sind noch nicht fertig. Man hat mir zunächst die beiden neuen Romane in die Hand gedrückt, aber auf dieser Basis lässt sich noch nicht viel sagen. Wenn mir die Drehbücher gefallen und sich das für mich lohnt, werde ich das gern noch einmal machen.

Der jüdische Humor gilt als einzigartig. Kennen Sie einen guten jüdischen Witz?

Degen: Da muss ich kurz nachdenken – aber ja: Zwei Juden unterhalten sich und der eine fragt: "Sprechen Sie Esperanto?" Worauf der andere sagt: "Was heißt sprechen? Ich war drei Jahre drüben." Den finde ich immer wieder gut.