TV-Tipp: "Das weiße Kaninchen" (Arte)

22.9., Arte, 20.15 Uhr: "Das weiße Kaninchen"
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Foto: Getty Images/iStockphoto/vicnt

"Das weiße Kaninchen" behandelt das Thema "Cyber-Grooming": Erwachsene erschleichen sich im Internet das Vertrauen von Kindern, überreden sie zur Preisgabe kompromittierender Fotos und erpressen auf diese Weise ein persönliches Treffen, bei dem es zum sexuellen Missbrauch kommt.

Florian Schwarz hat seit seinem Kinodebüt "Die Katze im Sack" (2004) nur acht Filme gemacht; aber die hatten es meist in sich. Seine Filmografie enthält unter anderem zwei herausragend gute "Tatort"-Beiträge für den Hessischen Rundfunk: "Weil sie böse sind" (2009) und vor allem den vielfach ausgezeichneten Shakespeare-Western "Im Schmerz geboren". Nun hat Schwarz ein Drama gedreht, das einen ähnlichen Stellenwert einnehmen sollte wie "Homevideo" (2012). Darin ging es um "Cyber-Mobbing": Ein äußerst intimes Video eines Jugendlichen macht im Netz die Runde und ihn zum Gespött der Schule. "Das weiße Kaninchen" (Buch: Holger Karsten Schmidt, Michael Proehl) behandelt mit "Cyber-Grooming" ein verwandtes Phänomen: Erwachsene erschleichen sich im Internet das Vertrauen von Kindern, überreden sie zur Preisgabe kompromittierender Fotos und erpressen auf diese Weise ein persönliches Treffen, bei dem es zum sexuellen Missbrauch kommt. 

Natürlich hat der Film auch eine didaktische Ebene, aber die ist im Drehbuch geschickt verpackt. Die Handlung beginnt mit einer Unterrichtsstunde, in der ein Lehrer eine Klasse über die Gefahren im Netz aufklärt: Im Internet sind viele Jäger unterwegs, und wer nicht aufpasst, wird leicht zur Beute. Simon Keller ist Vertrauenslehrer, doch er hat auch eine dunkle Seite: Als er einer Kollegin beim Sportunterricht aushilft, schleicht er sich in einen Nebenraum, um mit Blick auf die jungen Mädchen in der Turnhalle zu onanieren. Devid Striesow ist eine gruselig gute Wahl für die Hauptrolle: weil er als charismatischer Verführer das Gute wie das Böse gleichermaßen perfekt verkörpern kann. Kellers bevorzugte Eismischung Schoko/Vanille als Kombination von Dunkelheit und Licht ist ein zwar schlichtes, aber treffendes Bild für diesen Mann, der eine pädagogisch einleuchtende, letztlich jedoch perfide Strategie verfolgt: Im Netz gibt er sich als 17jähriger Benny aus, zu dem die zweite Hauptfigur des Films, die 13jährige Sara (Lena Urzendowsky), prompt Vertrauen fasst; die beiden beginnen eine Chat-Freundschaft. Das Mädchen ist im Vergleich zur frühreifen Freundin ein schüchternes Mauerblümchen. Mit Begeisterung entdeckt Sara, wie leicht man im Internet Kontakte knüpfen kann. Prompt ist sie entsprechend aufgekratzt, als ein attraktiver älterer Junge namens Kevin (Louis Hofmann) Interesse an ihr findet. Er trifft sich mit ihr und macht Bikinifotos. Als sie ihr Oberteil nicht ausziehen will, zieht er sich zurück und meldet sich auch nicht mehr. Sara, längst verknallt, ist verzweifelt, schickt Kevin ein Oben-ohne-Foto, wird nun prompt von ihm erpresst und wendet sich hilfesuchend an Benny, der sie wiederum an Keller verweist – und das ist erst die Hälfte der Geschichte, denn jetzt kommt eine weitere Ebene ins Spiel. Der Lehrer verpasst Kevin, der sich als Zulieferer für Kinderpornokunden entpuppt, einen äußerst schmerzhaften Denkzettel, was ihm die Anerkennung eines LKA-Kommissars (Shenja Lacher) verschafft. Die Polizei sucht seit Jahren nach dem Mörder einer Zwölfjährigen, die ebenfalls mittels "Cyber-Grooming" in die Falle gelockt worden ist; und ausgerechnet Keller gerät nun ins Visier der Ermittlungen.

Bei Geschichten dieser Art besteht die größte Herausforderung im Umgang mit dem Austausch ("Chat") im Internet. In Filmen für ARD und ZDF trauen sich die Macher angesichts des überwiegend älteren Publikums meist nicht, die Informationen ausschließlich schriftlich darzubieten; deshalb müssen die handelnden Personen laut vorlesen, was sie gerade schreiben, was immer etwas blödsinnig wirkt. Buch und Regie haben hier eine ganz einfache Lösung gefunden: Wenn sich "Benny" und Sara schreiben, sitzen sie einander im Halbdunkel gegenüber und sprechen miteinander. Zwischen ihnen befindet sich eine virtuelle Scheibe, auf der ihre Texte erscheinen. Spätestens jetzt passt auch die interessante elektronische Musik (Florian van Volxem, Sven Rossenbach).

Interessant ist zudem die durch japanische Manga-Comics inspirierte Gestaltung eines Chatrooms namens "Cat-Bistro": Hier findet die erste Begegnung von Sara und Kevin statt; beide erscheinen virtuell mit geschminkten Katzengesichtern. Die Idee unterstreicht die düstere Märchenhaftigkeit dieses Films; der Titel bezieht sich auf Kellers Erkennungszeichen im Netz, ein weißes Kaninchen, das er in Anlehnung an "Alice im Wunderland" gewählt hat. Aufgrund des im Fernsehen so gut wie ausgestorbenen Cinemascope kommen die Bilder perfekt zur Geltung. Dank der entsprechenden Linsen lassen sich Vorder- und Hintergrund besser trennen, das Bild wirkt plastischer und kinohafter, was die Leistungen der Schauspieler zusätzlich hervorhebt. Die Sorgfalt der Bildgestaltung (Philipp Sichler) zeigt sich auch in einer Aufnahme, in der Keller vor seinem Wohnzimmerfenster steht und die Scheibe sein Gesicht leicht versetzt zweifach spiegelt.

Zweite Herausforderung bei solchen Stoffen sind die jungen Darsteller, die sich aber ausnahmslos als Volltreffer erweisen. Bei Louis Hofmann ist das keine Überraschung, der junge Mann hat schon als Tom Sawyer in zwei Kinofilmen gezeigt, was er kann. Die Entdeckung ist daher Lena Urzendowsky (die kleine Schwester von Sebastian), die ihre Sache famos macht. Trotzdem ist Striesow der Star, selbst wenn Schwarz es erfolgreich vermieden hat, die jungen Schauspieler im Glanz des Hauptdarstellers verblassen zu lassen. Auch deshalb eignet sich "Das weiße Kaninchen" nicht nur für ein erwachsenes Publikum, zumal dem Film neben den immer wieder überraschenden Handlungswendungen, mit denen regelmäßig auch das Genre wechselt, eine diffizile Gratwanderung gelingt: Um Kellers Perspektive authentisch wiederzugeben und aus seiner Neigung keinen Hehl zu machen, musste der Regisseur die jungen Mädchen so verführerisch zeigen, wie der Lehrer sie empfindet. Dabei kommt es zwangsläufig zu Grenzverletzungen und entsprechend schockierenden Szenen, die jedoch den Eindruck verhindern, das sei doch alles bloß halb so wild.

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