"Fußball ist keine Religion"

Dr. Bernhard Felmberg

Foto: Alexander Koerner/Getty Images for Greenshowroom

Bernhard Felmberg.

Interview mit Bernhard Felmberg, ehemaliger Sportbeauftragter der EKD und ehrenamtlicher Pfarrer der Stadionkapelle im Berliner Olympiastadion.

Wie nahe sind sich Fußball und Religion?

Bernhard Felmberg: Fußball ist Volkssport, viele haben selber gespielt. Da ist es auch nicht verwunderlich, dass Rituale im  Fußball für manche Menschen die Stellung religiöser Handlungen einnehmen. Ich bin bei dieser Frage aber grundsätzlich entspannt. Es kann natürlich auch sein, dass ich das Irritierende nicht mehr erkenne, weil ich schon so lange im Geschäft bin. Was kann man beobachten? Die Journalisten, die Fans oder andere bedienen sich beim Fußball teilweise religiöser Begrifflichkeiten, um etwas Besonderes zu kennzeichnen. Das kennzeichnet auch die Bedeutung, die der Fußball im Leben von Menschen hat. Es gibt aber einen entscheidenden Unterschied: Fußball ist keine Religion, weil ihm die Dimension des Transzendenten fehlt.

Was macht dann die Fußballstadien als Standort für christlichen Glauben so attraktiv?

Felmberg: Wir kennen Kirchen am anderen Ort. Es gibt zum Beispiel die Binnenschifferseelsorge, die Gefängnisseelsorge, die Krankenhausseelsorge. In Krankenhäusern erwarten wir Kapellen. Das ist nichts Besonderes. Anders verhält es sich immer noch mit Stadionkapellen. Dieses scheinbare Spannungsfeld, nämlich Kirche und Sport, also auch kirchliche Präsenz im Stadion, hat immer noch den Nimbus von etwas ganz Besonderen. Bei der ersten Taufe, die ich 2006 in der Kapelle im Berliner Olympiastadion hielt, waren 30 Journalisten. Der Zusammenhang zwischen Glaube und Sport ist für die meisten Menschen nicht erkennbar. Dass es da etwas Verbindendes gibt, erschließt sich erst auf den zweiten Blick. So ist auch die Stadionkapelle hierbei ein wesentlicher Wegweiser.

"Unsere Unabhängigkeit im Stadion ist ein Teil des Erfolges"

Christlicher Glaube zwischen VIP-Bereich und Mixed Zone?

Felmberg: Die Andacht in ökumenischer Verbundenheit ist auch in der Stadionkapelle ungefärbter christlicher Gottesdienst. Er erhält dadurch seine Anziehungskraft, dass wir klar und deutlich das Evangelium verkündigen können. Das macht die Kirche überall. Als Stadionseelsorger sehen wir uns dem Evangelium verpflichtet, und das kann auch ein Gegenentwurf zum sportlichen Geschehen sein. Unsere Unabhängigkeit im Stadion ist ein Teil des Erfolges.

Und der "Fußballgott"? Herbert Zimmermann musste sich noch für diesen Begriff entschuldigen.

Felmberg: Bei Hertha sagt man: Was Gott angeht, dafür seid ihr zuständig. Vom "Fußballgott" würde kaum ein Spieler sprechen. Jeder Spieler sagt doch: Lasst mich mit dem Fußballgott in Ruhe. Wenn ich mal drei Spiele nicht treffe, dann ist das mit dem Fußballgott schnell vorbei.

(Pseudo-)religiöse Elemente gibt es aber doch.

Felmberg: Für manche Fußballfans gibt es die Verheißung, das Warten auf den Messias. Das ist Eschatologie.

So wie das Hoffen der Schalker auf die Meisterschaft in der Bundesliga.

Der Berliner evangelische Sportpfarrer Bernhard Felmberg im Olympiastadion im Jahr 2004.

Felmberg: Wenn man Hertha BSC Berlin ansieht, die 1931 letztmals Meister geworden sind: Man ist mit dabei, aber an eine Meisterschaft in den nächsten zwei bis drei Jahren kann man kaum glauben. Und das mit der religiösen Sprache im Fußball funktioniert ja nur so lange, wie die Leute die religiöse Sprache noch verstehen. Der Zusammenhang zwischen Glauben und Sport ist ja für die meisten Menschen nicht zusammenzudenken. Dass es da etwas Verbindendes gibt, das erschließt sich erst auf den zweiten Blick. Und so bekommt auch die Stadionkapelle eine besondere Bedeutung.

Was also ist die Funktion einer Stadionkapelle?

Felmberg: Stadionkapellen sind keine Riesenbewegung, aber eine Möglichkeit, mit Menschen in Kontakt zu kommen, die man sonst nicht erreicht. Bei uns kommen an den Spieltagen viele junge Männer in die Andacht, die die Kirche sonst nicht erreicht. Es ist aber auch eine Möglichkeit, mit Konfirmanden über Fußball und Religion zu sprechen, über die Geschichte des Olympiastadions auch in der NS-Zeit. Wir hatten in den letzten zehn Jahren 600.000 Besucher in der Kapelle, und das waren nicht nur Gottesdienstbesucher. Dass der Hertha-Präsident sagt: "Die Kapelle gehört dazu", ist klasse. Das ist was Besonderes. Und das geht nur durch ein überzeugendes ökumenisches Miteinander und das Abhalten von lebendigen aussagekräftigen Andachten. Wir sind ja im Hauptberuf alle etwas anderes und gehen unseren pastoralen Aufgaben in der Kapelle ehrenamtlich nach.

Gibt es in den unterschiedlichen Spielergenerationen auch unterschiedlich intensive Zugänge zum Religiösen?

Felmberg: Das ist von Jahrgang zu Jahrgang unterschiedlich. Wir hatten Jahrgänge, da saßen sieben bis acht Spieler in der ersten Reihe und beteten das Vaterunser, es gibt aber auch Jahrgänge, denen begegnet man nur in der Mixed Zone. Das ist schon sehr unterschiedlich.

Es gab ja mal eine Zeit, in der sehr intensiv über Fußballer wie Cacau berichtet und diskutiert wurde, die ganz offen ihren Glauben propagierten.

Felmberg: Ich nenne da auch Arne Friedrich. Solche Spieler sind einfach Galionsfiguren.

Lesen Sie dazu auch den Text "Vom "Fußballgott" und anderen Wundern"!

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