Pro und Kontra: Soll die Wittenberger "Judensau" bleiben oder nicht?

Mittelalterliche 'Judensau'. Relief an der Stadtkirche St. Marien in der Lutherstadt Wittenberg
Foto: epd-bild / Norbert Neetz
Pro und Kontra: Soll die Wittenberger "Judensau" bleiben oder nicht?
Solch diffamierende Reliefs gibt es zuhauf in Deutschland: Das älteste hängt am Brandenburger, ein anderes gut sichtbar am Kölner Dom. Im Jahr des 500. Reformationsjubiläums ist nun die Schmähskulptur "Judensau" an der Wittenberger Stadtkirche Ausgangspunkt der Debatte.

Das Relief, das um 1300 angebracht wurde, zeigt eine Sau, an deren Zitzen sich Menschen laben. Sie, wie auch der Mann, der der Sau in den After schaut, sollen Juden sein. Mit der Schmähung sollten Juden abgeschreckt werden, sich in der Stadt niederzulassen. Wegen einer nachträglich ergänzten Inschrift wird das Relief auch "Luthersau" genannt. Der Reformator Martin Luther (1483-1546) hetzte besonders in seinen späten Schriften gegen Juden.

Soll die diffamierende Plastik bleiben? Der Evangelische Pressedienst (epd) mit den Pro- und Kontra-Argumenten:

PRO:

Die Stadtkirchengemeinde will die Skulptur an Ort und Stelle belassen. Als eine der ersten Kirchengemeinden in Deutschland habe die Stadtkirchengemeinde 1988 ein Mahnmal eingeweiht, das sich auf die Schmähplastik beziehe. Die Bodenplatte lege sich dem Besucher förmlich in den Weg, heißt es in einem Positionspapier der Gemeinde. Auf diese Weise werde ein Erinnerungsstück der Geschichte bewahrt und zugleich schuldbewusst und kritisch kommentiert. "Geschichte soll nicht versteckt werden und Geschichtsvermittlung gelingt am eindrücklichsten am authentischen Ort". Auch Landesbischöfin Ilse Junkermann hat sich für einen Verbleib ausgesprochen. Die Kirche stehe zu ihrer Geschichte, auch wenn sie schmerzhaft sei, sagte sie laut MDR.

Der Wittenberger Stadtrat sprach sich Ende Juni ebenfalls für den Erhalt der Schmähskulptur aus. Die Fraktionen argumentierten, unterhalb des Reliefs befinde sich bereits eine Gedenkplatte, die auf die Folgen des Judenhasses hinweise. Es könne deshalb als Mahnmal angesehen werden, hieß es in der Erklärung. In diesem Sommer ist auf Initiative des Stadtrates zudem eine Stele neben der Gedenkplatte angebracht worden, mit einem Erklärtext in deutscher und englischer Sprache.

Und auch der Wittenberger Friedrich Schorlemmer, evangelischer Theologe und Ex-DDR-Bürgerrechtler, will das Relief nicht abgenommen sehen: "Wieso diese Schmähplastik, diese gräuliche Judenverspottung an der Stadtkirche Wittenberg, nicht endlich abhaken, zu Staub zermalmen?", schrieb er provozierend in einem Meinungsartikel und betonte dagegen, Geschichte lasse sich nicht einfach entsorgen. In jedem Jahr erinnere die Stadtkirchgemeinde an die Reichspogromnacht von 1938. "Die mahnende Erinnerung darf nie aufhören."

KONTRA:

Der Münchner Künstler Wolfram P. Kastner blickt mit einem gewissen Abstand nach Wittenberg, nicht jedoch auf die umstrittenen Skulpturen: Seit Jahrzehnten setzt er sich dafür ein, antijudaistische Schmähplastiken zu entfernen. "Das Bild behält seine verhöhnende Funktion, auch wenn daneben eine Gedenk- oder Informationstafel angebracht wird", sagt Kastner. Er plädiert dafür, solche Reliefs zwar nicht zu zerstören, aber in das Innere der Kirche zu verlegen. Zusätzlich, so Kastner, müsste die historische Bedeutung und die Wirkung solcher Schmähskulpturen schonungslos offengelegt werden. "Wir brauchen ein Schuldeingeständnis und müssen alles dafür tun, dass Antisemitismus und Rassismus nicht mehr möglich ist."

Die Initiative um den ehemaligen Studienleiter der Evangelischen Akademie in Hamburg, Ulrich Hentschel, den Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik und den Theologen Uwe-Karsten Plisch will die Skulptur entfernen lassen. In dem Relief sehen die Kritiker eine anhaltende Schmähung jüdischer Menschen und des Judentums", wie aus ihrem Kundgebungsaufruf für den 28. Oktober hervorgeht. Das Relief solle, im Original oder als Duplikat, direkt neben der Kirche in einem "neugestalteten Kontext" präsentiert werden, um zum Nachdenken anzuregen und eine Absage an Antisemitismus zu formulieren, fordern sie. Sie verweisen in ihrem Aufruf auf eine Erklärung der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), mit der sie sich von Luthers Judenfeindschaft distanziert.

Eine weitere Initiative um dem messianische Juden und Theologen Richard Harvey will ebenfalls die Abnahme der Skulptur erreichen - jedoch soll das Relief in ein Museum überführt werden. Harvey startete eine Petition, die bisher gut 8.000 Unterschriften zählt. In 13 Sprachen erklärt der Londoner, das Gotteshaus "sollte ein Ort sein, der mit Würde und Schönheit und nicht mit Obszönität und schockierenden antisemitischen Bildnissen geschmückt ist". Die Skulptur sei bis heute ein Angriff auf Juden und verspottet sie und ihren Glauben.