Verstehst du, was du liest?

Pfarrerin Monika Hautzinger
24.09.2017 10:05
Hier die Predigt aus Mannheim zum Nachlesen
 

Apg 8,26-39

Liebe Gemeinde,

von einer Entdeckungsreise mit der Bibel haben wir gerade gehört.

Mir gefällt dieses Bild,

dass man durch die Bibel reisen und dabei viel entdecken kann,

Es ist wie eine Fahrt durch herrliche Landschaften, an ganz besondere Orte, mit wunderbaren Geschichten, mit bewegenden Erzählungen von so ganz unterschiedlichen Menschen, mit tröstenden und ermutigenden Worten. Aber auch durch verstörend raue Gegenden, mit Geschichten von Krieg und Mord und Totschlag.

Tatsächlich gibt es auch eine Reise mit der Bibel im wörtlichen Sinn zu entdecken.

Ein Mann aus Äthiopien ist in Jerusalem im Tempel gewesen. Nun macht er sich auf den Heimweg.

Es war ein einflussreicher Mann, der Finanzminister der äthiopischen Königin. Er hat sich im Buchladen des Tempels  eine Schriftrolle des Propheten Jesaja gekauft. Die versucht er zu lesen. Wie es ihm dabei geht, wird im 8. Kap der Apostelgeschichte erzählt:
 

Der Engel des Herrn redete zu Philippus und sprach: Steh auf und geh nach Süden auf die Straße, die von Jerusalem nach Gaza hinabführt und öde ist. Und er stand auf und ging hin. Und siehe, ein Mann aus Äthiopien, ein Kämmerer und Mächtiger am Hof der Kandake, der Königin von Äthiopien, ihr Schatzmeister, war nach Jerusalem gekommen, um anzubeten.

Nun zog er wieder heim und saß auf seinem Wagen und las den Propheten Jesaja. Der Geist aber sprach zu Philippus: Geh hin und halte dich zu diesem Wagen!

Da lief Philippus hin und hörte, dass er den Propheten Jesaja las, und fragte: Verstehst du auch, was du liest?

Er aber sprach: Wie kann ich, wenn mich nicht jemand anleitet? Und er bat Philippus, aufzusteigen und sich zu ihm zu setzen.

Die Stelle aber der Schrift, die er las, war diese: "Wie ein Schaf, das zur Schlachtung geführt wird, und wie ein Lamm, das vor seinem Scherer verstummt, so tut er seinen Mund nicht auf. In seiner Erniedrigung wurde sein Urteil aufgehoben. Wer kann seine Nachkommen aufzählen? Denn sein Leben wird von der Erde weggenommen."

Da antwortete der Kämmerer dem Philippus und sprach: Ich bitte dich, von wem redet der Prophet das, von sich selber oder von jemand anderem?

Philippus aber tat seinen Mund auf und fing mit diesem Schriftwort an und predigte ihm das Evangelium von Jesus.

Und als sie auf der Straße dahinfuhren, kamen sie an ein Wasser. Da sprach der Kämmerer: Siehe, da ist Wasser; was hindert's, dass ich mich taufen lasse?

Und er ließ den Wagen halten und beide stiegen in das Wasser hinab, Philippus und der Kämmerer, und er taufte ihn.

Als sie aber aus dem Wasser heraufstiegen, entrückte der Geist des Herrn den Philippus und der Kämmerer sah ihn nicht mehr; er zog aber seine Straße fröhlich.
 

Eine wunderbare Erzählung finde ich.

Wo gibt es das schon?

Ein frommer Finanzminister, der in der Bibel liest,

ein hoher Staatsbeamter, der für eine Pilgerreise Zeit hat und sein Ministerium für Wochen verlassen kann,

eine Taufe, die nicht ordentlich im Pfarramt angemeldet wurde, sondern spontan am Rande einer Hauptverkehrsstraße stattfindet, ganz ohne große Zeremonie.

Wunderbar, und vielleicht doch gar nicht so untypisch.

Ein Mensch, der es beruflich durchaus weit gebracht hat, der was zu sagen und zu bestimmen hat, der sich etwas leisten kann, macht sich auf die Suche. Er sucht Orientierung und Wegweisung. Er will sein Leben besser verstehen. Er will etwas für seine Seele tun. Denn da ist diese Sehnsucht nach Geborgenheit und Gemeinschaft, nach Glauben und Gott.

Und so wie auch heute manche Menschen aus ihrem Alltag aussteigen oder ihn zumindest auf Zeit unterbrechen, ist der Minister aus Äthiopien nach Jerusalem gereist, um im Tempel zu beten. Auf der Heimreise fängt er an, auf eigene Faust Bibel zu lesen, in der Schriftrolle des Propheten Jesaja.  

Und er macht die Erfahrung, die bestimmt auch schon viele von uns gemacht haben: Die Lektüre ist nicht einfach.

Er kommt nicht so richtig zurecht damit.

Damit seine Schriftrolle doch noch mehr werden kann als ein Mitbringsel oder ein Andenken, braucht es einen Weggefährten: Philippus.

Philippus scheint ein freundlicher und gewinnender Mensch zu sein, der offen auf andere zugehen kann.

 "Verstehst du auch, was du liest?" fragt Philippus den Afrikaner. Und der antwortet: "Wie kann ich, wenn mich nicht jemand anleitet?"

So beginnt ihr Gespräch über die Bibel.

Natürlich kann und soll man die Bibel auch allein lesen. Aber offensichtlich ist es sinnvoll, das gemeinsam zu tun, sich auszutauschen, sich Fragen zu stellen, Einsichten und Erfahrungen zu teilen. Manchmal erkennt man den Weg, der für einen gut ist, wenn man mit jemand anderem darüber redet.

"Verstehst du auch, was du liest?" fragt Philippus

Die Bibel ist bunt, vielfältig, manchmal widersprüchlich.

Das macht sie reich und lebensvoll.

Aber damit muss man auch umgehen können.

Es braucht jemanden, der die biblischen Erzählungen verständlich macht und die Fragen beantwortet, die sich einem stellen.

Und das gilt nicht nur für Menschen, die die Bibel noch nicht kennen oder wenig vom Christentum wissen.

Philippus und der Minister aus Äthiopien machen uns genau das vor:

Der Minister, er liest, er hat Fragen, er bittet um Erklärung,

Und Philippus wird ihm ein echter Wegbegleiter: er nimmt sich Zeit, ist offen für Fragen, nimmt wahr und ernst, was seinen Gesprächspartner bewegt.

Der Finanzminister liest einen Abschnitt aus dem Propheten Jesaja: "Wie ein Schaf, das zur Schlachtung geführt wird, und wie ein Lamm, das vor seinem Scherer verstummt, so tut er seinen Mund nicht auf…"

Das Gespräch darüber erleben wir auf dem Kutschwagen mit.

Philippus knüpft an diese Worte an und führt seinen Gesprächspartner in die Geschichte von Jesus Christus ein.

Ich kann es mir gar nicht anders vorstellen, als dass er begeistert und begeisternd erzählt haben muss. Und ich habe mich gefragt, was würde ich erzählen, wenn mich jemand nach meinem Glauben fragt, nach dem, was mir wichtig ist und mich trägt?

Es ist ja auch heute gar nicht so selten, dass sich  unterwegs und auf Reisen Glaubensgespräche ergeben. Mal sehr persönlich und vertraulich, mal unverbindlich und dann kann jeder wieder seine Straße weiterziehen.   

Ich würde davon erzählen, dass Jesus Christus die Liebe Gottes in die Welt gebracht hat.

Dass er sie weitergegeben hat, an seine Jünger, die mit ihm durch das Land zogen, aber auch an Fremde, die ihm vielleicht nur einmal in ihrem Leben begegnet sind.

Und dass sich so das Leben verändert, weil ich Gott recht bin, gewollt, geliebt.

Und Sie? Was würden Sie erzählen?

Aber noch einmal zurück zur Geschichte:

Der Minister stellt immer mehr fest, dass dieser Glaube, von dem Philippus ihm erzählt,  etwas für ihn sein könnte. Gar das Ziel seiner Suche.

Unterwegs kommen sie tatsächlich an einem Wasser vorbei. Der Afrikaner sagt. "Was hindert's, dass ich mich taufen lasse."

Ich stelle mir vor, dass Philippus laut aufgelacht hat: "Gar nichts," wird seine Antwort gewesen sein, denn als nächstes steigen sie hinein in das Wasser, und Philippus tauft den Minister.

So beginnt für den ein neues Leben.

Hinterher ist Philippus verschwunden. Aber das macht nichts. Der Minister kann jetzt seinen Weg allein gehen. "Er zog aber seine Straße fröhlich", heißt es am Schluss.

Philippus lässt ihn ziehen. Mich hat das sehr berührt, dass er ihm seinen Glauben nicht überstülpt, sondern darauf vertraut, dass sich in seiner Heimat die Botschaft von Jesus ansiedeln wird und auf eigene Weise wächst.

Und wir? Wie steht's mit uns?

Was hinderts, dass wir uns wie Philippus von Gott losschicken lassen, auf andere Menschen zugehen, ihnen Zeit und Gehör schenken, sie ein Stück auf ihrem Lebensweg begleiten?

Und was hinderts, dass wir wie der Kämmerer unsere Sehnsucht leben und nicht aufgeben und dafür um Hilfe bitten?

Keine Leistung, keine Prüfung, kein Zeugnis, weder Geld noch Schönheit noch Erfolg sind nötig, wenn jemand von Gott erfahren will.

Es ist nur wichtig, dass solche Gespräche wie zwischen dem Finanzminister und Philippus möglich sind und möglich bleiben unter uns, nicht nur unterwegs, sondern auch in unserer Gemeinde, in unserer Stadt, in unserem Land.

Das meint wohl auch Martin Luther, wenn er über die Bibel sagt: "Es sind ja doch nicht Leseworte, sondern lauter Lebeworte darin, die nicht zum Spekulieren und zu hohen Betrachtungen, sondern zum Leben und Tun hergesetzt sind."

Aus Leseworten werden Lebensworte. Auch heute.

Worte, die uns leben und aufleben lassen.

Zum Beispiel das zur Taufe: Ich bin bei dir alle Tage bis an der Welt Ende.

 

Liebe Gemeinde,

die Reise des Ministers ist zu Ende.

Und ist es nicht eine wunderbare Erzählung? Von einer wunderbaren Begegnung.

Für mich aber auch von einer wunderbaren Kirche; einer Kirche, die auf die Straße hinausgeht, die fähig ist, Wegweisendes zu vermitteln und die Freiheit lässt, seinen Glauben froh zu leben.

Ich finde ja, dass die Reise mit der Bibel und die Entdeckungen darin nie zu Ende gehen, wenn man sich darauf einlässt.

Mir eröffnet die Bibel immer wieder neue Perspektiven. Seien es scheinbar kleine, wenn mich ein geänderter Wortlaut neu aufmerksam werden lässt, seien es so lebensverändernde wie beim Minister aus Afrika.

Also: es lohnt sich, immer neue Reisen durch dieses Land der Bibel zu machen.

Sie können dieselbe Erfahrung machen wie der afrikanische Minister: 

Er zog seine Straße fröhlich.

Amen.
 

Es gilt das gesprochene Wort.