Unterwegs mit Bronzeengel in der Tasche

cbrunk9990-45_i-201.jpg

Foto: Dagmar Brunk

Seit fast 20 Jahren ist Pfarrerin Ulrike Johanns am Frankfurter Flughafen tätig. Zusammen mit ihrem Team ist sie dort "die" Ansprechpartnerin der Evangelischen Kirche – für Tausende von Beschäftigten und Fluggästen gleichermaßen. Gerade ist ihr drittes Buch "Begegnungen zwischen Ankunft und Abflug" erschienen.

Der Frankfurter Flughafen. Kommen und Gehen. Lärm, Stress und große Gefühle. Und mittendrin Ulrike Johanns. Unaufgeregt, authentisch, kritisch, herzlich. An jedem Arbeitstag geht die heute 63-Jährige "ihre Runde" über Deutschlands größten Airport. Immer mal wieder neue, andere Wege. Und an fast jeder Ecke - am Security-Check genauso wie im Duty-free-Shop, vor der Edelboutique wie auch im Supermarkt - wird sie erkannt, schallt ihr ein "Guten Morgen", "Hello" oder "Buon giorno" entgegen.

Einige Tausend Reisende und Angestellte haben die Evangelische Pfarrerin in den vielen Jahren, die sie am Flughafen arbeitet, um ihren Segen oder ein gutes Wort gebeten, ihr ihr Herz ausgeschüttet und mit ihr gebetet. "Zuhören und die Menschen ein Stück ihres Weges begleiten - das ist mein Hauptjob", sagt sie ruhig. Darin unterscheidet sie sich vermutlich kaum von anderen Seelsorgern. Doch eine Gemeinde, die aus über 80.000 Angestellten aus 78 Nationen von 500 verschiedenen Arbeitgebern und rund 60 Millionen Fluggästen jährlich besteht, nein, die hat in Deutschland wohl keine andere. Ulrike Johanns ist also ein Unikat. Ein "Fels in der Brandung" inmitten des geschäftigem Treibens. "Ja, der Flughafen birgt eine gewisse Hektik und Anonymität", sagt Ulrike Johanns, "aber, sobald ich mich Menschen zuwende und mit ihnen ins Gespräch komme, verliert sich das." Die großen Gefühle, Freude, Trauer, Hoffnungslosigkeit, Abschied und Wiedersehen, das erlebt die gebürtige Westerwälderin an diesem Arbeitsplatz jeden Tag. "Oft tut es schon ein Last-minute-Segen", sagt sie augenzwinkernd. Manchmal aber braucht es lange und tiefe Gespräche, um Sorgen zu lindern oder zu helfen über Verlust und Trauer hinwegzukommen.

Der "melting pot" Flughafen

Als einen "Spiegel der Gesellschaft und der Globalisierung" empfindet Ulrike Johanns ihren Arbeitsplatz. Ob nun der Absturz von Flugzeugen irgendwo auf der Welt oder Naturkatastrophen wie der Tsunami - alles hat unmittelbare Auswirkungen auf ihre Arbeit, weil sich viele Wege hier kreuzen. Auch "9/11" war so ein tragischer Auslöser. Ihre erste Reaktion war Entsetzen. Doch dann wurde nach den Anschlägen schnell klar, dass besonders hier, einem Schmelztiegel vieler Kulturen, Nationalitäten und Religionen, die Ressentiments gegen arabisch aussehende Menschen zutage traten. Zusammen mit dem Frankfurter Rabbiner Menachem Halevi Klein und dem Mannheimer Imam Bekir Alborga organisierte sie im darauffolgenden Dezember eine "Abrahamische Feier", die es seitdem jedes Jahr, nun in Verantwortung der Fraport, gibt und die viel Zuspruch erfährt. "Uns war an dieser Stelle besonders wichtig, das Gemeinsame, das Verbindende der Religionen deutlich zu machen", sagt Ulrike Johanns, "bei Musik und gemeinsamem Essen steht hier die Friedensbotschaft der Religionen im Vordergrund, ebenso die Neugierde aufeinander und die Schönheit der jeweils anderen Tradition."

Pfarrerin und Autorin

"Mir bedeuten solche Traditionen viel", sagt Ulrike Johanns. "Was meiner Meinung nach in all den schrecklichen und ergreifenden Momenten hilft, ist, beieinander zu stehen. Davon bin ich fest überzeugt." Und so hat sie etwa auch mit dem Format "Die andere Mittagspause" eine Gelegenheit für viele Flughafen-Mitarbeiter aus ganz unterschiedlichen Bereichen geschaffen, um miteinander innezuhalten, zu singen und zu beten.
Nach einer Ortsgemeinde irgendwo in Frankfurt oder anderswo war ihr nie, sagt die verheiratete Pfarrerin, die zuvor 15 Jahre in einem Krankenhaus tätig war. Ihr ist wichtig, dass sie zu vielen der hier Beschäftigten ein persönliches Verhältnis aufgebaut hat. Auch, weil viele in ihre Gottesdienste und zu Veranstaltungen kommen - und diese sogar mitgestalten. Davon erzählt auch das im Juni publizierte Büchlein "Auf ein Wort", das sie selbst herausgegeben hat: Es finden sich darin Andachtstexte von Menschen, die seit 2014 in der Kapelle oberhalb von der Abflughalle in Terminal 1 gesprochen haben. Männer und Frauen, die bei Fraport, Lufthansa, Bundespolizei oder Gebrüder Heinemann tätig sind. Ein Buch, das einen Querschnitt der Lebenswelt am Flughafen widerspiegelt, viele Aspekte des Miteinanders und des Glaubens, auch und gerade inmitten dieser schnellen Mobilität.

"Wir sind Bojen im Chaos der Gefühle"

Als "Bojen im Chaos der Gefühle" bezeichnet Johanns ihr Team und sich: "Wir bieten ein Stück Halt. Denen, die ankommen, denen, die abreisen und auch denen, die bleiben." Sie, die dafür bekannt ist, dass sie beharrlich für ihre Ideen kämpft und nicht so leicht lockerlässt, ist auch stets zur Stelle, wenn schnelle Hilfe gefragt ist. Etwa wenn eine Fluggesellschaft sie an Bord einer Maschine bittet, weil auf dem Flug ein Passagier verstorben ist. "Das sind keine leichten Gänge", erzählt die Seelsorgerin nachdenklich, "aber ich habe dann immer einen kleinen Bronzeengel dabei, den ich, wenn es mir passend erscheint, den anderen als Trost oder Begleiter auf ihren Weg mitgebe. Schon oft wurde er dankbar angenommen. Einmal kam sogar ein junger Mann aus den USA auf der Durchreise zu mir und zeigte mir den Engel, den ich vor vielen Jahren seiner Mutter in die Hand gelegt hatte, weil sie den Tod ihres Mannes verkraften musste, und der ihn nun auf seinen Reisen schützen soll."

Erlebnisse in den Terminals und an Bord

Auch diese Geschichte findet sich im nun dritten Buch von Ulrike Johanns als Autorin und Herausgeberin, das diesen Monat erscheint. Es heißt "Begegnungen zwischen Ankunft und Abflug" und macht die unglaubliche Bandbreite von Geschichten, Begebenheiten und Gefühlen der Flughafenwelt deutlich. "Wieder konnte ich großartige Mitautoren gewinnen, die hier am Flughafen arbeiten oder eine Verbindung zu diesem Ort haben. In den über zwanzig Texten erzählen sie von ihren Erlebnissen in den Terminals und an Bord von Flugzeugen. Und so kommt eine emotionale, eine zwischenmenschliche Seite der Flughafenwelt zum Vorschein, die sicher für viele Leser überraschend ist", so Ulrike Johanns.
Man findet Ulrike Johanns und ihr Team am Flughafen in Terminal 1, Abflughalle B, Raum 3135. Dort ist auch die Flughafenkapelle, wo mittwochs um 12 Uhr unter dem Motto "Die andere Mittagspause" eine Konzert- und Veranstaltungsreihe stattfindet.