Türkische Gemeinde: Deutschtürken fühlen sich ausgegrenzt

Konfliktforscher Zick mahnt politische Bildung für Migranten an
Die Türkische Gemeinde kritisiert Forderungen nach strengeren Regelungen für den Doppelpass. Deutschtürken müssten viel mehr das Gefühl erhalten, zur deutschen Gesellschaft dazuzugehören, sagte der Bundesvorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Gökay Sofuoglu. Der Konfliktforscher Andreas Zick mahnte ein Integrationskonzept mit einem politischem Bildungsangebot an. Für eine Mäßigung in der Debatte sprach sich die Chefin des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge, Jutta Cordt, aus.

Die Zustimmung vieler Deutschtürken zur Verfassungsreform in der Türkei ist nach Ansicht von Sofuoglu auf Defizite bei der Integration zurückzuführen. "Viele Menschen fühlen sich hier ausgegrenzt und diskriminiert", sagte Sofuoglu am Mittwoch im WDR-Radio. Sie sähen den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan als "ihren Kümmerer", und hätten für ihn gestimmt, ohne sich mit der Verfassungsänderung auseinandergesetzt zu haben.

Forderungen der Union nach strengeren Regelungen zum Doppelpass erteilte Sofuoglu eine Absage. Die doppelte Staatsbürgerschaft sei kein Hindernis für eine Integration, sondern könne vielmehr Menschen motivieren, sich in Deutschland zu beteiligen, erklärte der Bundesvorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland. Entscheidend sei es, Migranten das Gefühl zu vermitteln dazuzugehören, betonte Sofuoglu.

Der Konfliktforscher Andreas Zick warnte vor Schuldzuweisungen. Das stärke nur die Opferrolle von Deutschtürken, sagte Zick dem Evangelischen Pressedienst (epd). Nötig sei ein Integrationskonzept, zu dem ein politisches Bildungsangebot und der Abbau von Minderwertigkeitsgefühlen gehören. Wichtig sei nun, "wie man jene, die für ein autoritäres Regime votiert haben, überzeugen kann, dass die langfristigen Folgen problematisch sind", sagte Zick, der das Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld leitet.

Cordt: "Nicht in Polemik abdriften"

Die Chefin des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge, Jutta Cordt, mahnte eine Mäßigung in der Debatte nach dem Referendum an. Gerade jetzt sollten Deutsche und türkischstämmige Bürger "nicht in Polemik abdriften oder pauschale Urteile übereinander fällen", sagte Cordt der in Düsseldorf erscheinenden "Rheinischen Post" (Mittwoch).

Der Psychologe Ahmad Mansour warnte in der Tageszeitung "Die Welt" (Mittwoch), es werde immer noch das soziale Konfliktpotenzial unterschätzt, das durch dauerhafte kulturelle Distanz entstehe. Er plädierte dafür, Integration als etwas zu verstehen, dass mehr als "Spracherwerb plus Arbeitsplatz minus Kriminalität" bedeute. "Was hilft uns jemand, der hier erfolgreich eine Firma gründet, perfekt spricht, nie kriminell wird und trotzdem seiner sechsjährigen Tochter das Kopftuch aufzwingt, seine Frau schlecht behandelt und die Mehrheitsgesellschaft als Ungläubige abwertet", sagte er.

In dem Referendum über die Einführung eines Präsidialsystems in der Türkei hatten am Sonntag rund 51 Prozent der Wähler mit Ja gestimmt. Unter den türkischen Wählern in Deutschland votierten rund 63 Prozent für die Vorlage, mit der Präsident Erdogan seine Macht ausbauen will.