Bärbel Dieckmann: Steigende Zahl Hungernder ist deprimierend

Um den Hunger wirksam zu bekämpfen, muss der Teufelskreis der Armut durchbrochen werden, fordert die Deutsche Welthungerhilfe. Wirtschafts- und Steuersysteme müssten so gestaltet werden, dass sie die Ungleichheit abbauen.

Kriege und bewaffnete Konflikte, fehlende Rechte für Frauen, schlechte Regierungsführung, Handelsvorteile für reiche Länder, Klimawandel: Der anhaltende Hunger in der Welt hat viele Ursachen. In den vergangenen Jahren habe sich die Lage im Weltdurchschnitt zwar verbessert, sagte die Präsidentin der Welthungerhilfe, Bärbel Dieckmann, bei der Vorstellung des Welthunger-Indexes 2017 (WHI) am Donnerstag in Berlin. Die Zahl der hungernden Menschen sei jedoch alarmierend.

Laut UN-Angaben vom September stieg die Zahl der Hungernden weltweit innerhalb eines Jahres sogar wieder um 38 Millionen auf 815 Millionen Menschen an. Der Hunger treffe vor allem Menschen in Südasien und in Afrika südlich der Sahara. In Ländern wie dem Südsudan, Nigeria, Somalia und dem Jemen drohten derzeit sogar neue Hungersnöte.

Wenn sich die Entwicklung verstetige, sei das UN-Ziel, den Hunger in der Welt bis 2030 zu beenden, nicht mehr erreichbar, obwohl Experten dies bei guter Regierungsführung sogar bis 2025 für machbar hielten, sagte Klaus von Grebmer vom Washingtoner Internationalen Forschungsinstitut für Ernährungs- und Entwicklungspolitik (IFPRI). "Den Hunger zu beenden, ist keine Hexerei", betonte Grebmer: "Gute Regierungsführung und keine Konflikte sind die wesentlichen Faktoren, die Länder aus dem Hunger zu führen."

"weltweit himmelschreiende Ungerechtigkeit"

Bei der Verteilung von Lebenschancen herrsche weiter "weltweit eine himmelschreiende Ungerechtigkeit", die auch zu Hunger führe, sagte Dieckmann: "Der Mechanismus 'arm bleibt arm' und 'reich wird immer reicher', muss unterbrochen werden." Dafür müssten weltweit soziale Grundsicherungssysteme sowie Wirtschafts- und Steuersysteme eingeführt werden, die Ungleichheit abbauen.

Im Welthunger-Index werden die Werte, nach denen die Hungersituation ermittelt wird, in 43 Ländern als niedrig beschrieben. In 24 Ländern sind sie als mäßig und in 44 Ländern, darunter der Hälfte aller Länder in Ost- und Südostasien, als ernst eingestuft. In weiteren sieben Ländern wird die Lage als sehr ernst bewertet. Dazu zählen der Tschad, Liberia, Madagaskar, Sierra Leone, Sambia, der Sudan und der Jemen. Als gravierend wird die Hungersituation in der Zentralafrikanischen Republik eingestuft. Dort seien seit 17 Jahren keine Fortschritte erzielt worden, hieß es.

Fortschritte in Brasilien und Peru

Informationen internationaler Organisationen ließen zudem vermuten, dass neun weitere Länder, die wegen fehlender Daten nicht in dem Index berücksichtigt sind, Anlass zu ernster Sorge geben, hieß es. Dazu zählen Burundi, die Demokratische Republik Kongo, Eritrea, Libyen, Somalia, der Südsudan und Syrien. In 14 Ländern, darunter Brasilien und Peru, hätten sich die Werte seit dem Jahr 2000 hingegen deutlich verbessert.

Die Fortschritte bei der Bekämpfung des Hungers werden in dem Index durch einen Rückgang des Indexwerts um 27 Prozent von 29,9 im Jahr 2000 auf 21,8 im vergangenen Jahr verdeutlicht. 1992 lag der Index bei einem Wert von 35,2. Grundlage der Berechnung sind den Angaben zufolge die Faktoren unzureichende Kalorienaufnahme, Unterernährung bei Kindern und die Sterblichkeitsrate von Kindern unter fünf Jahren. Westeuropa, die USA, Kanada, Australien und Neuseeland sind als reiche Länder nicht in den Index miteinbezogen worden.