Lammert kritisiert bestehende "Kirchenspaltung"

"Versöhnte Verschiedenheit" sei nichts anderes als eine "versteckte Kapitulationserklärung", kritisierte der Bundestagspräsident beim Ökumenischen Fest in Bochum. Evangelische und katholische Würdenträger widersprechen.

Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) hat Protestanten und Katholiken zur Überwindung der "Kirchenspaltung" aufgerufen. Er könne keine relevanten Glaubensunterschiede erkennen, die die Einheit verhindern könnten, sagte Lammert auf einem ökumenischen Fest am Samstag in Bochum. Nicht der Glaube sei in der Krise, sondern die Institutionen, die den Glauben vermittelten. Zu der Veranstaltung hatten die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD), der Deutsche Evangelische Kirchentag, die Deutsche Bischofskonferenz und das Zentralkomitee der Katholiken eingeladen.

Lammert warb für eine "gelebte Einheit", die im Zentrum des christlichen Selbstverständnisses stehen müsse. Die Bedeutung von Religion habe weltweit in den vergangenen Jahren eine "erstaunliche Revitalisierung" erfahren, betonte der Bundestagspräsident. Der vielfach beklagte Glaubensverlust sei damit nicht gegeben und religiöse Normen als ethisch unverzichtbar in den Gesellschaften verankert. Zu beobachten sei aber ein Bedeutungsverlust der Kirche, weil sie ihr "Amtsverständnis" wichtiger nehme als die Diskussion um den gemeinsamen Glauben. 

"Dass wir noch nicht zu einer eucharistischen Gemeinschaft gefunden haben, ist nicht im Sinne unserer Verantwortung", bedauerte Lammert. Die als Ergebnis der Ökumene ausgerufene "versöhnte Verschiedenheit" sei daher nichts anderes als eine "versteckte Kapitulationserklärung". Die Verhinderung der kirchlichen Einheit liege allein am "Glaubensverständnis" einer Institution, die sich für wichtiger halte als den Zweck, zu dem sie eingerichtet worden sei.

Spitzenvertreter beider Kirchen wiesen die Kritik Lammerts als überzogen zurück. Nach Einschätzung des Vorsitzenden der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, sind beide Konfessionen über die Kirchenspaltung längst hinaus, auch wenn es noch Unterschiede gebe, weshalb man weiter aufeinander zugehen müsse. Lammert beschreibe aber "nicht die Wirklichkeit in der wir leben. Wir sind ein Leib". 

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, nannte Lammerts Kritik ein "Missverständnis" und betonte: "Wir sind eine Weltkirche." Es gebe eine "ökumenische Dynamik", die besonders in den Gemeinden präsent sei. Die "versöhnte Verschiedenheit" sei nichts Negatives. Damit beschrieben werde ein Prozess der Einigung, wie es ihn sogar innerhalb der evangelischen Kirche mit ihrer reformierten und lutherischen Prägung gegeben habe.