TV-Tipp: "Der Fall Barschel" (3sat)

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TV-Tipp: "Der Fall Barschel" (3sat)
10.10., 3sat, 20.15 Uhr: "Der Fall Barschel"
Nachdem der eigentliche "Fall Barschel" 2012 bereits Thema eines "Tatorts" aus Kiel war ("Borowski und der freie Fall"), wird die Geschichte nun endlich in angemessener Ausführlichkeit als knapp dreistündiges TV-Drama erzählt.

Der Tod von Uwe Barschel im Herbst 1987 ist eins der größten Rätsel der westdeutschen Kriminalgeschichte. Unzählige Artikel, verschiedene Sachbücher und diverse Dokumentationen haben sich bereits mit den mysteriösen Begleitumständen auseinandergesetzt. Anlass zur Spekulation gaben vor allem die vielen Reisen des ehemaligen schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten in die DDR. Die hartnäckigste Legende besagt, Barschel sei in illegalen Waffenhandel verwickelt gewesen, habe auspacken wollen und sei deshalb liquidiert worden. Basis für die Mordthese ist vor allem ein toxikologisches Gutachten, demzufolge der Politiker nach der Einnahme mehrerer sedierender Medikamente gar nicht mehr in der Lage gewesen sei, ein Schlafmittel in tödlicher Dosis einzunehmen.

Heinrich Breloer hat zwar schon 1989 ein Dokudrama über Uwe Barschel gedreht ("Die Staatskanzlei"), doch darin ging es nur um die Mauscheleien während des Wahlkampfs. Nachdem der eigentliche "Fall Barschel" 2012 bereits Thema eines "Tatorts" aus Kiel war ("Borowski und der freie Fall"), wird die Geschichte nun endlich in angemessener Ausführlichkeit als knapp dreistündiges TV-Drama erzählt. Der Polit-Thriller zerfällt allerdings in zwei Teile: Der Film beginnt mit der faszinierenden Spurensuche der beiden Hamburger Zeitungsjournalisten David Burger (Alexander Fehling) und Olaf Nissen (Fabian Hinrichs), denen es dank hartnäckiger Recherchen gelingt, die ehrenwerte Fassade Barschels zum Einsturz zu bringen. Der scheinbare Freitod des Ministerpräsidenten in Genf markiert gewissermaßen das Ende des ersten Aktes. Fortan konzentriert sich die Handlung ganz auf Burger, für den die Überzeugung, Barschel sei ermordet worden, mehr und mehr zu einer Obsession wird, die schließlich sein berufliches wie auch sein privates Leben ruiniert.

Ähnlich wie seine Hauptfigur scheint der Film gerade während des letzten Drittels mitunter den Überblick zu verlieren. Die erste Hälfte jedoch wirkt wie eine Reminiszenz an Alan J. Pakulas Watergate-Thriller "Die Unbestechlichen" (1976, mit Robert Redford und Dustin Hoffman): Kilian Riedhof (Buch und Regie) würdigt seine Helden als aufrechte Reporter, die sich durch nichts und niemanden davon abhalten lassen, die Wahrheit über die Verstrickung Barschels in die Verleumdungskampagne gegen seinen politischen Konkurrenten Björn Engholm ans Licht zu bringen. Die Affäre wurde 1987 als "Waterkantgate" bekannt. Sie führte zu Barschels Rücktritt; neun Tage später war er tot. Gerade dank der offenkundigen Parallelen zu Pakulas Klassiker knüpft "Der Fall Barschel" an die Tradition der großen Journalistenfilme in den Achtzigerjahren an, als Hollywoodproduktionen wie "Under Fire", "The Killing Fields" oder "Ein Jahr in der Hölle" dem Beruf reihenweise Denkmäler setzten.

Riedhof (Jahrgang 1971) kennt diese Filme garantiert. Er ist durch das vielfach ausgezeichnete Schulmobbing-Drama "Homevideo" (2011) schlagartig zu einem der interessantesten deutschen Regisseure geworden und hat diesen Ruf mit dem Läuferfilm "Sein letztes Rennen" (2013) nachhaltig bestätigt. Auch wenn "Der Fall Barschel" über die lange Distanz schließlich an Spannung einbüßt, so unterstreicht der Film dennoch Riedhofs Ausnahmetalent (Koautor war Marco Wiersch). Davon abgesehen gebührt allen Beteiligten großer Respekt, und das nicht nur, weil das Genre des Polit-Thrillers hierzulande fast ausgestorben ist. Die ARD-Tochter Degeto hat sichtbar viel Geld in das Projekt investiert. Produziert wurde der Film vom Kölner Unternehmen Zeitsprung Pictures, das mit Mehrteilern wie "Das Wunder von Lengede" und "Contergan" Fernsehgeschichte geschrieben hat. Firmenchef Michael Souvignier war vor der Premiere im Januar 2016 überzeugt, dies werde auch mit "Der Fall Barschel" gelingen.

Das war vielleicht ein bisschen hochgehängt, zumal der Film in der zweiten Hälfte (ab 22.25 Uhr) vermutlich einige Zuschauer verlieren wird. Aber allein die Rekonstruktion der Barschel-Affäre ist hochspannend. Auch die darstellerischen Leistungen sind eindrucksvoll; Fehling, spätestens seit seiner Verkörperung Goethes in "Goethe!" in der Spitze etabliert, spielt vor allem den Absturz des angehenden Topjournalisten, der sich in seinem paranoiden Kampf gegen ominöse dunkle Geheimdienstmächte aufreibt, äußerst glaubwürdig. Fabian Hinrichs ist ihm ein würdiger Partner, der zunehmend zum Gegner wird, Matthias Matschke wirkt in den verblüffenden Verschmelzungen von dokumentarischem und inszeniertem Material wie ein Wiedergänger Barschels. Die Bildgestaltung (Benedict Neuenfels) ist ohnehin herausragend. Martin Brambach ist einmal mehr großartig als zwielichtiger Medienreferent Reiner Pfeiffer, der die Drecksarbeit für Barschel erledigt, aber für beide Seiten gearbeitet hat. Nicht minder markant sind die Momente von Antje Traue als Burgers undurchsichtige Geliebte, die offenbar einen engen Draht zum BND hat; die Schauspielerin mit dem Filmstargesicht war zuletzt schon das Glanzlicht im Sat.1-Krimi "Mordkommission Berlin 1". Ähnlich reizvoll ist der Wandel der von Szenenbildner Yesim Zolan gestalteten Großraumredaktion im Lauf der Jahre. Um 23.55 Uhr zeigt 3sat die Dokumentation "Barschel – Das Rätsel".