Pfarrer mit Federboa und Hochzeitstorte

Evangelische Kirche mit einem eigenen Truck beim Christopher-Street-Day
Premiere beim Christopher-Street-Day in Berlin: Zum ersten Mal hat sich die evangelische Kirche mit einem eigenen Truck an der Schwulen- und Lesben-Parade beteiligt. Und ein Zeichen für die Trauung gleichgeschlechtlicher Paare gesetzt.

Auf Truck Nummer 43 tummeln sich Engel mit schwarzer und weißer Federboa, eine Drag Queen auf Highheels und ein paar Bräute mit Bräutigam. Der Wagen ist einer von vielen beim Berliner Christopher-Street-Day, doch er ist ein besonderer: Mittendrin stehen zwei Pfarrer in typischer Kleidung, mit Kollarhemd und Beffchen, sie tragen Eheringe und leben zusammen. Es ist der erste Wagen der evangelischen Kirche beim CSD.

Auf dem überwiegend aus Spendengeldern finanzierten Truck, auf dem auch andere Religionen vertreten waren, sind am Samstag nach Angaben der Sprecherin des Kirchenkreises Stadtmitte, Christiane Bertelsmann, etwa 160 Leute mitgefahren. Die Anwältin Seyran Ates ist eine der prominentesten von ihnen. Es sei "fantastisch, dass die Kirchen mit einem eigenen und so wunderschönen Wagen mitfahren", sagt die Frauenrechtlerin, die seit der Gründung ihrer liberalen Ibn-Rushd-Goethe-Moschee Morddrohungen erhält, umringt von Personenschützern und Kameras.

"#Trauungfueralle in unseren Kirchen"

Auf den ersten Blick erscheint der riesige doppelstöckige Truck mit den bunten Luftballons wie jeder andere der knapp 60 Wagen, die sich am 39. Christopher-Street-Day beteiligen. Erst auf den zweiten Blick ist die Aufschrift auf den Ballons zu lesen: "Trau Dich" steht da und darunter "#Trauungfueralle in unseren Kirchen". Denn die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz wirbt mit dem Truck für die kirchliche Trauung gleichgeschlechtlicher Paare, die in der Landeskirche seit einem Jahr möglich ist.

Es ist laut auf dem Wagen, aus riesigen Lautsprechern dröhnt Techno- und Housemusik. Bunt geschminkte Menschen werfen mit Konfetti und Rosenblättern. Im Alltag sind sie Pfarrer, engagieren sich in der Suppenküche oder arbeiten als Küsterin in der Kirche. Die meisten Mitfahrer auf dem Truck kommen aus Berliner Kirchengemeinden. Und sie werfen nicht nur Konfetti, sondern verteilen auch Informationen über die Trauung homosexueller Paare.

Der Truck sei ein "deutliches Zeichen, um zu zeigen, dass wir uns als evangelische Kirche freuen, Schwule und Lesben gleichberechtigt trauen zu können", sagt der Superintendent des Kirchenkreises Stadtmitte, Bertold Höcker. Der Kirchenwagen sei ein "Zeichen dafür, dass die Menschen sehen, dass die evangelische Kirche ein gewaltiges Stück Toleranz mitbringt", sagt Thomas Beckmann, Sprecher der ökumenischen Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche Berlin. Die Kirche sei über ein Jahr schneller gewesen, als der Staat, die Ehe auch für homosexuelle Paare zu öffnen.

Als Seyran Ates mit lila Federboa und hellblauem Krönchen und Bertold Höcker mit rosa Federboa eine regenbogenfarbene Hochzeitstorte anschneiden, sind auch die Personenschützer dabei. Die Morddrohungen halten die Anwältin nicht vom Feiern ab, auch sie tanzt fröhlich neben dem interreligiösen Kirchen-Truck.

Dass es auf dem Wagen um Religion geht, sehen viele CSD-Besucher nicht auf den ersten Blick. Und für einen zweiten Blick reicht die Zeit bei 60 Wagen nur selten. Eine junge Frau, die tanzend ein Stück Torte von Seyran Ates nimmt, hat die Frauenrechtlerin nicht erkannt. Ihr sei auch nicht klar gewesen, dass der Wagen von der Kirche kommt, sagt sie. Jeder dürfe demonstrieren, sagt ein Mann. Und die Entscheidung der Kirche, auch homosexuelle Paare zu trauen? "Ist mir egal", sagt er und tanzt weiter.

Für die Besucher des Christopher-Street-Days ist es schwierig, in dem bunten Treiben aus Glitzer, Alkohol, lauter Musik und später auch noch Gewitter, die Zeichen der Kirche wahrzunehmen. Es sei illusorisch zu glauben, dass sich durch diese Aktion mehr homosexuelle Menschen kirchlich trauen lassen, sagt die Sprecherin des Kirchenkreises Christiane Bertelsmann: "Von dem Umzug auf dem CSD können wir nicht mehr erwarten, als dass die Menschen von der Kirche überrascht werden." Den Truck sieht sie auf jeden Fall als Erfolg: "Die Stimmung auf dem Wagen war gut, der Truck war immer voll."