Philip Tanis: "Die Kirche kann wieder zusammenfinden"

Philip Tanis, Kommunikationschef der Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen

Foto: Heike Lyding

Philip Tanis, Kommunikationschef der Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen.

Die Weltgemeinschaft der Reformierten Kirchen trifft sich in diesem Jahr in Leipzig. Warum ist Luther auch für die Reformierten wichtig und was können wir von allen Reformatoren lernen? Das beantwortet Phil Tanis, Sprecher der Weltgemeinschaft, im Interview.

Wie nimmt die Weltgemeinschaft der Reformierten Kirchen (WGRK) an den Feiern zum Reformationsjubiläum teil?

Phil Tanis: Es passt ganz gut, dass unsere Generalversammlung, die wir alle sieben Jahre abhalten, in dieses Jahr fällt. Wir haben uns entschieden, in diesem Jahr nach Deutschland zu kommen und auch nach Wittenberg, wo wir einen besonderen Tag geplant haben, um die Kirche weiter zusammenzubringen. An dem Tag werden wir versuchen, die Einheit der Kirchen in einer besonderen Zeremonie zu bekräftigen: Wir werden ein Assoziierungs-Abkommen zur Gemeinsamen Erklärung der Rechtfertigungslehre unterschreiben, gemeinsam mit der katholischen und lutherischen Kirche. Die Methodisten werden auch dabei sein, die bereits assoziiert sind.

Wir freuen uns darauf, die Vertreter des Vatikan und der Lutheraner in der Stadt willkommen zu heißen, in der die Reformation begonnen hat. Wir werden dann auch mit den Lutheranern eine zusätzliche Vereinbarung unterschreiben, in der wir uns verpflichten, noch enger zusammenzuarbeiten als bisher. In der letzten Runde unserer formellen Gespräche sind wir zum Schluss gekommen, dass uns eigentlich nichts mehr wirklich trennt, außer Geschichte und Tradition, und die innere Struktur unserer Kirchen.

In diesem Jahr, das ja eine unfreiwillige Kirchenspaltung eingeleitet hatte, wollen wir zwei Dinge ganz klar zeigen: Die Reformation ist global, und die Kirche kann wieder zusammenfinden. Und wir arbeiten ja jetzt schon in ganz vielen Dingen gemeinsam an der Welt Gottes und der Welt Jesu.

Sind die anderen Reformatoren unterrepräsentiert in diesem Jahr, in dem alle auf Martin Luther schauen?

Tanis: Ich sehe jedenfalls noch keine Playmobil-Figuren für Zwingli oder Calvin. (lacht) Wir freuen uns schon auf die. Nun ja, es ist Martin Luthers Jahr. Vor einigen Jahren war Calvins 500ster Geburtstag, der wurde auch gefeiert. Einige Schweizer Kirchen, vor allem im Kanton Zürich, bereiten sich jetzt schon darauf vor, in ein paar Jahren Zwingli zu feiern. [Anm. d. Red: 1519 wurde Zwingli zum Stadtpfarrer in Zürich berufen.] Wir werden dann auch das Treffen unseres Exekutivausschusses dort machen. Auch die anderen Reformatoren kommen wieder, so wie ihre Jubiläen fallen. Ich denke, es ist in diesem Jahr angemessen, Luther hervorzuheben, auch wenn er nicht unser Mann ist, sozusagen. Wir haben ja auch unierte Kirchen, und wir erkennen an, was er mit der globalen Bewegung geschaffen hat.

"Wir sind berufen, eine Kirche zu sein"

Was können uns die Reformatoren heute noch beibringen?

Tanis: Woran wir uns bis heute halten ist, dass wir zwar reformiert sind, aber uns immer reformieren. Dem zugrunde liegt der Glaube, dass Gottes heiliges Wort, wie es in der Bibel zu finden ist, immer an den Ereignissen unserer heutigen Zeit gemessen werden muss, durch den Heiligen Geist. 2004 hatten wir zum Beispiel bei unserer Versammlung in Ghana die Frage, was die aktuelle wirtschaftliche Lage und der Umweltschutz für uns bedeuten. Und wir kamen zu dem Schluss, dass sich die Kirche darum kümmern muss. Denn die neo-liberale Wirtschaftsordnung und die trans-nationalen Kräfte, die über einzelne Staaten weit hinaus gehen, sind im Grunde sündig, und dagegen haben wir uns im Bekenntnis von Accra ausgesprochen.

Schon in den 80ern hatten wir einen ähnlichen Beschluss zu Apartheid. Wir hatten damals Mitgliedskirchen, die Apartheid selbst praktiziert haben. Aber wir als Reformierte glauben, dass die ganze Schöpfung Gottes Schöpfung ist, und dass wir unseren Teil dazu tun müssen, die Welt zu retten. Das geht durch Jesus Christus, aber wir sind hier, um dieser Aufgabe zu dienen. Calvin selbst war Immigrant, kam nach Genf und baute dort seine Kirche, die in der Welt wirkte. Das sehen wir in unseren Mitgliedskirchen bis heute, und daran halten wir fest.

Was, hoffen Sie, bleibt vom Reformationsjubiläumsjahr für die Zukunft?

Tanis: Ich hoffe, wir nehmen ein Bewusstsein für die Geschichte mit. Ich denke - und vielleicht ist das nur meine amerikanische Sicht - wir erinnern uns zu oft nicht an die Geschichte. Wir vergessen, und dann machen wir die gleichen Fehler. Ich hoffe, dass wir aus der Geschichte lernen können - und eines der Dinge, die wir lernen können, ist: Wir sind berufen, eine Kirche zu sein. Das ist eine einfache Aussage, die Jesus in der Bibel macht: Wir sollen eins sein. Auch wenn wir unterschiedliche Traditionen haben, die wir auch behalten dürfen und können, können wir doch dem gleichen Erlöser dienen und gemeinsam an der Errettung der Welt arbeiten und uns überall für Gerechtigkeit einsetzen, wo sie gebraucht wird.