TV-Tipp: "Tod im Internat" (ZDF)

9.10., ZDF, 20.15 Uhr: "Tod im Internat"
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Nicht eine der gut zweihundert Minuten ist überflüssig; spätestens daran zeigt sich die herausragende Qualität der Geschichte, die so komplex ist wie sonst meist nur Romanverfilmungen.

Anders als im amerikanischen Kino gehört der Polit-Thriller hierzulande nicht gerade zu den bevorzugten Genres. Während kritische Produktionen etwa über die CIA in Hollywood eine lange Tradition haben, tauchen Staatsschützer im hiesigen Krimi so gut wie gar nicht auf. "Tod im Internat" ist daher in gleich mehrfacher Hinsicht ein ungewöhnlicher Film: In Frauke Hunfelds Geschichte spielt der Verfassungsschutz eine höchst unrühmliche Rolle, was für das ansonsten nicht unbedingt als staatskritisch bekannte ZDF ohnehin bemerkenswert ist; und mit zweimal knapp 105 Minuten fällt der Thriller auch formal aus der in der Regel eher unflexiblen Programmstruktur des "Zweiten". Nicht eine der gut zweihundert Minuten ist überflüssig; spätestens daran zeigt sich die herausragende Qualität der Geschichte, die so komplex ist wie sonst meist nur Romanverfilmungen. Die Autorin, die auch als Journalistin arbeitet, hat das Drehbuch wie eine Zwiebel konzipiert: Ihre Heldin muss Schicht für Schicht abtragen, um schließlich zwei Geheimnisse zu lösen, die weit in die Vergangenheit zurückreichen; und sie hat mächtige Gegenspieler, die um jeden Preis verhindern wollen, dass die Wahrheit ans Licht kommt.

Der Zweiteiler beginnt mit einer Entführung: Im hessischen Internat Erlengrund ist eine erwachsene Schülerin verschwunden. Die Einrichtung ist die Kaderschmiede der deutschen Elite, Sophie ist die Tochter des Verfassungsschützers Wichert (Joachim Król), der als designierter Präsident des hessischen Landeskriminalamts gilt. LKA-Zielfahnderin Isabell Mosbach (Nadja Uhl) wird als Sport- und Englischlehrerin Karla Parker in die Schule eingeschleust, um undercover zu ermitteln. Weder ihr Vorgesetzter, Thorsten Schmidt (Stephan Kampwirth), noch der Schulleiter (Peter Lerchbaumer) ahnen, dass Isabell einst selbst in Erlengrund war. Ihr kommt der Auftrag gerade recht: Vor 25 Jahren ist ihr Vater spurlos verschwunden. Im Nachlass ihrer kürzlich verstorbenen Mutter hat sie ein Foto entdeckt, das sie vor das größte Rätsel ihres Lebens stellt: Allem Anschein nach ist ihr Vater wenige Monate vor ihrer Geburt in der DDR gestorben. Die Mutter hat außerdem bis zu ihrem Tod über einige Umwege regelmäßig Geld von einer Stiftung erhalten, die auch den Betrieb der defizitären Schule aufrechterhält. Vollends verwirrend wird die Geschichte, als ein Internatsschüler erschossen wird. Der Junge war ein Einzelgänger und hatte lauter Feinde, weil er dank seines eifrig zusammengetragenen Wissens diverse heikle Informationen über Schüler und Lehrer besaß, aber das größte Rätsel stellt die Tatwaffe dar: Mit der Pistole sind vor dreißig Jahren im Rahmen einer Demonstration gegen die Frankfurter Startbahn West zwei Polizisten ermordet worden. Die Waffe ist damals verschwunden, der mutmaßliche Mörder später bei einem Motorradunfall ums Leben gekommen. Isabell ahnt, dass diese Ereignisse miteinander zusammenhängen. Obwohl sie überall auf eine Mauer des Schweigens stößt, entfaltet sich nach und nach ein Komplott von ungeheuren Ausmaßen, in das sowohl der Verfassungsschutz wie auch die Staatssicherheit der DDR verwickelt sind. Hauptkommissar Julian Sellinger (Hanno Koffler) von der örtlichen Kriminalpolizei ist der einzige Kollege im Beamtenapparat, dem sie vertrauen kann.

Ähnlich mutig wie der Stoff ist auch die Erzählweise: Das Drehbuch belässt es zunächst bei Andeutungen. Erinnerungsfetzen der Heldin müssen genügen, um zu zeigen, dass sie mehr als nur den aktuellen Fall lösen will. Torsten C. Fischers Darstellerführung sorgt dafür, dass nahezu sämtliche Männer in dieser Geschichte wenig vertrauenerweckend erscheinen. Das gilt sowohl für die Beamten wie auch für den mysteriösen Wilfried Maas, der als graue Eminenz im Hintergrund die Fäden zieht und auch in Isabells Erinnerungen auftaucht; die völlig undurchsichtige Rolle ist wie geschaffen für Manfred Zapatka. Ähnlich namhaft und gut sind auch die weiteren Figuren besetzt, allen voran Martin Feifel als Polizistenmörder. Seine Verbindung zu Wichert ist der Schlüssel zur Lösung, aber der Mann (Johann von Bülow), der ihn in der Hand hält, gilt als verkrachter Verschwörungstheoretiker.

Der Hintergrund der Widerstandsbewegung in den frühen Achtzigern verleiht dem Zweiteiler mehr als nur zusätzlichen Reiz, schließlich haben die Fernsehbilder der Polizisten, die in Gorleben, Wackersdorf oder am Frankfurter Flughafen auf Demonstranten einprügelten, eine ganze Generation elektrisiert. Umso ungeheuerlicher ist das Szenario, das Hunolds Drehbuch entwirft, zumal die tödlichen Schüsse 1987 tatsächlich gefallen sind. Trotzdem hätte aus der Geschichte, in der auch noch das verschollene Vermögen der SED eine wichtige Rolle spielt, ein abstruser Verschwörungsquark werden können, aber Fischer hat aus dem brisanten Stoff einen jederzeit schlüssigen Thriller gemacht. Eine düstere Geschichte, deren Unbehagen auch ein Resultat der entsprechend unheimeligen Bildgestaltung Holly Finks ist. Den zweiten Teil zeigt das ZDF am Mittwoch.

 

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