"Jeder Nazi war mal ein kleines süßes Baby"

Demonstrant mit T-Shirt "In Uns Lebt Das Deutsche Reich" auf einer Demonstration rechter Gruppen im Regierungsviertel in Berlin 2016.

Foto: imago/IPON

Demonstration rechter Gruppen im Regierungsviertel in Berlin 2016.

Pfarrerin Anne Salzbrenner aus dem nordbayerischen Lichtenfels hat viele Erfahrungen mit rechter Gewalt gemacht.

Frau Salzbrenner, wir möchten mit Ihnen über Ihre Erfahrungen mit rechter Gewalt sprechen.

Anne Salzbrenner: Gerne. Der Kampf gegen rechte Gewalt hat in meiner Familie Tradition. Mein Großvater war Pfarrer in Oberfranken und Anhänger der Bekennenden Kirche unter Dietrich Bonhoeffer, den die Nazis im April 1945 im KZ ermordeten. Im Konfirmandenunterricht befasste er sich kritisch mit Hitlers "Mein Kampf", in seinen Predigten stimmte er nicht ins Triumphgeheul der Nationalsozialisten ein und verweigerte vor den Gottesdiensten den Hitlergruß. Das reichte den Nazis, um ihn 1944 vor die Wahl zu stellen: Knast oder Krieg. Sie schickten ihn an die Front, es war ein Himmelfahrtskommando. Er kam nie wieder zurück.

Haben Sie sich schon in jungen Jahren mit der Geschichte Ihrer Familie auseinandergesetzt?

Salzbrenner: Als Teenager fand ich in Ungarn das Grab meines Opas, er war der älteste Soldat seiner Einheit. Alle anderen waren zum Zeitpunkt ihres Todes so alt wie ich, als ich vor ihren Gräbern stand. Später erfuhr ich, dass er, obwohl nicht ideologisch mit den Kommunisten verbunden, Unterlagen von den Kommunisten versteckt hatte. Manchmal warnte ihn der Dorfpolizist vor den Spitzeln der Gestapo, er war Katholik und fand nicht richtig, was die Nazis mit meinem Großvater machten.

Musste Ihr Vater ähnliche Erfahrungen machen?

Salzbrenner: Er war 16, als ihn die Nazis in den Krieg schickten. Erst nach vier Jahren Gefangenschaft kam er wieder nach Hause. So wuchs ich auf: mit dem Wissen und der Überzeugung, dass die Nazis Mörder waren, Hitler ein Rattenfänger erster Güte und Krieg nichts Gutes.

Und wollten von da an Pfarrerin werden?

Salzbrenner: (Lacht.) Nach meinem Abitur wusste ich: ich will alles werden, nur keine Pfarrerin! Nun, manchmal kommt es anders, als man denkt. Ich studierte doch Theologie und stellte während meines Studiums fest, dass das meine Berufung war. Ganz im Sinne von Martin Luther: es war kein sein, sondern ein werden.

Wann machten Sie die ersten persönlichen Erfahrungen mit rechter Gewalt?

Salzbrenner: Mit 16 als mir eine gute Freundin von einem Überfall auf ihre jüdische Gemeinde in München erzählte. Unbekannte waren mit einem Wagen vorgefahren und hatten Maschinengewehrsalven auf die Synagoge abgefeuert. Am hellichten Tag, mitten in München, nicht 1940, sondern 1980. Wie durch ein Wunder wurde niemand verletzt. Keine Zeitung berichtete über den Vorfall und ich konnte das nicht begreifen.

"Mit der Demokratie war es damals in Bayern nicht weit her"

Wie würden Sie Ihr Umfeld beschreiben?

Salzbrenner: Schon früh lernte ich auch die oberbayerische Freundlichkeit gegenüber Andersdenkenden kennen. Meine Mutter war SPD-nah, regelmäßig zerkratzten Unbekannte den Lack ihres Autos. Ich engagierte mich früh für die Friedensbewegung, trug entsprechende Buttons an meinen indischen Gewändern und lief in Pumphose durch die Gegend. Regelmäßig bekam ich in der S-Bahn oder auf der Straße dumme Sprüche gedrückt. Ein SPDler fragte mich eines Tages, ob ich starke Freunde hätte, er wusste, wie die Rechtsaußen mit Andersdenkenden umgingen. Einmal waren die Bedrohungen so konkret, dass wir auf einen Stand der Friedensbewegung verzichteten, weil wir damit rechnen mussten, auf offener Straße zusammengeschlagen zu werden. Nein, mit der Demokratie war es damals in Bayern nicht weit her.

Haben Sie jemals physische Gewalt erfahren müssen?

Salzbrenner: Anfang der neunziger Jahre war ich mit Freunden auf dem Rückweg einer Friedensdemo in Bochum, als wir in einen Hinterhalt gelockt wurden. Aus einer Seitenstraße schrie jemand: "Hilfe, die bringen meinen Freund um!" Wir waren eine Handvoll Leute und liefen um die Ecke, um dem vermeintlichen Opfer zu helfen. Es war eine Sackgasse. Plötzlich tauchte ein Haufen Skinheads auf, die sofort auf uns zustürmten und auf alles einschlugen. Am eindringlichsten sind mir ihre Freundin in Erinnerung geblieben, die am Straßenrand stand und in Seelenruhe Bierkrüge zerschlugen, mit der ihre Kerle auf uns losgingen. Wie durch ein Wunder wurde niemand von uns schwerer verletzt. Aber der Schock über den brutalen Angriff saß tief. Und man vergisst ihn nicht.

Wie würden Sie Ihre Aufgabe als Pfarrerin beschreiben?

Salzbrenner: Seit ich hier als Pfarrerin arbeite setze ich mich für die verschiedensten Themen ein, die mir wichtig sind und die es meiner Meinung nach zu unterstützen gilt: dem deutsch-türkischen Verständnis, der Friedensbewegung, dem Kampf gegen Rassismus, Homophobie und Sexismus, und natürlich in der Flüchtlingshilfe. Immer wieder werde ich dafür bedroht.

In welcher Form?

Salzbrenner: In meinem Briefkasten landen Zettel mit der Aufschrift "Dir müsste man mal die Fresse polieren" oder "Du solltest vielleicht mal wieder richtig durchgefickt werden".

Haben Sie keine Angst?

Salzbrenner: Natürlich. Aber für mich stellt sich nicht die Frage, ob ich Angst haben darf, sondern wie ich damit umgehe. Die Gewissheit, dass ich das Richtige tue. Und wer auf meiner Seite ist. Früher waren das vor allem meine Eltern, die vielleicht nicht immer exakt meiner Meinung waren, aber mir von klein auf eingeimpft hatten, immer den Mund aufzumachen, wenn mir etwas nicht passte. Heute sind es meine Freunde, die mir den Rückenwind geben, den ich brauche. Ich gebe zu, manchmal habe ich Tage, da möchte ich mich zu Hause in meiner Höhle verstecken, aber genau dann muss rausgehen und weiter machen.

Warum tun Sie sich diesen Stress an?

Salzbrenner: Wegen der Menschen, ich liebe sie einfach. Jeder noch so schlimme Nazi war irgendwann mal ein kleines süßes Baby und wurde dann zu dem, was er heute ist. Mich interessiert die Frage: warum wird ein Mensch so, was muss ihm passiert sein, dass er Minderheiten terrorisiert oder Andersdenkende angreift, um sich stark zu fühlen? Schon als Teenager und zu Studentenzeiten war das die Frage, die mich umtrieb.

"Rechte Gewalt ist feige: nie alleine und nie vor der eigenen Haustür"

Und haben Sie eine Antwort gefunden?

Salzbrenner: Angst. Die Menschen haben Angst, ihr eigenes Denken in Bewegung zu setzen, sich zu verändern und dadurch ihre heile Welt oder ihr vermeintlichen heiles Weltbild aufzuweichen. Und wenn sich die Welt ändert – was sie nun einmal tut – dann reagieren diese Menschen allergisch darauf, sie suchen automatisch einen Sündenbock dafür. Die AfD und ihre ganzen rechten Brüdern und Schwestern im Geiste sind ja aktuell das beste Beispiel. Früher hörte ich dauernd, dass unter dem Adolf doch nicht alles schlecht gewesen sei, heute marschiert die AfD durch die Straßen und meint letztlich das Gleiche.

Wie reagieren Sie darauf?

Salzbrenner: Wenn Menschen unmenschlich denken oder agieren, dann kann und will ich das nicht so hinnehmen, das muss ich etwas tun. Und wenn es nur darum geht, ihnen die Grenzen aufzuzeigen. In meinem Konfirmandenunterricht hatte ich vor Jahren mal zwei Skinheads, die schickte ich gleich wieder nach Hause – damit sie die Springerstiefel gegen Turnschuhe austauschten. Anschließend ließ ich sie wieder in die Kirche. Rechte Gewalt ist ja per se feige und funktioniert nach einfachen Mustern: nie alleine und nie vor der eigenen Haustür. Ich hatte schon Diskussionen mit jungen Nazis, die mir erklärten, dass sie dem Mustafa vom Dönerstand auf der anderen Straßenseite nie ein Haar krümmen würden. "Mag sein", antwortete ich, "deshalb fahrt ihr in die Nachbarstadt, um da Türken auf die Schnauze zu hauen." Da waren die baff, so offen und ehrlich hatte ihnen das noch niemand gesagt.

Der dauernde Konflikt und die ständige Gefahr muss ziemlich kräfteraubend sein.

Salzbrenner: Der Kampf gegen Rechts gibt mir gleichzeitig aber auch sehr viel Kraft. Als ich kürzlich in einer Interviewrunde zu diesem Thema saß, die die "ZEIT" organisiert hatte, bekam ich anschließend viele schöne und unterstützende Nachrichten von meinen Gemeindemitgliedern und völlig fremden Menschen. Das schönste Lob kam allerdings von vier ehemaligen Konfirmanden, die vor vier Jahren in meinem Unterricht waren. Sie erzählten, dass sie das Interview gelesen hätten und schrieben dann: "Wir sind stolz, dass Sie unsere Pfarrerin waren. Wenn Sie uns mal brauchen sollten, sind wir immer für sie da." Ich glaube, wir brauchen solche mutigen Menschen, denn wir gehen in Deutschland schweren Zeiten entgegen. Die Leute sehnen sich nach einfachen Antworten auf immer komplexere Fragen. Die wird es so nicht geben. Aber es kann ja jeder dabei mithelfen, gemeinsam nach den richtigen Antworten zu suchen.