TV-Tipp: "Tatort: Borowski und das Fest des Nordens" (ARD)

18.6., ARD, 20.15 Uhr: "Tatort: Borowski und das Fest des Nordens"
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Foto: Getty Images/iStockphoto/vicnt

Die Geschichte dieses Krimis aus Kiel ist ungewöhnlich, sprengt jedoch nicht den Rahmen des Sendeplatzes: Mišel Matičević spielt einen Mann und Vater, der zwar charmant sein kann, aber seinen Jähzorn nicht im Griff hat. Weil die entsprechenden Szenen regelmäßig in großes Geschrei und heftige Brutalität ausarten, reizt "Borowski und das Fest des Nordens" die Grenzen kräftig aus, und das nicht allein hinsichtlich der Darbietungen.

Selten war ein "Tatort"-Auftakt so wenig einladend; viele Zuschauer werden sich das Drama daher womöglich nicht lange antun wollen. Andererseits gelingt Regisseur Jan Bonny und seinem Bildgestalter Jakob Beurle eine enorme Intensität. Die Handkamera ruckt Matičević derart auf die Pelle, dass sich die unbändige Wut von Roman Eggers fast unmittelbar überträgt. Auch deshalb ist der Film alles andere als angenehme Unterhaltung, zumal die Geschichte von einer nicht immer plausiblen Aggressivität geprägt ist.

Die hochsommerliche Hitze und die Anspannung der Behörden angesichts der Kieler Woche taugt allerdings nur bedingt als Erklärung dafür, dass die Nerven sämtlicher Beteiligten blank liegen. Auch zwischen Borowski (Axel Milberg) und Sarah Brandt (Sibel Kekilli) fliegen beim letzten gemeinsamen Fall ständig die Fetzen, was das Ermittlerduo nicht nur in hohem Maße unprofessionell erscheinen lässt. Wenn er sie am Ende "blöde Kuh" nennt und sie mit dem Ausruf "Ich mach' Sie fertig" kontert, wirkt das bloß noch lächerlich. Die Ursache für den durchgehenden Zwist ist ohnehin an den Haaren herbeigezogen: Brandt wirft Borowski vor, er habe Verständnis fur Eggers. Der Hauptkommissar hatte gemutmaßt, der Mann habe seine Freundin umgebracht, weil die ihm auf die Nerven gegangen sei. Das findet Brandt chauvinistisch, aber Borowski hat Recht. Der Film beginnt mit gleich zwei quälend lautstark geführten Auseinandersetzungen: Erst schreien sich Eggers und seine Exfrau an, dann bekommt er Besuch von seiner Freundin, die sich an ihn klammert wie eine Ertrinkende, bis er sie im Blutrausch erschlägt. Die entsprechenden Bilder gehen unter die Haut, aber sie wecken in ihrer Ungeschminktheit auch mindestens Befremden, zumal längst nicht alle Darsteller die Klasse von Matičević haben. Eggers ist trotz seines Jähzorns, der sich später nicht minder blutig noch an einem Dealer und einem Geldverleiher entlädt, ein liebevoller Vater, weshalb es dem gleich fünfmal für den Deutschen Fernsehpreis nominierten Schauspieler vortrefflich gelingt, Zärtlichkeit und Zorn gleichermaßen überzeugend zu verkörpern.

Jan Bonny ist für sein Regiedebüt uber die häusliche Gewalt einer Frau ("Gegenüber", 2007) vielfach ausgezeichnet worden; 2013 hat er einen herausragenden "Polizeiruf" aus Munchen gedreht ("Der Tod macht Engel aus uns allen"). Aber schon sein Psychologenporträt "Über Barbarossaplatz" war derart sperrig, dass die ARD-Fernsehfilmkoordination entschieden hat, das Drama nicht um 20.15 Uhr, sondern erst am späten Abend auszustrahlen. Sein Krimi aus Kiel will ebenfalls ganz offenkundig nicht gefällig sein. Das Drehbuch stammt von Markus Busch, der unter anderem für Dominik Graf den Gurlitt-Film "Am Abend aller Tage" geschrieben hat; es basiert auf einer zunächst von Nils Wibrandt adaptierten Vorlage von Henning Mankell. Bonny versteht seinen Film als Requiem fur einen Mann, der seine letzten Prüfungen zu bestehen hat, und dank Matičević ist Eggers in der Tat kein Teufel, sondern eine äußerst tragische Figur. Beleg dafür ist eine Szene, die im Grunde nur aus Borowskis Schnaufen und Husten besteht: Der Kommissar ist in einer brennenden Wohnung eingesperrt, der Rauch vernebelt ihm die Sinne und dem Publikum den Durchblick. Der Tod scheint ihm gewiss, aber dann kommt er plötzlich außerhalb des Hauses wieder zu sich.

Die Rettung schweist den Kommissar und den Mörder in gewisser Weise zusammen. Die meisten anderen Regisseure hätten sie vermutlich als dramaturgisches Herzstück der Geschichte und ohnehin viel packender inszeniert, aber Spannung schien Bonny nicht so wichtig zu sein, weshalb auch das Finale verpufft: Brandt ist überzeugt, Eggers wolle Kiel in die Luft jagen, doch die Suche nach der Bombe verkommt zu einem kraftlosen Epilog. Und so ist "Borowski und das Fest des Nordens" ein Film, der einerseits durch seine Rohheit fasziniert, andererseits aber auch irgendwie unfertig wirkt, zumal viele Szenen schlicht irritieren. Das wiederum passt ins Bild: Der Film ist bereits 2015 entstanden, der NDR wollte ihn jedoch in zeitlicher Nähe zur Ende Juni stattfindenden Kieler Woche zeigen. In der "Tatort"-Chronik war also die im März gezeigte Episode "Borowski und das dunkle Netz" Sibel Kekillis Abschiedsvorstellung.

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