EKD-Gottesdienste am Atlantik

Touristen entdecken im Urlaub die Kirche neu
Vater und Kind malen am Strand das Ichthys-Symbol in den Sand.

Foto: Getty Images/iStockphoto/JanKangurowski

"Im Urlaub nimmt die Schwellenangst vor der Kirche ab", sagt Pfarrer Andreas Braun.

Seit drei Jahren lockt Andreas Braun mit deutschsprachigen Gottesdiensten – veranstaltet mit der EKD – Urlauber aus aller Welt in die kleine evangelische Kirche in Soulac-sur-Mer am Atlantik. Der 57-Jährige ist evangelischer Pfarrer in Bordeaux.

Sie veranstalten vom 29. Juli bis 19. August 2017 in Soulac-sur-Mer vier deutschsprachige Gottesdienste mit der EKD. Was für Veranstaltungen sind es genau?

Andreas Braun: Hauptsächlich veranstalten wir einen Gottesdienst am Samstagabend in deutscher Sprache, um 19 Uhr 30. In der evangelischen Kirche von Soulac-sur-Mer, die hier einfach "Tempel" genannt wird.  Als Prediger kommt Stefan Brückner aus der Württembergischen Landeskirche hierher. Er ist eigentlich Pfarrer in Ravensburg. Er feiert die ersten drei Gottesdienste: am 29. Juli sowie am 5. und 12. August. Ich predige im vierten Gottesdienst am 19. August.

Was steht noch auf dem Programm?

Braun: Eine Ausstellung anlässlich des Luther-Jahres: "Luther öffnet der Moderne die Türen!" Die Evangelische Kirche Frankreichs zeigt auf zwölf Bildtafeln die Eigenschaften Martin Luthers. Jede Tafel hebt eine Eigenschaft hervor. Zum Beispiel heißt eine Bildtafel: "Luther und die Frauen: eine verpasste Gelegenheit?" Denn der Reformator soll die Frauen einerseits diskriminiert und andererseits gefördert haben. Diese Ausstellung hatte schon in Bordeaux, Lyon, Marseille und vielen anderen Orten Erfolg. Darum wollen wir sie vom 11. bis 20. August in Soulac-sur-Mer im protestantischen Tempel wieder zeigen.

Wer kommt zu den deutschen Gottesdiensten in Soulac?

Braun: In der Regel kommen Touristen. Was sie anzieht, ist, dass es Gottesdienste im Urlaub sind. Im Urlaub sagt man leichter mal: "Hey, kommt, wir gehen mal wieder zum Gottesdienst." Da nimmt die Schwellenangst vor der Kirche ab. Oftmals höre ich von einem Besucher nach dem Gottesdienst: "Seit der Scheidung von meiner Frau komme ich zum ersten Mal wieder zum Gottesdienst." Oder: "Erstmals nach dem Tod meiner Frau gehe ich wieder in die Kirche." Es passiert mir oft, dass Besucher mir nach dem Gottesdienst so etwas sagen.

Woher kommen Ihre Besucher?

Braun: Von überall her. Die letzten 20 Jahre konnte ich neben den Deutschen alle Nationalitäten begrüßen: Franzosen, Holländer, Belgier, Schweizer, Mexikaner, Brasilianer. Und sie gehören den verschiedensten Glaubensrichtungen an. Pfingstler kommen genauso nach Soulac wie Liberale, Baptisten und Lutheraner. Zu uns kommen Menschen, die im Urlaub einen Gottesdienst erleben wollen. Was seit drei Jahren neu ist, ist das deutschsprachige Angebot: Gottesdienste in Zusammenarbeit mit der EKD.

Warum finden die deutschen Gottesdienste ausgerechnet in Soulac statt?

Braun: Weil Soulac ein Touristen-Magnet ist. Soulac-sur-Mer liegt auf der Route vom Médoc. Diese Route führt uns, einige Kilometer bevor die Gironde bei Le-Verdon ins Meer fließt, nach Soulac, wo die kleine evangelische Kirche steht, deren Bau man 1939 durch Spenden finanziert hat.

Der Ort Soulac hat zwar selbst nur an die 3.000 Einwohner. Aber zusammen mit den Touristen aus der näheren und weiteren Umgebung, aus Lacanau, Hourtin oder Montalivet, mit den riesigen Camping-Anlagen, werden es im Sommer schnell 80.000 bis 90.000 Menschen. Ich verstehe meine Gottesdienste als Dienst der EKD und der Französischen Evangelischen Kirche an diesen Touristen.

Die evangelische Kirche von Soulac-sur-Mer, Notre-Dame-de-la-Fin-des-Terres.

Wie kommen Sie als Deutscher nach Frankreich?

Braun: Ich bin seit 25 Jahren in der Evangelischen Kirche Frankreichs als Pfarrer tätig. Ich habe zunächst in Tübingen und Heidelberg studiert. Dazwischen war ich ein halbes Jahr Student in Paris. Und ein Jahr Vikar im Hinterland von Montpellier. Als ich mein Studium in Baden abschloss, sind viele Kandidaten in der badischen Landeskirche geblieben, wo man nicht wusste, wohin mit all den Absolventen. Wenige sind ins Ausland gegangen. Etwa nach Frankreich, wo ich den Eindruck hatte, dass die Kirche mich herzlich willkommen hieß.

Wie ist zwischen Bordeaux und der EKD der Kontakt zustande gekommen?

Braun: Der Kontakt mit der EKD ist über meine Kollegin Gesine Bertheau zustande gekommen. Sie ist Pfarrerin der deutschsprachigen Gemeinde von Toulouse. Diese Gemeinde ist seit über 20 Jahren ein Gemeinschaftsprojekt zwischen der EKD und der Protestantisch-Unierten Kirche in Frankreich. Wie in Deutschland hat die Protestantisch-Unierte Kirche in Frankreich ein presbyterial-synodales System. Aber der wesentliche Unterschied zwischen Frankreich und Deutschland ist: Wenn in Deutschland in der Kirche ein Projekt gemacht wird, steckt mehr menschliche und auch finanzielle Kraft dahinter. Hier hingegen muss man sich oftmals mit einfachsten Mitteln zu helfen wissen, da die Kirche ausschließlich von Spenden lebt.

Aufgrund der Kirchensteuer, die es in Frankreich nicht gibt…

Braun: Die so genannte force humaine, die Kraft menschlicher Mitarbeit, ist hier zahlenmäßig geringer. Unsere Region ist an Protestanten eher dünn besät. Der Sektor Médoc gehört zur Gesamtgemeinde Bordeaux, die ein Gebiet von ungefähr 10.000 km² umfasst und rund 1.700 Mitglieder hat, von denen etwa ein Drittel auch finanzielle Unterstützung leisten. So gibt es hier Menschen, die vierzig bis sechzig Kilometer fahren, um zu unserem Gottesdienst zu kommen.

Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit der EKD finanziell? Ist die evangelische Gemeinde von Bordeaux ein privater Kultus-Verein? Stellt die EKD Ihre Altersrückstellungen?

Braun: Unsere Gemeinde ist organisiert als privater Kultusverein. Ich bin finanziell ganz abhängig von der Protestantisch-Unierten Kirche Frankreichs. Die EKD stellt uns einen Urlaubsseelsorger zur Verfügung. Die Protestantisch-Unierte Kirche Frankreichs nimmt dieses Angebot dankend an und freut sich sehr über diese Unterstützung.

Wie viele Französisch-Sprachige kommen zum EKD-Gottesdienst?

Braun: Wenn es zehn sind, dann ist das schon ein Riesen-Ereignis. Das liegt daran, dass wir in der Gemeinde immer auch am Sonntag einen französischen Gottesdienst veranstalten. Und die meisten Franzosen besuchen diesen Gottesdienst am Sonntag. Trotzdem kommen zu unseren deutschsprachigen Gottesdiensten immer auch Personen aus dem französisch-sprachigen Umfeld. Vertreter der Gemeinde-Leitung und andere.

Warum ziehen die EKD-Gottesdienste an?

Braun: Ich kann mir vorstellen, dass die Holländer oder Schweizer, die Deutschen oder auch Skandinavier sich im deutschsprachigen Gottesdienst besonders wohl fühlen, da das Kirchenbewusstsein vergleichbar ist. In Frankreich ist es wirklich außergewöhnlich, wenn jemand evangelisch ist. Alle Konfessionen, Freikirchen, und Gemeindearten zusammengerechnet, leben in Frankreich ungefähr 1,5 bis 1,8 Millionen Protestanten. So kommt es, dass ein französischer Pfarrer gerne mal von seinem katholischen Kollegen gebeten wird, eine Abendveranstaltung zu halten, um zu erklären, was "evangelisch" eigentlich ist, oder wie es schon mal gern gesagt wird : "… damit meine Katholiken mal einen echten Protestanten sehen..."