Wenn das Kind weder Mädchen noch Junge ist

Rosa und Blaue Fußabdrücke

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Wenn das Geschlecht bei der Geburt nicht feststeht, soll es für intersexuelle Kinder im Geburtenregister künftig ein drittes Geschlecht geben.

Intersexuelle Kinder haben sowohl männliche als auch weibliche Geschlechtsmerkmale. Für sie soll es im Geburtenregister künftig ein drittes Geschlecht geben. Auch ihre medizinische Versorgung wirft Fragen auf. Eine Mutter erzählt.

Sonja sollte ein Mädchen sein. Das sagten zumindest die Ärzte in der Schwangerschaft zu Katharina Berg (Namen geändert). Doch kurz nach der Geburt war klar: Das Baby, das Sonja heißen sollte, war kein Mädchen. Aber auch kein Junge: Die Ärzte konnten sein Geschlecht nicht eindeutig bestimmen. "Wir nannten unser Kind dann erst mal Bärchen", erzählt Berg.

Intersexuelle Menschen können nicht eindeutig einem Geschlecht zugeordnet werden. Ihre Chromosomen, Hormone, Keimdrüsen und Genitalien weisen sowohl männliche als auch weibliche Elemente auf. Es gibt viele Variationen, und nicht alle sind sofort an einem auffälligen Genital sichtbar. Manche intersexuelle Menschen sehen weiblich aus, haben aber statt Gebärmutter und Eierstöcken Hoden im Bauchraum.

Experten schätzen, dass in Deutschland im Jahr 150 bis 200 Kinder mit uneindeutigem Geschlecht zur Welt kommen. Das Bundesverfassungsgericht entschied jetzt, dass Standesämter für sie ein drittes Geschlecht vorsehen müssen. Bisher erlaubt das Personenstandsgesetz nur die Wahl zwischen "männlich" und "weiblich" oder den Verzicht auf eine Eintragung.

Nach einer aktuellen Studie der Ruhr-Universität Bochum stellen sich Mütter und Väter intersexueller Kinder anfangs allerdings weniger rechtliche, sondern ganz praktische Fragen: "Wie rede ich mein Kind an? Was ziehe ich ihm an? Auf welche Toilette soll es später mal gehen?", sagt Sozialwissenschaftlerin Anike Krämer, die für die Studie Elternpaare in NRW befragt hat.

Katharina Berg machte sich nach der Geburt Sorgen. Die größte: dass sich ihr Kind irgendwann outen muss. Deshalb beschlossen sie und ihr Mann schnell, offen mit seiner Intersexualität umzugehen. "Das war die Erlösung", sagt die Mutter heute. Mit ihrer Offenheit ernteten die Bergs Überraschung, Interesse und Neugier - aber nie Ablehnung.

Bärchen nannten sie dann doch Sonja. Von klein auf wusste Sonja, dass sie nicht nur ein Mädchen ist. Sie sagte bald selbstbewusst: "Ich bin beides." Dass Sonja trotzdem mit weiblichem Namen und eher weiblichem Körper aufwuchs, liegt auch an den Ärzten, die sie nach der Geburt behandelten.

Mangelnde Vorstellungskraft der Ärzte

Sie empfahlen eine Entfernung der Hoden im Bauchraum wegen des erhöhten Krebsrisikos. "Aber auch, weil die Ärzte sich ein - sei es vorübergehendes - Aufwachsen in einem nicht festgelegten Geschlecht nicht vorstellen konnten", vermutet Katharina Berg. Heute sieht sie den Rat der Ärzte kritisch. Niemand habe gefragt, ob der Eingriff nicht die Rechte eines Kindes verletzt, das nicht selbst über seinen Körper entscheiden kann.

Noch bis vor 15 oder 20 Jahren hätten Ärzte meist versucht, das Geschlecht intersexueller Kinder "bestmöglich" festzulegen, erklärt die Psychologin Katinka Schweizer vom Institut für Sexualforschung des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf. Selbsthilfegruppen wie der Verein "Intersexuelle Menschen" prangern diese sogenannten geschlechtsangleichenden Operationen heute als Menschenrechtsverletzung an.

Zwar sind nach Schweizers Einschätzung mittlerweile viele Ärzte deutlich zurückhaltender. "In der Praxis kommt der Druck aber oft auch von Eltern, die wollen, dass ihr Kind 'normal' aussieht." Gründe dafür seien meist Ängste und Unsicherheit. Schweizer fordert deshalb wie die Sozialwissenschaftlerin Krämer mehr Beratung. Die Bochumer Forscher sind zudem für ein Verbot rein kosmetischer Operationen an Kindern.

Katharina Berg würde heute anders über die OP entscheiden. "Ich weiß jetzt, dass es möglich ist, ein Kind geschlechtsoffen zu erziehen", sagt sie. Zwar sei ein solcher Weg nicht immer leicht, aber es gebe Hilfe. Der Verband "Intersexuelle Menschen" bietet etwa Peer-Beratungen und Selbsthilfegruppen an. "Gespräche mit anderen Eltern sind uns bis heute eine große Stütze", sagt Berg.

Heute würde sie warten, bis sich ihr Kind selbst äußern kann. Tatsächlich fand Sonja schon mit vier Jahren deutliche Worte. Sie sagte, diese "Mädchentabletten" - die Hormonersatztherapie, von der ihre Eltern erzählt hatten - werde sie nicht nehmen. Inzwischen ist Sonja zwölf und bezeichnet sich als intersexuellen Menschen, der zu den Jungs gehört. Bald wird er anfangen, männliche Hormone zu nehmen. Und wahrscheinlich heißt Sonja bald nicht mehr Sonja, sagt Katharina Berg. Seinen neuen Namen solle sich ihr Kind selbst aussuchen.