Groß-Imam Al-Tayyeb warnt vor "Rückfall ins Mittelalter"

"Terror kann kein Werk von Gläubigen sein", sagte Scheich Ahmad Mohammad al-Tayyeb auf dem Kirchentag in Berlin und sprach den Attentätern das Muslimsein ab.

Mit Appellen zu mehr gegenseitiger Toleranz hat der evangelische Kirchentag am Freitag den interreligiösen Dialog gesucht. Scheich Ahmad Mohammad al-Tayyeb, eine der höchsten Autoritäten des weltweiten sunnitischen Islams, warnte vor einem "Rückfall ins Mittelalter" durch fundamentalistischen Terrorismus. Überschattet wurde das Christentreffen von einem Angriff auf koptische Christen in Ägypten mit mindestens 26 Toten. Als Präsident des evangelischen Kirchentages 2019 in Dortmund wurde der Journalist Hans Leyendecker vorgestellt.

Al-Tayyeb sprach islamistischen Attentätern das Muslimsein ab: Terror könne kein Werk von Gläubigen sein. Es müsse Schluss sein mit Verbrechen im Namen von Religionen, sagte der Ägypter. Mit Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) redete der Scheich über das Miteinander der Religionen und gemeinsame Projekte für den Dialog und gegen Terrorismus.

Angesichts der Nachricht von einem neuen Anschlag auf koptische Christen in Ägypten, die während der Diskussion bekannt wurde, zeigte sich al-Tayyeb erschüttert. Gleichzeitig lehnte er es ab, von einem religiös-extremistischen Motiv bei solchen Taten auszugehen. Es gehe einzig darum, die Stabilität in Ägypten zu erschüttern, erklärte er. Auch de Maizière äußerte sich entsetzt über die Tat.

Kirchentag sucht den Dialog mit dem Islam

Für eine "Ökumene der Geschwisterlichkeit" warben die obersten Repräsentanten von katholischer und evangelischer Kirche in Deutschland. Für die Bemühungen der Kirchen um Einheit könne der europäische Einigungsprozess als Vorbild dienen, sagte der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, in einer gemeinsamen Bibelarbeit mit dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm.

Im Mittelpunkt des Kirchentags stand auch das Schicksal von Flüchtlingen im Mittelmeer. Ein Bündnis aus kirchlichen und nichtkirchlichen Organisationen erinnerte an den Tod von mehr als 10.000 Menschen, die seit 2014 auf ihrer Flucht nach Europa im Mittelmeer ums Leben kamen. Für eine Schweigeminute um 12 Uhr wurde das gesamte Kirchentagsprogramm unterbrochen.

De Maizière blieb unterdessen beim Thema Familiennachzug für Flüchtlinge mit untergeordnetem Schutz hart. Er halte es für richtig, dass dieses Recht für die Gruppe subsidiär Schutzberechtigter ausgesetzt wurde, sagte der Minister in einer Diskussion. Die Zahl der Flüchtlinge werde sonst zu groß. Zudem wolle er nicht einen Beitrag dazu leisten, "dass Familien einige in Gefahr bringen und vorschicken, die anderen in Gefahr zurücklassen", sagte der CDU-Politiker und ergänzte: "Das ist auch nicht mein Verständnis von Familienzusammenhalt." Einige Besucher buhten de Maizière dafür lautstark aus.

SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz warnte auf einer Podiumsveranstaltung vor einem drohenden Vertrauensverlust in die Demokratie. Dazu könnten unrealistische Politikversprechen, einfache Lösungen für komplexe Probleme und populistische Kampagnen, die auch vor Lügen und Falschinformationen nicht zurückschrecken, führen. "Diese Entwicklung ist brandgefährlich", betonte Schulz.

Der am Mittwoch eröffnete 36. Deutsche Evangelische Kirchentag findet bis Sonntag in Berlin und Wittenberg statt. Das Protestantentreffen steht im Zeichen des 500. Reformationsjubiläums. Parallel zu den zentralen Veranstaltungen werden in Mitteldeutschland sechs regionale "Kirchentage auf dem Weg" gefeiert.

Präsident des nächsten evangelischen Kirchentages 2019 in Dortmund wird der Journalist Leyendecker (68). Der langjährige Redakteur der "Süddeutschen Zeitung" tritt an die Stelle von Frank-Walter Steinmeier, der nach seiner Wahl zum Bundespräsidenten für das Ehrenamt nicht mehr zur Verfügung steht, wie die amtierende Kirchentagspräsidentin Christina Aus der Au am Freitag sagte.