Vom Seelsorger zum Wanderprediger?

Wie kleine Gemeinden mit dem Pfarrermangel umgehen (müssen)
Johannes Misterek (36) wurde im Juli 2014 Pfarrer der Massenheimer Gemeinde.

Foto: Ev. Kirche Massenheim

Johannes Misterek (36) wurde im Juli 2014 Pfarrer der Massenheimer Gemeinde.

In der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau soll die Zahl der Pfarrstellen von 2020 bis 2024 von jetzt 1500 auf 1300 reduziert werden. Doch schon jetzt sind Seelsorger vor Ort knapp. Stellen können oft über ein halbes Jahr nicht besetzt werden. Was das für eine kleine 950-Seelen-Gemeinde bedeutet, kann man in Bad Vilbel-Massenheim bei Frankfurt erfahren.

Für Johannes Misterek (36) war die Kirchengemeinde in Bad Vilbel-Massenheim seine erste Gemeindestelle, die er im Juli 2014 antrat. 2011 wurde er ordiniert, arbeitete als Assistent und Doktorand an der Uni Leipzig und hatte dort einen Predigtauftrag. In der Massenheimer Gemeinde trat der junge Theologe in die Fußstapfen seines Vorgängers Werner Krieg, einem volkstümlichen Pfarrer, der ebenso beim Dorffasching in die Bütt steigen wie gemeinsam mit den Katholiken des Ortes ökumenische Gemeindefeste ausrichten konnte. Doch Krieg hatte zunächst noch eine ganze Stelle, die zu einer Dreiviertelstelle wurde. Nachdem er pensioniert war, blieb bloß eine halbe Stelle übrig.

"Bei Stellenantritt war meine Frau im Referendariat und ich hatte mich bewusst für die dreijährige Zeit meines Probedienstes auf eine  halbe Stelle beworben", erinnert sich Misterek. Doch es wurde kein Übergang geschaffen von der dreiviertel auf die halbe. Die Aufgaben blieben und wurden sogar noch mehr. Denn es kam zu einem großen Wasserschaden, der die Kita der Massenheimer Gemeinde knapp neun Monate unbenutzbar machte. Es galt, die aufwendige Sanierung und Spenden zu organisieren – eine administrative Aufgabe, die das seelsorgerische Tagesgeschäft oft überlagerte. Um da zu entlasten, sei Gemeindemanagement gefragt, wirft Kirchenvorstand Klaus Splittdorf ein. Verwaltungsaufgaben müsse nicht unbedingt ein Pfarrer übernehmen, die könnten auch für mehrere Gemeinden zusammengefasst werden, regt er an. In Bad Vilbel-Massenheim beginnt jetzt das große Nachdenken über die Zeit danach. "Im Stadtteil Gronau hat die Vakanz acht Monate gedauert", merkt Splittdorf an.

Pfarrdienst oder Fahrdienst?

Auf mindestens ein halbes Jahr müsse sich die Gemeinde einrichten, wenn die Stelle jetzt im Juli ausgeschrieben werde. Nicht alle Angebote könnten weitergeführt werden, "das müssen Ehrenamtliche auffangen". Schon jetzt gestaltet ein Familiengottesdienst-Team jeweils einen Sonntags-Gottesdienst. Dazu werden nun weitere Gottesdienste in neuer Form kommen, etwa Lesegottesdienste oder Gottesdienste der Stille, deutet Splittdorf an: "Wir sind eine Beispielgemeinde, wo Veränderungen in den vergangenen Jahren immer spürbarer wurden." Für die Zeit der Vakanz soll nach den Sommerferien mit einem Runden Tisch der Gemeindemitglieder Ideen gesammelt werden: Was braucht die Gemeinde, wer hilft mit, es zu ermöglichen?

Wenn zu der vorübergehenden Vakanz eine Zusammenlegung mit anderen Gemeinden käme, sieht Splittdorf dauerhaft Probleme: "Einem Wanderpfarrer fehlt der Bezug zur Gemeinde", da werde der Pfarrdienst allmählich zum Fahrdienst. Es fehle die Nähe zu den Gemeindemitgliedern, ihren Ängsten und Nöten und der tiefe Einblick in deren familiäre Situation. Da gehe es um Vertrauen, Kontinuität – und Zeit. "Was ist aus den Entscheidungen geworden, muss ich nachjustieren?", sei nur eine der Fragestellungen. Wenn solche persönlichen Begegnungen mangels Präsenz der Pfarrer fehlten, stelle sich schließlich die Frage, "ob Leute weiter bereit sind, dafür zu zahlen – es wird Kirchenaustritte geben". Splittdorf kritisiert auch, dass die Kirche per Infopost Hochglanzbroschüren verteile und in Prestigeprojekte investiere, die das Engagement vor Ort nicht förderten. Hinzu komme, dass die Kirche mittlerweile auch kein verlässlicher Partner mehr für die Berufswahl sei. Gemeinden würden zusammengelegt, Privilegien abgeschafft, es komme zu Überlastungen.

Nicht ersetzbar ist hingegen die Präsenz eines Geistlichen vor Ort. Kirche solle nicht für Moral stehen, sondern für Zuwendung, findet er. "Gott ist die Liebe", betont Misterek: "Wenn es heute immer weniger gelingt, dem vor Ort ein Gesicht zu geben, verlieren wir unsere Gemeinschaft." Wir als Kirche sollten nicht warten, bis die Menschen zu uns kommen, sondern zu ihnen gehen, findet er. Ihm ist noch ein Spruch in Erinnerung, den ihm sein Dekan Volkhard Guth zur Amtseinführung mit auf den Weg gab. Ein Pfarrer sei wie ein Sämann, manche Früchte tragen erst 25 Jahre später. Das habe ihn damals entlastet. Doch die Gesellschaft beschleunige sich, werde immer nervöser. PR-Aktionen seien auf sofortige Ergebnisse angelegt, aber das vertrauensvolle Gespräch und die helfende Hand benötigten Zeit, gerade weil der gesellschaftliche Zusammenhalt schwinde. Umfragen etwa zur ARD-Woche des Glaubens zeigten, "der Horizont der Ewigkeit ist aus dem Leben der allermeisten Menschen", sagt Misterek. Sein Appell lautet daher: "Wir müssen wieder zu den Basics zurück!" Ursprünglich sei das Christentum "eine Ess- und Trinkgemeinschaft" gewesen, ein Zusammenhalt, aus dem Kraft erwachse.

Dass die christliche Gemeinschaft eine feste Größe bleibt, wünscht sich auch der oberhessische Propst Matthias Schmidt: "Vakanzen sind immer schon selbstverständlich gewesen beim Pfarrwechsel. Pfarrer werden nicht wie Angestellte auf Stellen ,gesetzt', sondern bewerben sich um Stellen. Außerdem ist es gut, wenn Stelle und Pfarrer theologisch und inhaltlich zusammenpassen, also die Chemie stimmt. Dafür müssen alle Seiten eben warten, bis dann die richtige Bewerbung kommt. Das möchte ich als Propst gerne unterstützen." Die jetzige EKHN-Synode habe sich ausführlich mit der Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung beschäftigt und bestätigt, dass Pfarrer für den Kontakt zu den Menschen wichtig sind. Deshalb hat sie beschlossen, den Durchschnitt von Gemeindegliederzahl zu Pfarrstelle von 1600 auf jeden Fall zu halten. "Die meisten EKD-Gliedkirchen liegen da übrigens bei 2000 und mehr." Bei der Stellenwahl der Pfarrer spielten verschiedene Faktoren eine Rolle, so Schmidt: "Passt die Stelle zu meinem Profil? Ist nach ersten Gesprächen und Besuchen für mich ein gutes Arbeiten dort vorstellbar? Ist die Berufstätigkeit meines Ehepartners dort möglich? Passt meine familiäre Situation dorthin?"

Reformen nötig

Doch es gibt immer weniger Kirchenmitglieder und vor allem in den ländlichen Regionen wie dem Vogelsberg einen Rückgang von bis zu zwei Prozent jährlich. Nicht Kirchenaustritte, sondern der demografische Wandel, das Altern, sei der Hauptgrund dafür, so Schmidt: "Es gibt zu wenig Taufen und Neueintritte". Hinzu komme, dass jetzt die Babyboomer-Generation der Pfarrer vor dem Ruherstand steht, in der EKHN seien das 70 bis 80 Personen. Demgegenüber treten 40 bis 45 Pfarrer jährlich neu in den Dienst der Kirche. Es gibt auch ein Angebot für Quereinsteiger, den Masterstudiengang Theologie an der Universität Marburg, der nach fünf Jahren Berufserfahrung eingeschlagen werden kann. 25 Plätze gibt es dort alle drei Jahre.

Um die drohenden Engpässe bei den Pfarrstellen abzufangen, könnten angehende Ruheständler länger arbeiten, sagt Schmidt, doch es ist vor allem eine Reform, die er vorantreiben möchte – ganz im Sinne auch der Massenheimer Gemeinde. Die Pfarrer sollen von der Verwaltungsarbeit entlastet werden. Kitas mehrerer Gemeinden könnten gemeinsam verwaltet werden. Solch eine Regionalverwaltung über das Dekanat werde in Gießen seit Jahren praktiziert. Auch das Gemeindemanagement solle ausgebaut werden, "aber dafür müssen die Kirchenvorstände auch Zuständigkeiten abgeben", verweist Schmidt auf Vorbehalte in den Gemeinden. Allerdings betont er auch: "Die Kirchenarbeit ist nicht nur pastoral, es gibt viele Ebenen. So könnten  Gemeindepädagogen die Konfirmanden betreuen. Und allein in der Wetterau gebe es hundert Prädikanten. Viele solche Puzzleteile seien nötig, um das Problem zu lösen, betont der Propst.