TV-Tipp: "Mord in bester Gesellschaft: Winters letzter Fall" (ARD)

20.4., ARD, 20.15 Uhr: "Mord in bester Gesellschaft: Winters letzter Fall"
Als die ARD vor zehn Jahren die ersten von letztlich 15 Episoden "Mord in bester Gesellschaft" mit Fritz Wepper als kriminalisierendem Psychotherapeuten Wendelin Winter gezeigt hat, war der Auftaktfilm kaum der Rede wert. In der Folgezeit ähnelte die Reihe, deren Drehbücher zunächst zehn Filme lang von Rolf-René Schneider stammten, einer Wundertüte: Mal waren die Krimis spannend und unterhaltsam, mal war die Handlung durchschaubar, die Inszenierungen (Peter Sämann, Hans Werner) von großer Betulichkeit und die Dialoge zum Davonlaufen.

Erst beim fünften Film ("Das eitle Gesicht des Todes") schöpfte Schneider das Potenzial der Hauptfigur wirklich aus. 2013 wurde er von Stefan Cantz und Jan Hinter abgelöst; die Väter des "Tatort"-Duos aus Münster führten mit dem von Wayne Carpendale gespielten Kommissar Donald Becker eine neue Figur ein, wovon vor allem Sophie Wepper als Winters Tochter profitierte. "In Teufels Küche" (Episode 11) bescherte der Reihe einen Qualitätssprung, behielt aber den launigen Tonfall bei. Das änderte sich erst mit dem zwölften Film, "Die Täuschung" (2015), einem veritablen Thriller. Lars Montags Beitrag "Das Scheusal" (2015) schließlich war gar von verstörender Grausamkeit.

Nun heißt es Abschied nehmen von Wendelin Winter, wie schon der Titel "Winters letzter Fall" verrät. Leider fällt ausgerechnet dieser Film zumindest inhaltlich hinter die Qualität der letzten Episoden zurück. Die Handlung (Buch: Maja und Wolfgang Brandstätter) ist eher schlicht und variiert Peter Weirs Krimiklassiker "Der einzige Zeuge" (1985): Der neunjährige Tommi (Nico Marischka) hat beobachtet, wie sein Vater erstochen worden ist, und sich völlig abgekapselt. Einzig seiner Mutter Sandra (Anne Schäfer) gelingt es, den Jungen ein bisschen aus der inneren Emigration zu locken, aber die Frau darf sich ihrem Sohn seit der Scheidung nicht nähern, da sie ihn angeblich misshandelt hat. Weil Becker befürchtet, dass der Mörder den kleinen Zeugen beseitigen wird, nimmt Winter den Jungen ihn zu sich. Als ausgerechnet seine Tochter Alexandra, die für ihren Blog dringend einen Knüller braucht, Tommis Aufenthaltsort verrät und dieser kurz drauf verschwindet, muss Winter das Schlimmste befürchten.

Regie hat wie bereits bei "Die Täuschung" Peter Stauch geführt. Auch wenn "Winters letzter Fall" nicht die gleiche Intensität erreicht: Gerade die Bildgestaltung ist erneut sehenswert, zumal der Film wie ein Horrorthriller beginnt; Kameramann Felix Cramer lässt das von Nebelschwaden umwallte Haus wie das Domizil von Norman Bates ("Psycho") wirken. Mehrere ausgefallene Einfälle haben großen Anteil an der speziellen ästhetischen Atmosphäre des Films: als ein Messer ins Wasser fällt, ziehen sich die dabei entstehenden Luftblasen auch durch die anschließende Einstellung; als Künstlerin Sandra ein neues Bild vorbereitet, zeigt die Kamera sie wie einst Picasso in Henri-Georges Clouzots Dokumentarfilm durch eine gläserne Leinwand; und nach dem Verschwinden des Jungen lassen die aus der Vertikalen gefilmten Bäume einen Wald noch bedrohlicher erscheinen. Immer wieder spielt Cramer zudem mit Licht und Schatten, was besonders wirkungsvoll ist, wenn die Kamera die subjektive Sicht des Jungen einnimmt. Ungewöhnlich für einen Reihenfilm, aber äußerst effektiv ist auch eine Vision Tommis, bei der die Bilder rückwärts laufen: Bücher hüpfen wieder ins Regal, das Blut strömt zurück in den Körper seines Vaters.

Gemessen am optischen Aufwand hätte "Winters letzter Fall" eine originellere und komplexere Geschichte verdient gehabt: Mordopfer Marius (Siegfried Terpoorten) hat aus dem väterlichen Hof eine Goldgrube gemacht, indem er aus dem eigenen Hopfen ein Bier braute, das einer etablierten Brauerei kräftig Marktanteile abgenommen hat. Das gibt Alexander Held, "München Mord" zum Trotz nach wie vor ein begnadeter Schurkendarsteller, die Gelegenheit, als Chef des konkurrierenden Betriebs alle Bösewichtregister zu ziehen; schon die erste Einstellung führt ihn unmissverständlich als Unhold ein. Dieser Handlungsstrang ist nicht nur darstellerisch weitaus überzeugender als die Ebene mit einem zweiten Verdächtigen: Der von Tommis gruseliger Großmutter (Lisa Kreuzer) ungeliebte ältere Bruder (Till Firit) des Toten hatte das verschuldete Erbe ausgeschlagen und diese Entscheidung später nach Kräften bereut. Viel interessanter ist Winters persönliche Betroffenheit, und das nicht nur, weil Tommis Schicksal ihm nahe geht: Der Psychotherapeut ist am Ende seiner Kräfte und hat mehrere Schwächeanfälle. Sein Arzt warnt ihn vor einem Herzinfarkt, seine Freundin, Staatsanwältin Karmann (Charlotte Schwab), ringt ihm die Zusage ab, dass dies sein letzter Fall sei. Immerhin spielen auch für die Handlung Bilder eine große Rolle: Tommis Zeichnungen liefern Winter nicht nur Aufschluss über das Seelenleben des Jungen, sondern auch Hinweise auf die Lösung des Falls. Das Ende schließlich ist ein würdiger Abschluss: Die Reihe nimmt sehr nachdenklich Abschied von Wendelin Winter. Zuvor haben die Verantwortlichen mit einem Insider-Gag dafür gesorgt, dass sich der Kreis schließt: Winter schaut sich zu Beginn einen Film mit Armin Rohde an; zu sehen ist ein zehn Jahre alter Ausschnitt aus der ersten Episode. 

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