Kanzlerduell und Kirchenfrage

Pfarrerin Angelika Obert
08.09.2017 06:35

Im starren Ablauf des Fernsehduells am vergangenen Sonntag war es schon eine Überraschung, als Sandra Maischberger plötzlich eine kleine Zwischenfrage stellte: "Ist einer von Ihnen beiden in der Kirche gewesen heute?" Mit dieser Frage hatten die Kanzlerin und ihr Herausforderer offensichtlich nicht gerechnet. Aber brav wussten sie dann doch Persönliches zu erzählen. Zwar nicht im Gottesdienst, aber doch in einer Kirche waren sie am Wochenende und konnten damit ihre Verbundenheit mit der christlichen Tradition belegen.

 

Ich selbst hätte auf die Frage nach dem Kirchgang am Wochenende mit einem glatten Nein antworten müssen. Ich bin am Sonntagmorgen spazieren gegangen und habe mich am Klang der Glocken erfreut, die mir versprachen, dass um diese Zeit viele Andere für mich Gottesdienst feierten. Ich weiß, dass der Gottesdienst die Mitte des christlichen Gemeindelebens ist. Ohne die gemeinsame Orientierung an der Heiligen Schrift, ohne gemeinsames Hören, Singen und Beten ist Christentum unvorstellbar. Jede Religion braucht den regelmäßigen Gottesdienst. Ich feiere ihn gern. Aber ich verstehe ihn nicht als Pflichtveranstaltung. Manchmal habe ich am Sonntagmorgen gern frei.

 

Ich glaube auch nicht, dass sich das Christsein am regelmäßigen Kirchgang erweist. Dagegen spricht die Bibel selbst. Im Alten Testament mahnen die Propheten: ‚Es nützt nichts, wenn ihr in den Tempel lauft, aber im Alltag von Eurer Gottesbeziehung nichts zu merken ist. Ihr sollt euch nicht einbilden, fromme Leute zu sein, nur weil ihr in der Kirche wart, aber draußen dann doch bloß an eure eigenen Interessen denkt, euch nicht um die Bedürftigen schert, keine Gerechtigkeit kennt, keine Großmut und keine Vergebung'. Nicht weniger dringlich sagt es Jesus selbst: ‚Euer Glaube zeigt sich zuerst darin, wie ihr euren Mitmenschen begegnet, wie nah euch diejenigen sind, die euch nicht schon von Haus aus nah sind'.

 

So fand ich die Frage von Sandra Maischberger nach dem sonntäglichen Kirchgang ein bisschen schief, wenn sie denn erkunden wollte, wie es die beiden Spitzenkandidaten mit der christlichen Religion halten.

 

Wenn es um den Glauben geht, müssten schon noch andere Fragen gestellt werden. Da müsste man fragen: Was gibt dir Halt und Orientierung? Hast du eine Zuversicht, die über das hinausgeht, was du selbst machen kannst? Eine Vision von Versöhnung, Frieden und Gerechtigkeit? Ist dein Vertrauen größer als deine Angst? Das sind ja Glaubensfragen. Und wenn es um den christlichen Glauben geht, gilt es auch zu fragen: Was weißt du vom Gott der Bibel? Was bedeuten dir der Weg und die Lehre des Menschensohns Jesus? Darum geht es doch im Christentum.

Aber es ist wahr: Solche Fragen stelle ich niemandem, auch nicht meinen besten Freundinnen. Ich fände es allzu zudringlich. Solche Fragen kann ich mir in einem politischen Fernsehinterview erst recht nicht vorstellen. Solche Fragen sind tatsächlich dem stillen Kämmerlein vorbehalten oder der kleinen Gemeindegruppe, die sich über Glaubensfragen austauscht. Das ist schon öfter beklagt worden: Dass es heute offenbar leichter ist, das eigene Sexualleben zu debattieren als über Glaubensfragen zu sprechen. Ich gehöre eher zu denen, die dafür Verständnis haben. Schließlich hat das religiöse Sprechen ja oft auch etwas Demonstratives. Auf der andern Seite geht uns diese Frage doch alle etwas an: Woran glaubst du?

 

Worauf gründen wir uns? Mit welcher Hoffnung leben wir? Wie gehen wir mit unserer Angst um? Das ist nicht nur Privatsache. Das prägt ja auch unsere politischen Einstellungen, unsere Wünsche für die Zukunft. Wir sollten wohl doch öfter darüber reden, Christen und Nicht-Christen in gegenseitigem Respekt und ohne einander zu bedrängen.

 

Sie können das jetzt mit mir tun. Bis 8 Uhr bin ich zu erreichen unter der Telefonnummer 030/32 53 21 344 – ich wiederhole 030 für Berlin und dann 32 53 21 344. Oder Sie sagen Ihre Meinung auf Facebook unter deutschlandradio.evangelisch.