Was macht einen guten Arzt, eine gute Ärztin aus?

Pfarrerin Heidrun Dörken
06.10.2017 06:35

Mein Hausarzt redet auch mit mir. Letztens hat er zu mir gesagt: "Sie muss man mal wieder aufpäppeln," als ich mit einer zwar nicht lebensbedrohlichen, aber hartnäckigen und langwierigen Erkrankung zu ihm kam. Im Rückblick weiß ich: Meine Heilung fing mit diesen Worten an, seinen geduldigen Erklärungen - und mit seinem Blick, bei dem ich gespürt habe: Der sieht mich. Das hatte genauso viel Anteil daran, dass ich gesund wurde wie die Medikamente und die Operation, die auch nötig waren. Davon bin ich überzeugt.

 

Denn heil wird man nicht nur körperlich. Deshalb ist Heilung nicht nur ein medizinischer Begriff, sondern auch ein kostbares Wort für religiöse Menschen. Gott wird in der Bibel auch Arzt genannt, ein Gott, der Not sieht und heilt. (1) Von Jesus von Nazareth wird oft erzählt, wie er Kranke gesund gemacht hat. Und dass der christliche Glaube sich in der Antike so schnell verbreitet hat, liegt auch daran, dass die frühen Christen sich bewusst um Kranke gekümmert haben, im Geist Jesu. Es gab allerdings später auch Zeiten, in denen die Kirchen naturwissenschaftlichen und auch medizinischen Fortschritt behindert haben. Womöglich, weil sie ihn als Konkurrenz zu den eigenen Heilsangeboten ansahen. Wo immer das Kümmern um Körper und Seele nicht gegeneinander ausgespielt wird, sondern zusammenwirkt, ist das menschlich und tut gut.

 

Doch wie wird man ein guter Arzt? Darum ging es beim Bundesverfassungsgericht am Mittwoch dieser Woche. Das Gericht verhandelt gerade: Stimmen die Regeln, mit denen die Studienplätze in Medizin vergeben werden, mit dem Grundgesetz überein? Das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen hatte das Verfassungsgericht angerufen. Nach Ansicht der Gelsenkirchener Richter hat die Abiturnote zu viel Gewicht, um einen Medizinstudienplatz zu bekommen. Inzwischen können nicht einmal mehr alle Bewerberinnen und Bewerber mit einer Abiturnote von 1,0 sicher Medizin studieren. Und die Ärzte selbst sagen, dass "…eine 1,0 im Abitur nichts über die Qualität eines künftigen Arztes aussagt. (2) "Allerdings bewerben sich 5 Abiturienten auf einen Studienplatz für Medizin. Man muss also eine Auswahl treffen oder die Zahl der Studienplätze vermehren. Zwar setzen nicht alle Universitäten allein auf Noten, doch spielen sie die größte Rolle, zusammen mit absurden Wartezeiten von bis zu sieben Jahren. (3) Nur wer viel Geld hat, kann das umgehen und im Ausland oder an privaten Unis Medizin studieren.

 

Die Verfassungsrichter prüfen also jetzt, ob diese Verfahren noch mit dem Grundrecht auf die freie Wahl des Berufs und der Ausbildung vereinbar sind. Ein Urteil wird noch in diesem Jahr erwartet.

Gut, dass so wieder diskutiert wird, was Heilung fördert und was einen guten Arzt, eine gute Ärztin ausmacht. Manche Bewerber für ein Medizinstudium zeigen das in ihrer Wartezeit mit einer Ausbildung zur Sanitäterin oder zum Alten- oder Krankenpfleger. Und schon jetzt gibt es Auswahl-Modelle, die auch die menschliche Eignung berücksichtigen wollen, ob zum Beispiel Bewerber sich einfühlen können und sich gern anderen Menschen zuwenden. Wenn solche Kriterien aufgewertet werden, freut mich das. Genauso wie der Wunsch, das ärztliche Gespräch wertzuschätzen und nicht als billigsten Posten auf der Rechnung zu lassen.

 

Ich weiß, was ich an einem guten Arzt habe. Im Wartezimmer hat man ja oft Zeit. Manchmal spreche ich da ein stilles Dankgebet: Danke für die Betäubungsspritze gleich bei der Zahnärztin. Danke, dass sie gut ausgebildet ist und weiß, was sie tut. Das gab's in früheren Jahrhunderten nicht und ist in vielen Teilen der Welt immer noch nicht die Regel. Danke, Gott, für Ärztinnen und Ärzte, die den ganzen Menschen sehen. Die wissen: Es kommt noch auf andere Kräfte an, die heilen.

 

Was trägt aus Ihrer Sicht zur Heilung bei? Ihre Erfahrungen können Sie mit mir teilen. Bis 8.00 Uhr erreichen Sie mich unter 030 und dann: 325 321 344. Oder diskutieren Sie mit auf Facebook unter "deutschlandradio.evangelisch".

 

 

 

 

 

 

(1) 2. Mose 15,26

 

(2) http://www.presseportal.de/pm/55903/3749910: Theodor Windhorst, Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe: "Der Numerus clausus ist verfehlt, weil eine 1,0 im Abitur nichts über die Qualität eines künftigen Arztes aussagt". Rudolf Henke, Präsident der Ärztekammer Nordrhein, ergänzte: "Das Auswahlverfahren muss so reformiert werden, dass Motivation, berufliche Erfahrung, persönliche Eignung und soziales Engagement berücksichtigt werden."

 

(3) FAZ 2. 10.2017, S. 8, Heike Schmoll: Was das Abitur wert ist