TV-Tipp: "Spreewaldkrimi: Zwischen Tod und Leben"

13.11., ZDF, 20.15: "Spreewaldkrimi: Zwischen Tod und Leben"
Auch mit der zehnten Episode bleibt der "Spreewaldkrimi" seinem Ruf treu, eine der faszinierendsten Reihen im deutschen Fernsehen zu sein.

"Die Summe der Teile" lautete der treffende Arbeitstitel des Films, aber im Grunde passt diese Beschreibung zu allen Geschichten über den melancholischen Kommissar Thorsten Krüger (Christian Redl): weil die Drehbücher von Thomas Kirchner stets aus komplizierten und meist nicht leicht zu durchschauenden Rückblendenkonstruktionen bestehen, die wie ein Puzzle erst am Ende ein schlüssiges Gesamtbild ergeben. Dieses oftmals surreale Spiel mit Raum und Zeit ist auch deshalb so reizvoll, weil Krüger quasi in der Lage ist, sich über die Gesetze der Physik hinwegzusetzen; wenn auch nicht buchstäblich, sondern eher im metaphysischen Sinn. In "Zwischen Tod und Leben" treibt Kirchner das Spiel auf die Spitze, und auch dieser Titel hat seine Berechtigung: Der Film beginnt denkbar spektakulär mit dem Tod der Hauptfigur. Diese Ebene bildet fortan die Rahmenhandlung, denn Krügers Seele findet sich bald darauf auf einem Boot wieder, und spätestens jetzt zeigt sich: Kirchner und Regisseur Kai Wessel, der nach dem Auftakt "Das Geheimnis im Moor" (2006) und "Mörderische Hitze" (2014) seinen dritten "Spreewaldkrimi" gedreht hat, haben die zehnte Episode gewissermaßen als Hommage an die Reihe konzipiert. "Zwischen Tod und Leben" funktioniert zwar auch, wenn man die anderen Geschichten nicht kennt, aber der Film enthält derart viele Anspielungen und Hinweise auf alte Fälle, dass ihn alle Freunde der Reihe als Geschenk betrachten werden. Der Fährmann, der Krüger auf dem Styx ins Totenreich führt, ist der Hotelier Hellstein (Kai Scheve), der in mehreren Filmen der Reihe meist als Nebenfigur dabei war und sich schließlich das Leben genommen hat. Die nächtliche Fahrt führt den Kommissar an die Schauplätze seiner früheren Fälle und sorgt für ein Wiedersehen mit alten Bekannten. Die Trauerfeier für Hellstein ist fast eine Art Wiedersehensfeier. Dass sich Anna Loos und Sebastian Blomberg, die beide in "Das Geheimnis im Moor" mitgewirkt haben, sowie Anja Kling ("Feuerengel" und "Die Tränen der Fische") für diese kurze Szene Zeit genommen haben, belegt den außergewöhnlichen Stellenwert, den die vielfach ausgezeichnete Reihe genießt. Der große Rolf Hoppe ("Eine tödliche Legende") hat gar nur einen fast stummen Miniauftritt.

Während Krüger, der mit Schädelverletzung und Rauchgasverletzung im Krankenhaus liegt, auf dem Weg in den Hades ist, versucht Fichte (Thorsten Merten), der seinen Chef aus den Flammen gerettet hat, herauszufinden, woran der Kommissar zuletzt gearbeitet hat. Auf diese Weise kommt die eigentliche Krimihandlung ins Spiel: Hellsteins Sohn Knut (Tom Gramenz) hat sich mit gefährlichen Gegnern eingelassen, die offenbar bereit sind, über Leichen zu gehen. Die Spur führt zurück in die Nachwendezeit; damals haben einige Leute das große Geld gemacht, als die ostdeutsche Stromversorgung an westdeutsche Energiekonzerne verscherbelt wurde. Diese Menschen werden nun erpresst; Knut wollte sich ein Stück von dem Kuchen abschneiden.

Leider kommt der interessante Fall wegen Krügers Reise ins Jenseits ein bisschen zu kurz, und mitunter erzählt Kirchner die Geschichte womöglich auch ein bisschen zu kompliziert, aber die Verschachtelung der verschiedenen Ebenen ist erneut von großer Kunstfertigkeit, und das nicht nur wegen der diversen Übergänge. Eine Szene ist typisch für diese fast schon spielerische Methode: Als Fichte versucht, die Ermittlungen seines Chefs nachzuvollziehen, sieht er beim Blick aus der Wohnung eines Verdächtigen, wie Krüger gerade das Haus verlässt. Momente dieser Art, in denen sich der Kommissar zwischen den Zeitebenen hin und her bewegt, gibt es immer wieder; dem Film ist anzumerken, wie viel Freude diese Details Kirchner und Wessel bereitet haben. Als Krüger zu Beginn vom verstorbenen Hellstein mit dem Kahn abgeholt wird, stellt sich der Kommissar die Frage: Wenn sein Fährmann tot ist, "was bin ich dann?" "Ihre Entscheidung", antwortet Hellstein, und erst dann folgt passenderweise der Filmtitel: "Zwischen Tod und Leben". Handwerklich sind die "Spreewaldkrimis" ohnehin stets vorbildlich, doch die eigentliche Faszination entsteht durch die Montage, zumal die Rückblenden mitunter nur die halbe Wahrheit erzählen; manchmal wird auch erst später und aus anderer Perspektive nachgereicht, was unmittelbar zuvor geschehen ist. So entfaltet sich nach und nach eine Tragödie, deren Ausmaß die Wagner-Anklänge in der Filmmusik von Ralf Wienrich vollkommen rechtfertigt.

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