Das Leid der Rohingya in den Lagern in Bangladesch

Roshi Taman ( MItte) und seine Familie.

Foto: Michael Lenz

Roshi Taman (Mitte) und seine Familie leben wie die anderen Flüchtlinge haben auf ihrer Flucht schreckliches erlebt. Sie leben nun in provisorischen Hütten im Lager Kutupalong in Bangladesh.

Als "ethnische Säuberung wie sie im Lehrbuch steht" verurteilen die Vereinten Nationen die gewaltsame Vertreibung von mehr als 630.000 muslimischen Rohingya durch die Armee von Myanmar. Mehr als die Hälfte der Flüchtlinge sind Kinder und Jugendliche.

Nur mit dem, was sie auf dem Leib trugen, flohen die Rohingya in tagelangen Fußmärschen nach Cox's Bazar in Bangladesch. Dort leben seit Jahrzehnten bereits 400.000 Rohingya, die vor periodischen Gewaltwellen der Armee geflüchtet waren. In den Lagern entfaltet sich eine Flüchtlingstragödie unvorstellbaren Ausmaßes. Mehr als die Hälfte der Flüchtlinge sind Kinder und Jugendliche.

Roshi Taman ist fünfzehn Jahre alt. Seine Augen sind traurig. Der junge Mann hat schreckliche Dinge erlebt. Vor seinen Augen wurde sein Vater von Soldaten erschossen. Wie durch ein Wunder haben er und andere Familienmitglieder überlebt. "Sie haben selbst auf Flüchtende geschossen", sagt Roshi leise.

Mohammed Noor (rechts) ist 25 Jahre alt und mit seiner Frau und seinem kleinen Kind aus Rakhine geflohen.

Roshi und seine Familie leben wie die anderen Flüchtlinge in provisorischen Hütten aus Bambus und schwarzem Plastik im Lager Kutupalong im Bezirk Cox's Bazar. Die Hilfsorganisationen können gar nicht so schnell so viele Hilfsgüter beschaffen und liefern, wie für diese Flüchtlingsgroßstadt notwendig wären. Sie müssen Prioritäten setzen. Die hießen in den ersten Wochen: Notunterkünfte, Nahrung, Wasser, medizinische Versorgung.

"Zu essen gibt es", sagt Mohammed Noor. "Aber viele haben keine Kochgeschirre oder es fehlt an Feuerholz zum Kochen. Zudem brauchen wir Decken. Die Nächte sind kalt", erzählt der 25 Jahre alte Lehrer. Im beginnenden Winter können die Temperaturen in Cox's Bazar nachts auf 10 Grad sinken. Das ist reichlich ungemütlich in den zugigen Hütten mit Fußböden aus blanker Erde. Noor ist mit seiner Frau und seinem kleinen Kind aus Rakhine geflohen. "Mein Bruder und meine Schwester wurden vom Militär umgebracht."

Es ist Nachmittag, die Sonne scheint. Die Feldwege aus gelber Erde zwischen den Hütten sind staubig. Am Vormittag waren sie noch reine Schlammpisten. Ein tropisches Tief über dem nahen Golf von Bengalen hatte dem Lager einen Wolkenbruch beschert. Alles war klatschnass. Auch die unbefestigten Böden in den Hütten wie der von Roshi und Noor.

Das Lager Kutupalong im Bezirk Cox's Baza.

Hütten, Hütten, Hütten - soweit das Auge reicht. In dem Flüchtlinslager leben mindestens so viele Menschen wie in Stuttgart. Für den Bau des Lagers Kutupalong in dem hügeligen Gebiet wurde der Wald abgeholzt. "Damit sind Erdrutsche bei schweren Regenfällen und bei den Taifunen während des Monsuns vorprogrammiert", sagt Evan Parag Sarker von der "Christian Commission for Development Bangladesh" (CCDB), eine Partnerorganisation der Diakonie Katastrophenhilfe (DKH) und von Brot für die Welt. Die DKH ist mit Partnern des weltweiten kirchlichen Netzwerks ACT Alliance in den Lagern aktiv.

Kutupalong ist ein Stelldichein von weltlichen, christlichen und islamischen Hilfsorganisationen aus Bangladesch und der ganzen Welt. Die Armee sorgt für Ordnung im Lager. Ein Gremium aus den Hilfsorganisationen, den Vereinten Nationen sowie Armee und Behörden von Bangladesch koordiniert die Hilfe.

Vieles scheint ohne größere Probleme zu laufen, wie die Lebensmitteilverteilung für 1.850 Familien an diesem 1. November 2017, die von der CCDB organisiert wurde. Für 500 Taka (5,18 Euro) pro Tag schleppen junge Rohingya die Reissäcke, die Kisten mit Kochöl in Flaschen, die Pakete mit Zucker und Salz, die Tüten mit Linsen zu den LKWs zur Verteilungsstelle. "Das ist gut", sagt Rahman, 17 Jahre alt, einer der Träger. "Wenigstens haben wir heute was zu tun und verdienen etwas Geld. Hier gibt es ja sonst keine Arbeit und das Lager dürfen wir nicht verlassen.

Khaleda im weißen Kleid.

Schubweise kommen Flüchtlinge, geben ihre Lebensmittelmarken ab, erhalten ihre Ration für die nächsten vierzehn Tage. Den Reis hat das Welternährungsprogramm (WFP) der Vereinten Nationen geliefert. Die anderen Lebensmittel sind Spenden von protestantischen Hilfsorganisationen aus den USA, Kanada und Norwegen. Solche Verteilungen als Gemeinschaftsprojekte des WFP und privater Hilfsorganisationen liefen Ende Oktober/Anfang November für alle 630.000 Flüchtlinge.

Ab Mitte November übernimmt das WFP die Lebensmittelversorgung komplett. Die anderen Hilfsorganisationen werden sich dann anderen Aufgaben zuwenden können. Davon gibt es von der Einrichtung von Kindergärten über Schulen, Gesundheitszentren, Hilfe für Frauen, die Opfer sexueller und/oder häuslicher Gewalt geworden sind sowie der Seuchenvorbeugung mehr als genug. Brot für die Welt übernimmt meist nach den Nothilfeeinsätzen der Diakonie den langfristige Wiederaufbau oder Rehabilitations- und Entwicklungsarbeit. "Dies ist auch im Falle der Rohingya so geplant", heißt es in einer Email von Brot für die Welt an evangelisch.de.

Die Hilfsorganisationen und die Behörden haben ihre liebe Not, angesichts der Flüchtlingswelle mit den Hygienemaßnahmen und der Wasserversorgung Schritt zu halten. Von den 4.370 Handwasserpumpen in Kutupalong sind 30 Prozent in einem schlechten Zustand, heißt es im Ende Oktober veröffentlichten Bericht der "Inter-Sector Coordination Group". Bereits 36 Prozent der 24.773 Latrinen drohen überzulaufen. "Der anhaltende Fluss der Neuankömmlinge führt zu einem Zuwachs der Population. Das führt  zu einer Überlastung der WASH-Einrichtungen", heißt es in dem Bericht. Das Englische Kürzel WASH steht für "Wash, Sanitation und Hygiene".

Kinder an einer Handwasserpumpe.

Die Folge: Durchfallerkrankungen nehmen zu und Experten befürchten den Ausbruch der Cholera. Andere große Gesundheitsprobleme seien Haut- und Atemwegserkrankungen, sagt die Krankenschwester Khalhema Akkert, die als freiwillige Helferin in einer Lagerapotheke Medikamente ausgibt.

Um die Zukunft der Flüchtlinge ist es schlecht bestellt. Myanmar spielt ein Verwirrspiel bei der Frage, ob es die Rohingya wieder zurück ins Land lässt. Staatsrätin Aung San Suu Kyi trifft keine klaren Aussagen über eine Rücknahme der Rohingya. Ihr Sprecher U Zaw Htay wirft Bangladesch vor, die Rückführung zu verzögern, um die Millionen internationaler Geberländer abgreifen zu können. Myanmars Militär und buddhistische Mönche machen keinen Hehl daraus, dass sie die in Myanmar als "Bengali", illegal aus Bangladesch eingewanderte Bengalen, bezeichneten Rohingya, nicht zurück wollen.

Badiul Alam Majumdar sieht gewaltige Probleme auf Bangladesch und die Region zukommen. "Wenn die Rohingya nicht zurück nach Myanmar dürfen, droht eine Radikalisierung", warnt der Vorsitzende der "Bürger für gute Regierungsführung" im Gespräch mit evangelisch.de in seinem Büro in Dhaka. "Viele interessierte Gruppen in Bangladesch und außerhalb sind an den Rohingya interessiert." Der prominente Gesellschaftskritiker nennt auch Namen: die einheimischen islamischen Terrorgruppen Harkat-ul-Jihad-al-Islami, Ansarullah Bangla Team (ABT) und Jamaat-ul-Mujahideen. Die internationale Terrormiliz Al Kaida sei schon in Bangladesch präsent und den Islamischen Staat (IS) ziehe es nach seiner Niederlage im Nahen Osten nach Bangladesch, Myanmar und Südostasien. Badiul prophezeit: "Wenn Bangladesch radikalisiert wird, hat die ganze Region ein Riesenproblem."

Halima kann sich eine Rückkehr in die Heimat nicht vorstellen. Dort ist alles zerstört.

4. November 2017, Haria Khali. In dem Dorf am Ufer des Naf Flusses, der die Grenze von Bangladesch zu Myanmar/Rakhine bildet, kommen noch immer jeden Tag Hunderte Rohingya an. Unter den Neuankömmlingen sind an diesem Tag Hamida, ihr Mann Zabier und ihre Söhne Junai, 5, und Sabel, 8. Vier Tage haben sie bis zur Grenze gebraucht. Eine Woche mussten sie auf ein Boot für die Überfahrt nach Haria Khali warten. Ein zurück nach Myanmar können sie sich nicht vorstellen. Hamida sagt bitter: "Wo sollen wir hin? Unser Haus und unser Laden wurden niedergebrannt. Das Vieh haben die Soldaten beschlagnahmt. Wir haben nichts mehr. Hier ist es besser als in Myanmar."