Religion kann entscheidend zur Entwicklungshilfe beitragen

Kritische Auseinandersetzung mit negativen Auswirkungen nötig
Religion kann nach Einschätzung von Experten eine entscheidende Rolle in der Entwicklungshilfe spielen. "80 Prozent der Menschen weltweit fühlen sich einer Religion zugehörig", sagte Ulrich Nitschke von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) am Mittwoch.

Auch die staatliche Entwicklungshilfe müsse dem Rechnung tragen. Wie das geschehen kann, diskutierten die Teilnehmer der Entwicklungspolitischen Konferenz der Kirchen und Werke in der Evangelischen Akademie Villigst bei Schwerte (Nordrhein-Westfalen).

Die Debatte über eine nachhaltige Entwicklung sei unvollständig ohne die Komponente Religion, betonte Wolfram Stierle vom Entwicklungsministerium. "Dabei geht es nicht darum, an der Trennung von Staat und Religion zu rütteln, aber die Diskussion darüber, wie eine Kooperation aussehen kann, muss geführt werden." So hätten beispielsweise Imame einen entscheidenden Beitrag bei der Ächtung von Genitalverstümmelung an Frauen. Um dieses Potenzial auszuschöpfen, brauche es in der staatlichen Entwicklungshilfe mehr Fachwissen zu Religion.

Der nigerianischen Theologe Obiora Ike kritisierte, dass Entwicklung im Westen vor allem wirtschaftlich und technologisch verstanden werde. "Religiöse, ethische und kulturelle Bedingungen werden zu selten anerkannt." Doch Religion gehöre in Afrika in alle Bereiche des Lebens dazu. "Kultur und Religion sind die Grundlage des afrikanischen Weltbildes", sagte er.

Religionen sind Brandbeschleuniger in vielen Konflikten

Auch dass Religion Teil vieler Konflikte ist, kam zur Sprache: 2013 habe sie in 60 Prozent aller 35 großen bewaffneten Konflikte eine Rolle gespielt, erläuterte Nitschke von der staatlichen Entwicklungsorganisation GIZ. Laut dem Experten aus dem Entwicklungsministerium, Stierle, sind die Religionen Brandbeschleuniger in vielen Konflikten. "Wo sie Teil des Problems sind, müssen sie auch Teil der Lösung sein."

Vor diesem Hintergrund stelle sich auch die Frage, "mit wem führen wir den Dialog", sagte Jochen Motte von der Vereinten Evangelischen Mission. "Da wo Religion traditionell zu Hause ist und eine dominante Funktion hat, gibt es auch die Tendenz, nicht den Frieden zu fördern, sondern diskriminierend zu wirken." Die Teilnehmer der Tagung waren sich einig, dass das Potenzial der Religion für Entwicklungsprozesse genutzt werden soll. Dabei sei es jedoch entscheidend, im Dialog auch über Werte zu bleiben, hieß es.

Dabei gehe es in erster Linie um das Ziel, den Menschen zu helfen, betonte Tarek Abdelalem von der muslimischen Hilfsorganisation Islamic Relief. "Wir arbeiten vor allem humanitär, unabhängig von der Religion." Doch es sei wichtig in der Zusammenarbeit mit Regierungen und anderen Akteuren, eine bestimmte rote Linie nicht zu übertreten. "Es ist wichtig klar zu machen, dass die Werte, die wir vertreten, nicht verhandelbar sind." Die Rolle der Entwicklungshilfe sei auch, die Gesellschaft zu verändern. "Die Frage ist, wie können wir die Imame, die Kirchen dazu bewegen, diese Veränderungen mitzutragen und wahrzunehmen?"

In manchen Fällen seien Religionsgemeinschaften oder religiöse Organisationen nicht die geeigneten Partner, sagte Martin Mauthe-Käter vom Entwicklungsministerium. Die staatliche Entwicklungshilfe stelle sich die Frage, wie sie ihre Ziele erreichen könne. Wenn sich religiöse Praktiken oder Einstellungen negativ auf die Entwicklungsziele auswirkten, müssten andere Partner gefunden werden.