Auf Krücken in der Metallwerkstatt

In Nigeria kämpfen Behinderte ums Überleben und um ihre Rechte
Die meisten Behinderten in Nigeria leben vom Betteln - mehr schlecht als recht. Doch auch diejenigen, die das Glück eines Berufs haben, müssen kämpfen.

Foto: epd/Andrea Staeritz

Die meisten Behinderte in Nigeria leben vom Betteln - mehr schlecht als recht. Doch auch diejenigen, die das Glück eines Berufs haben, müssen kämpfen - gegen Übergriffe, Gewalt und Willkür. So wie der gehbehinderte Metallbauer Kabiru.

Der Schweißer Abdulaj Ilyas flitzt auf einem Rollbrett hin und her. Hussein Kabiru, der Manager, humpelt wegen seiner gelähmten Beine auf Krücken durch die Werkstatt und nimmt Aufträge entgegen. Abdulrahman Ibrahim, dem ein Bein fehlt, misst Bohrlöcher mit Messlatte und Bleistift aus. Die drei behinderten Männer führen eine Metallwerkstatt am Rande eines Busbahnhofs in Nigerias Hauptstadt Abuja. "Wir helfen uns hier gegenseitig mit Werkzeugen aus und unterstützen uns, wenn ein Job schnell gehen muss", erklärt Kabiru. "Aber einen Chef gibt es hier nicht."

Angefangen hat alles in einem Rehabilitations-Zentrum für Behinderte im zentralnigerianischen Ort Bwari. "Wir haben dort vor 15 Jahren einen der ersten Lehrgänge absolviert und dann mit der Abschlussprämie Werkzeuge gekauft", sagt Ibrahim in holperigem Englisch. Heute bilden er und seine zwei Kollegen junge Menschen aus, vor allem Nichtbehinderte. Sie stellen Dinge her wie Untertische, Stühle, Bänke und Geländer.

"Arbeiten und in Würde leben"

Jedes Jahr verlassen inzwischen etwa 100 Absolventen das Reha-Zentrum Musa Bala Tsoho in Bwari, gut 50 Kilometer nördlich von Abuja. Comrade Musa, wie sich der Direktor nennt, ist seit einem Unfall als Kind gelähmt. Doch er gab nicht auf. Er erzwang einen Schulbesuch und erlernte den Beruf des Schweißers. Heute bildet er körperlich Behinderte zu Schweißern, Schneidern und Elektronikern aus und bringt ihnen Schreiben und Rechnen bei. "Das Problem ist die Kombination von Armut, fehlender Bildung und Behinderung", sagt Musa.

Früher nahm die Polizei behinderte Bettler fest und setzte sie am Stadtrand aus. Seit knapp 15 Jahren bringt sie sie ins Reha-Zentrum. "Unsere Auszubildenden lernen, etwas akkurat und professionell herzustellen. Dafür brauchen sie Basiswissen", sagt Direktor Musa. "Dann können sie arbeiten und in Würde leben." Jeden Tag werden zwei Stunden Englisch, Rechnen und Sozialkunde unterrichtet, bevor die handwerkliche Ausbildung beginnt.

Insbesondere Frauen werden diskriminiert

"Wenn es nicht diese Gier und Habsucht gäbe, bekämen wir auch ausreichend Unterstützung", schimpft der Direktor. Wegen Korruption und Veruntreuung von Geldern kämpft das Projekt ständig ums Überleben. Aber das Reha-Zentrum hat im Laufe der Jahre eine eigene Kundschaft gewonnen. Die Qualität der Produkte ist so gut, dass Musa überdurchschnittliche Preise verlangen kann.

In der Metallwerkstatt des Reha-Zentrums sprühen die Funken, eine Spezialanfertigung, eine Tür, muss geliefert werden. Abdallah Adamu konzentriert sich auf die Naht, die beiden Metallstücke verschmelzen. Er setzt die Sonnenbrille ab, mehr Augenschutz gibt es nicht. Adamu ist stolz, endlich Zeitung lesen zu können. Er verpasst keine Unterrichtsstunde in Bwari: "Man muss informiert sein, damit man seine Rechte kennt!"

Für die Rechte Behinderter kämpft die Mikrobiologin und Soziologin Ekaete Judith Umoh seit gut 20 Jahren. Sie ist die Vorsitzende des nationalen Behindertenverbandes JONAPWD. "Wir sind eine Menschenrechtsorganisation", sagt Umoh. "Wir schätzen Wohltätigkeit, aber es geht uns um Inklusion und unsere Rechte." Insbesondere Frauen würden diskriminiert, seien sexuellen Übergriffen und Vergewaltigungen ausgesetzt, die selten öffentlich würden.

Kein einklagbares Recht auf Schutz vor Übergriffen

"Betteln ist oft der einzig mögliche Broterwerb", erläutert Umoh, die wegen einer Hüftfehlstellung auf Krücken angewiesen ist. "Aber in der Regel werden die Behinderten von Polizisten von den Straßen vertrieben, häufig auch zusammengeschlagen und bestohlen." Der Behindertenverband kämpft für eine soziale Absicherung und rechtlichen Schutz. 1993 wurde ein Dekret zur Gleichstellung von Behinderten im Bildungssektor verabschiedet. "Diese Regelung hat aber keine Schutzfunktion", klagt Umoh. "Sie gibt Behinderten kein einklagbares Recht und keinen Schutz vor Übergriffen."

Ein Gesetzesprojekt liegt seit vergangenem Jahr auf Eis. Schweißer Ilyas sieht dringenden Bedarf für einen gesetzlichen Schutz. Mehr noch als Nichtbehinderte seien sie Übergriffen ausgeliefert, wie zum Beispiel Diebstählen, sagt der gehbehinderte Mann. "Manche Leute denken, sie können mit uns machen was sie wollen."