TV-Tipp: "Tatort: Goldbach" (ARD)

1.10., ARD, 20.15 Uhr: "Tatort: Goldbach"
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Vor allem im Südwesten wird der SWR-Nachfolger des"Tatorts" aus Konstanz mit Spannung erwartet: Wie wird der Tonfall der Geschichten sein, wie harmoniert das neue Team? Und vor allem: Welche Rolle spielt der Schauplatz? Schließlich ist der Schwarzwald als Region ähnlich reizvoll und vielschichtig wie der Bodensee. Kein Wunder, dass"Goldbach" mit Landschaft beginnt. Heimelig sind die Winterbilder jedoch nicht; allein das träge Treiben des Nebels verrät, dass die Aufnahme kein Standbild ist. Dann fällt ein Schuss, und der Krimi beginnt.

Drei Kinder, ein Mädchen und zwei Jungs, alle um die elf Jahre alt, haben draußen gespielt. Heimgekommen ist aber nur Paul. Die anderen wollten in den Wald, er wollte nach Hause, sagt er. Frieda wird mit einer tödlichen Schussverletzung gefunden, Linus ist verschwunden. Franziska Tobler und Friedemann Berg (Eva Löbau, Hans-Jochen Wagner) von der Kripo Freiburg stehen vor einem Rätsel; erst recht, als die Spurensicherung in der Nähe des Leichenfundorts einen Koffer mit nagelneuen Sturmgewehren und Pistolen entdecken.

Womöglich wird"Goldbach" - der Titel bezieht sich auf den Ort, in dem die Familien der Kinder leben - einige Zuschauer enttäuschen: Das neue"Tatort"-Team startet nicht mit einem Knalleffekt, sondern vergleichsweise unspektakulär, zumal der Film keinerlei Stars zu bieten hat. Genau darin liegt aber auch seine Stärke; im Nachhinein erweist es sich als vorteilhaft, dass Harald Schmidt seine Zusage, den Vorgesetzten des Ermittlerduos zu verkörpern, zurückgezogen hat, denn seine Mitwirkung hätte viel zu viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Seine Rolle als Chef des Ermittlerpaars spielt nun Steffi Kühnert, die diesen Part natürlich ganz anders interpretiert. Auch deshalb ist"Goldbach" ein stiller, aber sorgfältig und vergleichsweise realitätsnah erzählter Krimi, der der Trauer von Friedas Eltern (Godehard Giese, Victoria Mayer) ebenso viel Zeit einräumt wie der quälenden Ungewissheit, unter der Linus' Eltern leiden.

Auch die Besetzung passt in dieses Gesamtbild. Eva Löbau und Hans-Jochen Wagner mögen nicht die ganz große Popularität genießen, sind aber ausgezeichnete Schauspieler; gerade Wagner gehört nicht zuletzt dank der ZDF-Reihe"Kommissarin Heller", in der er den Partner der Titelheldin spielt, in die Reihe jener vielen vorzüglichen Darsteller, deren Namen zwar kaum jemand, deren Gesicht aber jeder kennt. Im Unterschied zu vielen sonstigen"Tatort"-Kommissaren, die gern mal die eine oder andere Macke haben, ist das eingespielte Team Tobler und Berg erfrischend normal.

Die Geschichte (Buch: Bernd Lange) orientiert sich ebenfalls an der Realität: Da die Polizei nur im Nebel stochern kann, werden erst mal sämtliche Waffenbesitzer in der Gegend kontrolliert. Das führt zu verschiedenen Nebenhandlungen, weil bei den Überprüfungen der Sportschützen allerlei Kriegsgerät auftaucht. Interessant ist auch der Seitenhieb gegen die Waffenindustrie: Der Koffer stammt von einem Betrieb aus der Region, was dazu führt, dass sich der moralisch empörte Berg zu Aussagen hinreißen lässt, die ihm umgehend Ärger mit seiner auf Ausgleich bedachten Vorgesetzten einbringen; die Firma ist ein wichtiger Steuerzahler. Der bärige Wagner ist im Auftaktfilm schon allein wegen seiner Physis ohnehin etwas präsenter als die zierliche Löbau. Beide sind übrigens gebürtige Schwaben (er aus Tübingen, sie aus Waiblingen), was Löbau schon in diversen Komödien hingebungsvoll ausgelebt hat. Hier spricht sie hochdeutsch, während Wagner hin und wieder einen Dialekt anklingen lässt, der an den Freiburger Fußballtrainer Christian Streich erinnert. Fast noch wichtiger als die beiden Hauptdarsteller ist jedoch die Leistung des von Regisseur Robert Thalheim ausgezeichnet geführten kleinen Aaron Kissiov, denn der hat als Paul die mit Abstand schwierigste Rolle.

Während beim"Tatort" aus Konstanz längst nicht alle Aufnahmen am Bodensee gedreht worden sind, ist"Goldbach" tatsächlich größtenteils im Hochschwarzwald entstanden; auch die Szenen in den Häusern der drei betroffenen Familien. Aus professioneller Sicht ist es völlig egal, wo die Bilder produziert werden (das Kommissariat befindet sich, wie bei allen"Tatort"-Beiträgen des SWR, auf dem Studiogelände in Baden-Baden), Hauptsache, sie lassen sich beim Schnitt zu einem sinnvollen Ganzen verknüpfen; aber womöglich hat auch dies dazu beigetragen, dass"Goldbach" sehr homogen und in sich stimmig wirkt. Dazu passt die von einer guten Thriller-Musik unterstützte düstere Atmosphäre (Kamera: Andreas Schäfauer), mit der der SWR seiner Linie treu bleibt: hier die beiden sehr urbanen Krimis aus Stuttgart und Ludwigshafen, dort die Geschichten aus der Provinz, die mit ihren faszinierend schönen, aber gern auch bedrohlichen Naturbildern den denkbar größten Kontrast zu den sonnendurchfluteten Reisereportagen im"Dritten" bieten.

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