Trump und die religiösen Rechten

US-Präsident Donald Trump hält am 04.10.2017 im Las Vegas Metropolitan Police Department während eines Treffens mit Rettungskräften die während des Massakers vom 02.10.2017 im Einsatz waren, eine Baseball-Mütze der Polizei-Einheit LVMPD.

Foto: dpa/Evan Vucci

US-Präsident Donald Trump hält am 04.10.2017 im Las Vegas Metropolitan Police Department während eines Treffens mit Rettungskräften, die während des Massakers vom 02.10.2017 im Einsatz waren, eine Baseball-Mütze der Polizei-Einheit (LVMPD).

Der amerikanische Präsident Donald Trump ist ein rotes Tuch für Liberale und Progressive. Umso mehr kann er sich auf rechtskonservative Kräfte verlassen, dazu gehören in den USA viele evangelikale Gemeinden. Daran scheint auch das Massaker von Las Vegas wenig zu ändern.

Eineinhalb Wochen nach dem Massaker von Las Vegas, bei dem ein Scharfschütze von einem Hotelfenster aus 58 Konzertbesucher ermordete und Hunderte verletzte, tappen die  Ermittlungsbehörden an einem entscheidenden Punkt weiterhin im Dunkeln. Sie rätseln über das Tatmotiv für den tot aufgefundenen Täter Stephen Paddock.

Für das Urgestein der christlichen Rechten in den USA, den TV-Prediger Pat Robertson, lag der Grund dagegen schon tags darauf auf der Hand. Solcherlei "Gewalt auf den Straßen", sagte der 87-jährige Televangelist in seinem Fernsehsender "Christian Broadcasting Network", breche deshalb aus, "weil wir Autorität missachten. Unser Präsident wird respektlos behandelt, in der gesamten Nation. Man sagt schreckliche Dinge über ihn. In den Nachrichten und anderswo auch."    

Solche Absurditäten sind aus dem Mund von Robertson nichts Neues. Er glaubt seit Langem, dass bei Naturkatastrophen und Terroranschlägen ein strafender Gott die Finger im Spiel hat, um für die Umkehr vor Dämonen und Sündhaftigkeit zu sorgen. Im jüngsten Fall sind Robertsons Auffassung zufolge wie so oft respektlose Minderheiten schuld: "Unserer Nationalhymne und unseren Kriegsveteranen schlägt Respektlosigkeit entgegen", womit er beim Abspielen der Nationalhymne knieende, gegen Rassismus und Polizeigewalt protestierende afroamerikanische Athleten meint. "Respektlosigkeit gegenüber unseren Regierungsinstitutionen, Respektlosigkeit gegenüber unserer Justiz", sagte er, "links und rechts, wo man hinsieht: Respektlosigkeit". 

Gebete statt Reformen

Mit solchen Aussagen stößt Robertson bei seinen evangelikalen Kollegen selten auf Kritik, sei es, weil sie ihm den Altersbonus zubilligen, sei es wegen seiner Verdienste um die rechts-evangelikale Bewegung, oder möglicherweise, weil sie ihm heimlich zustimmen. Jedenfalls hielten sich die ihm verbundenen Honoratioren nach Las Vegas an das bewährte Muster, bei Erklärungsnot aus politischer Opportunität auf Kritik (etwa an der Waffenlobby "National Rifle Association") zu verzichten und stattdessen Gebete anzumahnen: Gebete für die Opfer von Las Vegas - und Gebete für den Präsidenten Donald Trump. Trump bezeichnete, zum Fototermin extra nach Las Vegas gereist, die Tat als "Akt des absolut Bösen". Seine Pressesprecherin Sarah Huckabee Sanders, lenkte Nachfragen nach Reformen, etwa in der Waffenkontrolle, mit den Worten ab, jetzt sei die "Zeit, um das Land zu einen", nicht für eine politische Debatte.

Selbst der bisher opferreichste Massenmord eines Einzeltäters in den USA kann das Bündnis zwischen Rechtsevangelikalen und Donald Trump nicht erschüttern. Der Blick nach innen findet nicht statt, denn eine kritische Selbstreflexion wird von den selbsternannten Hütern der Moral im "christlichen Amerika" kaum angemahnt. Der ist ihrem Selbstverständnis in punkto Waffen nach auch nicht nötig. Laut Umfragen sind US-Evangelikale die mit Abstand größte religiöse Gruppierung, die die Kontrolle über Waffenbesitz und -erwerb ablehnt. Unter Gläubigen in den USA besitzen evangelikale Haushalte mit größerer Wahrscheinlichkeit als andere eine oder mehrere Waffen. Die Todesstrafe lehnt nur etwa die Hälfte der US-Evangelikalen ab.

"Religiöse Rechte sind in Arbeit"

Schon die extrem hohe Bereitschaft weißer evangelikaler Christen, Donald Trump zu unterstützen, unterschied sie von anderen Gläubigen. 81 Prozent von ihnen stimmten im November 2016 für ihn - obwohl der Immobilien-Mogul dreimal geschieden ist, frauenfeindliche Kommentare machte, kaum die Kirche besucht und sich damit brüstete, er habe "keine Lust, Gott um Verzeihung zu bitten". Doch der Wahlkämpfer Trump verstand es, einen Großteil der Evangelikalen - sie stellen ein Viertel der Wähler - auf seine Seite zu ziehen. Dazu gehörte das (inzwischen eingehaltene) Versprechen, in Washington für eine konservative Mehrheit im Obersten Gerichtshof zu sorgen. Damit ist die Wiederherstellung eines politisch-religiösen Grundsatzes, den das rechte Amerika seit der Legalisierung des Schwangerschaftssabbruches im Jahr 1973 hegt, wieder möglich geworden: das Abtreibungsverbot. Daneben versprach Trump "religiöse Rechte" und Kabinettsposten. An prominentester Stelle befinden sich dort Vizepräsident Mike Pence und Bildungsministerin Betsy DeVos, beide stramm Rechtskonservative. Und die "religiösen Rechte" sind in Arbeit: etwa dass Kirchen und andere steuerbefreite Organisationen in der Politik explizit Partei für einen Kandidaten ergreifen dürfen.

Bündnis mit leichten Rissen

Obwohl Trump bei den Evangelikalen als Wähler- und Unterstützerblock wie bei keiner anderen Gruppe auf so viel Loyalität stößt, ist es im Lager der religiösen Rechten im Sommer dennoch zu einem ersten Rumoren gekommen. Anlass waren Trumps Äußerungen nach dem Neonazi-Aufmarsch im Charlottesville im Bundesstaat Virginia, bei dem eine Gegendemonstrantin von einem Rechtsradikalen umgebracht worden war. Dass es "auf beiden Seiten sehr nette Menschen" (so Trump) gegeben habe, und Trump sich ursprünglich weigerte, gegen Neonazis prinzipiell Stellung zu beziehen, stieß einigen evangelikalen Gemeinden so auf, dass sie Ende September einen offenen Brief schrieben. Neben Honoratioren der Southern Baptists unterzeichneten ihn auch evangelikale Pastoren. Darin wird Trump aufgefordert, "sich den vielen anderen politischen und religiösen Führern anzuschließen, damit einstimmig festgestellt wird, dass die 'Alt-Right' rassistisch und böse sowie das Gegenteil einer wohlgeordneten, friedliebenden Gesellschaft ist." Neben dem Präsidenten der Southern Baptist Convention Steve Gaines und deren Alterspräsidenten Fred Luther unterzeichneten die USA-weit bekannten afroamerikanischen evangelikalen Pastoren T.D. Jakes und Tony Evans.

Auch Trumps evangelikales Beraterteam, das sich zu seiner Unterstützung im Juni 2016 unter dem Namen "Evangelical Executive Advisory Board" gegründet hatte, kam wegen Charlottesville in Bewegung. Mitte August trat der Reverend A. R. Bernard, der mit dem Christian Cultural Center die grösste evangelikale Kirche in New York leitet, aus Protest von dem Gremium zurück. Der 64-Jährige nannte als Grund einen "schärfer werdenden Wertekonflikt" und forderte die anderen Gremiumsmitglieder auf, sich ebenfalls von Trump zu distanzieren. Doch die halten weiterhin zum US-Präsidenten. Es sei "nicht unsere Aufgabe, uns beraten zu lassen, sondern Rat zu erteilen", hieß es beispielsweise in einer Twittermeldung von Johnnie Moore, dem Sprecher des Gremiums.

"Prosperity Preachers" halten zu Trump

Eine kleine Minderheit der US-Evangelikalen - etwa fünf Prozent und meist afroamerikanisch - gilt als progressiv-liberal. Die große Mehrheit der konservativ Rechten und Rechtsaußen - fast ausschließlich Weiße - ist keinesfalls ein Monolith, sondern in mehrere Tendenzen aufgefächert. Aus ihren Reihen kann Trump bei seinem Rechtskurs auf die bedingungslose Unterstützung der alten Garde der Kulturkrieger, der Politprofis und der "prosperity preachers" zählen. Zu ersteren zählen Haudegen wie Pat Robertson und Ralph Reed von der "Faith and Freedom Coalition". Zu letzteren gehört Trumps wichtige Beraterin Paula White, Pastorin einer Mega-Kirche in Florida und Mitglied in seinem evangelikalen Rat. "Prosperity Preachers" wie White entstammen einer US-amerikanischen Pfingstler-Tradition, die materiellen Reichtum als gottgewollt und -gegeben interpretiert.

Mit dieser evangelikalen Subkultur ist Donald Trump vertraut. Denn als er ein Junge war, besuchte seine Familie in New York City die Marble Collegiate Church, in der ein entsprechender "prosperity gospel" gepredigt wurde: der Markt und Erfolg oder Scheitern auf ihm sind demnach gottgewollt, je nach der Glaubenskraft des Einzelnen.