Kämpft mit einem Stift in Eurer Hand!

Ein Mann lehnt gegen die Mauer, die durch Bethlehem verläuft.

Foto: Tobias Schreiner

Ein Mann lehnt gegen die Mauer, die durch Bethlehem verläuft.

Vom 5. bis 10. Juni jährt sich der Sechs-Tage-Krieg zum 50. Mal – und damit der Beginn der israelischen Besatzung im Westjordanland. Wie erleben palästinensische Christen und Muslime die Besatzung heute – und wie stehen sie zum Frieden mit den Israelis?

Aseel erinnert sich vor allem an das Geräusch. Es war ein großer Stein, der gegen die Tür des Autos krachte, in dem sie und ihre Mutter saßen. "Wir waren auf dem Weg von Jerusalem nach Bethlehem, gemeinsam mit einer Freundin meiner Mutter wollten wir dort ein Restaurant besuchen." Kurz vor dem Checkpoint sahen sie, dass palästinensische Männer mit Steinen auf israelische Soldaten warfen. Die Mutter drosselte das Tempo. Plötzlich krachte es: Die drei Frauen wurden selbst zur Zielscheibe des wütenden Protests gegen die Besatzer. "Sie dachten, wir seien jüdisch", erklärt Aseel. "Dabei sind wir muslimische Araber, genau wie sie."

Aseel und ihre Eltern wohnen in Jerusalem. Die 15-Jährige besucht allerdings die in im Westjordanland gelegene lutherische Schule Talitha Kumi. "Sie darf nie ihren Pass vergessen", erklärt Aseels Freundin und Mitschülerin Nadia. "Sonst kann sie den Checkpoint nicht passieren." Die 16-jährige Nadia ist Christin und lebt in der Stadt Beit Jala, die an Bethlehem grenzt. Auseinandersetzungen zwischen Palästinensern und israelischen Soldaten gehören für sie zum Alltag. "Jeden Freitagabend versammeln sich einige Männer nach dem muslimischen Gebet und werfen mit Steinen auf Soldaten", berichtet sie. Die Israelis wehren die Angriffe mit Tränengas ab. "Wir schließen dann immer unsere Fenster, weil die Luft so stark danach riecht", sagt Nadia. "Ich muss besonders aufpassen, weil ich gegen Tränengas allergisch bin."

Nadia und Aseel besuchen dieselbe Schule, sie singen gemeinsam im Chor und haben gemeinsame Freunde. Und doch leben sie in völlig unterschiedlichen Welten. Aseel hat die sogenannte Jerusalem-ID, die es ihr erlaubt, sich in Israel zu bewegen. Auf dem Weg von Jerusalem nach Beit Jala, wo ihre Schule liegt, wird meistens nicht kontrolliert. Auf dem Weg nach Hause allerdings immer. Während der Kontrolle müssen alle Palästinenser mit Jerusalem-ID am Checkpoint aussteigen. Touristen dürfen sitzen bleiben. Wenn sie Glück haben, wartet der Bus, bis sie die Kontrolle passiert haben. Oft fährt der Bus jedoch ohne sie weiter, weil die Soldaten sie nicht sofort gehen lassen.

Nadias Familie braucht eine Sondergenehmigung von den israelischen Behörden, wenn sie Jerusalem besuchen möchte. "Wir beantragen die Genehmigung oft vor den hohen christlichen Feiertagen", sagt Nadia. Denn in der Jerusalemer Altstadt liegt die Grabes- und Auferstehungskirche, einer der wichtigsten Orte für gläubige Christen aus aller Welt. Christen reisen aus Amerika, Asien, Afrika und Europa an, um die Grabstätte Jesu, die Via Dolorosa, den Garten Gethsemane und den Ölberg zu besuchen. Nadias Familie lebt 20 Busminuten von Jerusalem entfernt. Nicht immer bekommt sie eine Genehmigung.

Palästinenser in der Westbank haben entweder einen jordanischen Pass oder einen Pass der palästinensischen Autonomiebehörde (PA).Sie müssen bei den Kontrollen an den Checkpoints den Bus verlassen. Palästinenser mit Jerusalem-ID und Touristen dürfen im Bus sitzen bleiben.

"Die Besatzung ist Teil unseres Lebens geworden", sagt Laura Bishara. Die 23-Jährige unterrichtet Englisch an Aseels und Nadias Schule. Sie berichtet von Teenagern, die morgens aggressiv oder verängstigt zum Unterricht kommen, weil ihr älterer Bruder festgenommen wurde. Oder das Haus ihrer Familie nachts von israelischen Soldaten durchsucht worden ist. "Es ist eine große Herausforderung, die Jugendlichen zu motivieren, trotz allem ihr Bestes zu geben", sagt Laura Bishara. Ihr ist es wichtig, den Schülern eine positive Haltung und Offenheit zu vermitteln – auch gegenüber den Israelis.

Wenn sie auf 1967 schaue, denke sie: "Wir heutigen Palästinenser sind nicht mehr so wie unsere Großeltern." Die hätten damals die Besatzung mit allen Mitteln bekämpfen wollen. "Wir sagen uns: Die Israelis sind nun einmal da. Der einzige Weg zu leben und zu überleben ist, den anderen zu akzeptieren und mit ihm zusammen zu leben." Dennoch schätzt sie, dass die palästinensische Gesellschaft zweigeteilt ist: Die eine Hälfte suche den Frieden mit den Israelis, die andere Hälfte empfinde jeglichen Kontakt mit den Israelis als Verrat und betrachte diese als Feinde. "Viele Eltern verbieten ihren Kindern, an Konferenzen oder Treffen von israelisch-palästinensischen Friedensaktivisten teilzunehmen."

Laura Bishara, 23, unterrichtet Englisch an der lutherischen Schule Talitha Kumi.

Vom Alter her könnte Ghasub Nasser (75) der Großvater von Laura Bishara sein. Er wohnt in Bethlehem und gehört der lutherischen Gemeinde der dortigen Weihnachtskirche an. "Wir Palästinenser leben in einem sehr großen Gefängnis ohne Dach", sagt Nasser. "Und wir haben niemanden, der uns unterstützt. Ein paar Millionen Dollar, um eine Straße zu bauen – das ist nicht genug. Wir brauchen die Unterstützung auch auf diplomatischer, politischer Ebene. Der Westen soll wirtschaftlichen Druck gegen Israel ausüben, damit Israel mit den Maßnahmen gegen uns aufhört."

1989 und 1990 wurde Nasser von den Israelis inhaftiert. Grund sei gewesen, dass er öffentlich für die Zweistaatenlösung eingetreten sei, erklärt der 75-Jährige. Und er vertritt beharrlich die These, dass die Palästinenser das "Originalvolk" des Landes seien. "Meine Urgroßväter sind hier geboren und hier gestorben und hier begraben. Es ist mein Recht hier zu sein. Wir Palästinenser, wir sind die Nachfolger der Kanaaniter, wir sind das Originalvolk des Landes. Ich bin kein Antisemit, sondern ich bin Semite."

Bildergalerie
Grenzen im Westjordanland
Grenzen im Westjordanland. Eine Bildergalerie von Birte Mensing.

Nasser arbeitet als Geschäftsführer der "Betelnoor Organisation" in Beit Jala, die eine gemeinnützige Augenarzt-Praxis betreibt und von Spendengeldern aus Deutschland unterstützt wird. Die meisten Menschen im Westjordanland könnten sich Brillen, medizinische Behandlungen oder Operationen nicht leisten, da es für Augenerkrankungen keine Versicherung gebe. "Die wirtschaftliche Lage hier ist so schlecht, dass wir häufig die Gehälter unserer Angestellten nicht zahlen können."

Über die wirtschaftliche Lage macht sich auch Laura Bishara Gedanken. Die Lehrerin fürchtet, dass viele ihrer begabten Schüler keine Perspektive haben werden. Zum einen könnten sich arme Familien nicht leisten, ihre Kinder an die Universität zu schicken. Außerdem sei die Arbeitslosigkeit im Westjordanland sehr hoch. "Akademiker arbeiten nach ihrem Studium im Supermarkt – es gibt für sie hier keine angemessene Arbeit", berichtet Laura Bishara. Im Gegensatz zu Ghasub Nasser, blickt Laura Bishara jedoch nach vorne. Sie fragt weder danach, wer das "Originalvolk" im Land sei, noch moniert sie fehlende Unterstützung seitens der Weltgemeinschaft.

Ihren Schülern sagt Laura Bishara: "Ihr denkt, Ihr seid jung, Ihr denkt mit 14 oder 15 Jahren könntet Ihr die Welt nicht verändern – aber genau das könnt ihr. Indem ihr lernt, euch bildet, indem ihr jeden Tag zur Schule kommt. Ihr seid Palästinas Zukunft und ihr werdet mit dem Stift in eurer Hand kämpfen anstatt mit einem Messer oder mit Gewalt. Macht hier die Dinge, die ihr haben wollt: Eröffnet Kinos, setzt auch für eine bessere Infrastruktur ein, kämpft für gleiche Rechte. Jeder von euch ist einzigartig und kann auf seine Weise zu einer besseren Zukunft beitragen. Wenn Ihr euch vor anderen Menschen verschließt werdet ihr nichts bewegen."

Angesichts des Lebens unter Besatzung dürfte es allerdings schwer sein, die idealistischen Ziele Laura Bisharas umzusetzen. Wie sehr die durch die Besatzung entstandenen Strukturen den Alltag prägen und Unterschiede zementieren, zeigt sich an Aseels und Nadias unterschiedlichen  Lebenssituationen. Aseel kann problemlos ins Ausland reisen. Sie darf von Tel Aviv aus fliegen und ist innerhalb von vier Stunden in Berlin. Für Nadia, die über die jordanische Hauptstadt Amman ausreisen und dafür extra Papiere beantragen muss, dauert dieselbe Reise je nach Verlauf ein oder zwei Tage.  

In Aseels Elternhaus sind regelmäßig jüdische Freunde zu Gast, ihre Eltern sprechen hebräisch. Aseel weiß daher: "Viele Israelis sind gegen die Siedlungspolitik und gegen die Besatzung." Sie besucht jetzt einen Hebräisch-Sprachkurs an der Jerusalemer Universität. Während im privaten Rahmen Freundschaften zu Israelis wachsen können, lernt Nadia in Beit Jala keine Israelis ohne Uniform kennen. "Aber auch die Israelis in Jerusalem wollen keinen Kontakt zu uns Palästinensern." Oft werde sie dort zunächst auf Hebräisch angesprochen, wolle sie dann aufgrund fehlender Hebräisch-Kenntnisse ins Englische wechseln, realisiere man, dass sie Palästinenserin sei. Und dann zögen sich die Israelis schnell aus dem Gespräch zurück. "Sie meiden uns", sagt Nadia.