Segen inklusiv

Inklusion im Konfirmandenunterricht: Kirche als Gemeinschaft erfahren
Ein wirklich inklusiver Konfirmandenunterricht, der auch die Bedürfnisse behinderter Jugendlicher berücksichtigt, ist eine hohe Herausforderung.

Foto: epd-bild/Jens Schulze

Ein wirklich inklusiver Konfirmandenunterricht, der auch die Bedürfnisse behinderter Jugendlicher berücksichtigt, ist eine hohe Herausforderung.

Weniger Auswendiglernen, mehr Gemeinsamkeit: Wenn Behinderte und Nichtbehinderte zusammen in der Konfirmandengruppe sind, verändert das die gesamte Konfi-Arbeit. Aber manchmal scheitert die Inklusion schlicht an organisatorischen Fragen.

Der erste Versuch von Anke Koch-Röttering, ihren Sohn Philipp in ihrem hessischen Heimatort konfirmieren zu lassen, endete mit einem Fiasko. Gleich zu Beginn hatte die Konfirmanden-Gruppe beraten, wer den behinderten Jungen auf dem Weg zum Unterricht begleiten würde. Dabei wollte der sich gar nicht bemuttern lassen und alleine gehen.

Auch die Themen passten nicht so recht zu seiner Lebenswelt. Was sie mit einer riesigen Menge Geld machen würden, fragte der Pfarrer seine Jugendlichen. Und Philipp, ein Junge mit Down-Syndrom, für den Geld überhaupt keine Bedeutung hat, sagte in die Runde: "Ich würde Eis kaufen." Nach einigen Wochen hatte er das Interesse am Konfirmandendasein vollends verloren und kam einfach nicht mehr.

Bundesweit werden in den evangelischen Kirchen in diesen Wochen Konfirmationsgottesdienste gefeiert, kurz darauf startet der Unterricht für den neuen Jahrgang. Für die Pfarrer ist es ohnehin nicht einfach, bunt zusammengewürfelte Gruppen von Mädchen und Jungen mitten in der Pubertät für Glaubensthemen zu interessieren. Ein wirklich inklusiver Konfirmandenunterricht, der auch die Bedürfnisse behinderter Jugendlicher berücksichtigt, ist eine entsprechend hohe Herausforderung.

"Keine Gruppe ist homogen"

"Anfangs war ich völlig unbeholfen", räumt Kurt Kaltwasser offen ein. Er ist Pfarrer der evangelischen Dorfkirche in Framersheim bei Alzey in Rheinland-Pfalz und hat ebenfalls einen Sohn mit Down-Syndrom. Der Sohn war es auch, der ihn dazu brachte, das komplette Konzept für Konfirmandenarbeit zu überdenken.

Der Framersheimer Kirchenvorstand befürwortete die Idee, die Konfirmandenarbeit grundlegend umzubauen. "Weg vom Frontalunterricht", sei die Devise gewesen, erzählt der Pfarrer. Der Konfirmandenunterricht dürfe nicht ablaufen wie eine Religionsstunde am Gymnasium.

"Keine Gruppe ist homogen", sagt Kaltwasser, "wir können nicht so tun, als würden da nur die Super-Schlauberger sitzen." Statt Auswendiglernen und Abfragen gehe es bei ihm stärker darum, die Kirche als Gemeinschaft zu erfahren. Beim Besuch der Sozialstation könnten sich die Konfirmanden ins Krankenbett legen, zum Erntedankfest habe der Kirchenvorstand mit den Konfirmanden gekocht statt Glaubenssätze abzuprüfen.

Mit behinderten Kindern auf Freizeiten zu fahren, ist für den Pfarrer weniger ein Problem, sondern eine Frage der Einstellung: Manchmal komme eine Integrationshilfe mit. Manchmal sei es auch ausreichend, einfach eine Pause mehr in das Programm einzuplanen.

Mehrere evangelische Landeskirchen haben bereits vorbildliche Materialien und Arbeitsanleitungen für inklusive Konfirmandenarbeit erstellt. Ein gemeinsamer Konfi-Unterricht für alle Kinder ist allerdings längst nicht überall Realität. Und vielleicht auch nicht überall gewünscht. So sorgte im Jahr 2011 ein Vorfall in Bayern für reichlich Aufregung, als mehrere Eltern ihre Kinder nicht zusammen mit einer größeren Gruppe von Bewohnern einer nahe gelegenen Behinderteneinrichtung konfirmieren lassen wollten.

Oft scheitere ein inklusiver Unterricht aber schon an rein organisatorischen Gründen, berichtet Thomas Jakubowski, der Behindertenbeauftragte der Pfälzischen Landeskirche. Viele Kinder und Jugendliche mit Behinderungen würden nach wie vor an separaten Förderschulen unterrichtet. Manchmal seien die zu weit vom Wohnort entfernt, um rechtzeitig die Konfirmandenstunde zu erreichen. Gerade bei Ganztagsschulen sei das problematisch. Separate Konfirmandengruppen an den Förderschulen seien auch nicht überall möglich: "Ein Beförderungsunternehmen wartet nicht, bis wir mit dem Konfirmandenunterricht fertig sind."

"Sie hätten eine Stecknadel fallen gehört"

Viele Kirchengemeinden konfirmieren Jugendliche mit geistiger Behinderung mittlerweile auch ohne regelmäßigen Besuch des Unterrichts. So lief es schließlich vor einigen Wochen auch mit Philipp. Der junge Mann hatte schon über mehrere Jahre immer wieder an kirchlichen Jugendfreizeiten teilgenommen, mit einer Gruppe den Jugendkirchentag besucht. Schließlich wollte er als junger Erwachsener seine vor Jahren verpasste Konfirmation nachholen.

Beim Konfirmationsgottesdienst habe er gemeinsam mit dem Pfarrer vor den vollen Kirchenbänken das Vaterunser gebetet. "Sie hätten eine Stecknadel fallen gehört", sagt Anke Koch-Röttering. Dass ihr Sohn sich ein wenig von der restlichen Konfirmandengruppe abhob - immerhin ist er mittlerweile 22 - habe niemanden mehr gestört.