"Die deutsche Religionskultur ist ein Schatz"

Kirche

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Kirche und öffentlicher Raum: das passt für viele gut zusammen.

Deutschland ist ein Einwanderungsland, doch was bedeutet das für die, die schon immer hier leben, und die, die hinzugekommen sind? Der EKD-Kulturbeauftragte Johann Hinrich Claussen über kulturelle Werte, die die Integration fördern könnten.

Es herrscht Gesprächsbedarf: Deutschland ist ein Einwanderungsland, doch was bedeutet das für die, die schon immer hier leben, und die, die hinzugekommen sind? Das ist eine bedrängende, aber auch hochinteressante Grundfrage des kulturellen Selbstverständnisses in unserem Land. Sie flammt immer wieder auf, wenn Politiker von "Leitkultur" reden. Doch dieses Wort – es ist kein ernst zu nehmender Begriff, sondern nur ein parteipolitisches Schlagwort – ist wenig geeignet, eine sinnvolle Debatte und ein ernstes, gemeinsames Nachdenken zu eröffnen.

Verheißungsvoller ist ein anderer Weg, den gerade eine große Anzahl an zivilgesellschaftlichen Akteuren und Institutionen gemeinsam mit vier Bundesministerien ausprobiert haben. Sie haben versucht, gemeinsam 15 Thesen darüber zu erarbeiten, in welcher Weise die Kultur die gesellschaftliche Integration befördern und beflügeln kann [Anmerkung der Redaktion: Die erarbeiteten Thesen werden am 16. Mai 2017 vorgestellt]. Mit dabei waren ARD und ZDF, die Freie Wohlfahrtspflege, Immigrantenverbände, der Deutsche Städte- und Gemeindebund, Gewerkschaft und Arbeitgeberverband, die Religionsgemeinschaften und noch einige mehr. Moderiert wurde dieser Prozess vom Deutschen Kulturrat. Ich hatte das Glück, für die Evangelische Kirche in Deutschland dabei sein zu dürfen.

Ehrlich gesagt, als ich beim ersten Treffen die riesige Runde betrachtete, schwante mir Übles: Mit so vielen Vertretern so unterschiedlicher Institutionen sollst Du jetzt einen gemeinsamen Text schreiben – wie soll das denn gehen? Aber es ging, wie ich bald ebenso überrascht wie erfreut feststellte. Konzentriert, kollegial und konstruktiv wurden die Thesen konzipiert und formuliert. Denn es war viel Erfahrung und Kompetenz um den großen Tisch versammelt. Zudem war allen Teilnehmern sehr bewusst, wie wichtig ihre gemeinsame Aufgabe in diesen aufgeputschten Zeiten ist – jetzt, da die Verteidigung der Demokratie ganz neu zur Bürgerpflicht geworden ist. Ich finde, dass das Ergebnis sich sehen und gut lesen lässt. Und ich hoffe, dass es eine breite Debatte in den unterschiedlichen Teilen unserer Gesellschaft auslösen wird.

Für Protestanten ist besonders die vierte These von Interesse. Sie lautet: "Religion gehört auch in den öffentlichen Raum." In der Begründung wird die besondere Religionskultur in Deutschland beschrieben – als ein wertvoller Schatz und als eine Herausforderung: "Religionen können wichtige Beiträge zur kulturellen Integration leisten. In Deutschland sind Staat und Religion klar voneinander unterschieden, aber auch aufeinander bezogen. Den Religionen wird die Möglichkeit gegeben, in der Öffentlichkeit sichtbar aufzutreten und aktiv am gesellschaftlichen Leben mitzuwirken. Zugleich aber unterliegen sie den geltenden rechtsstaatlichen Regeln und einem öffentlichen Diskurs. Dieses Verhältnis von Staat und Religion hat sich in Deutschland bewährt. Die ökumenische Verständigung, der interreligiöse Dialog und die friedensstiftende Kraft von Religion sollten gestärkt werden. Hier können Gemeinsamkeiten gefunden werden, um mit bestehenden Unterschieden konstruktiv umzugehen." Ich bin gespannt auf die Gespräche, die diese und die übrigen Thesen auch in der evangelischen Kirche hoffentlich auslösen.