"Niemand spricht hier von Vergewaltigung"

Die Anglikanische Kirche in Australien schließ Aufarbeitung des Missbrauchsskandals ab
Missbrauchskandal Austalien

Foto: reuters/David Gray

Mit Ansteckern, die Kinder zeigen, die der katholischen Kirche sexuellen Missbrauch vorwerfen, sollen die Opfer ein Gesicht bekommen

Dezentrale Strukturen, Unglaube darüber, dass ein Priester Täter sein kann oder auch Interessenskonflikte - all das sind Gründe dafür, warum die Anglikanische Kirche in Australien nur zögerlich und inkonsistent mit Missbauchsfällen in den vergangenen Jahrzehnten umgegangen ist. Im Schnitt trauten sich die Opfer 29 Jahre lang nicht, das ihnen zugefügte Leid öffentlich zu machen - auch, weil der Missbrauch in der Vergangenheit in einigen Fällen nicht ernst genommen wurde.

Australien steht für Sonne und Strand, Freiheit und Toleranz, als Einwanderungsland, in dem jeder nach seiner Facon selig werden kann. Politik geschieht im Namen von Königin Elisabeth II. als Staatsoberhaupt Australiens. Das erklärt, warum die staatliche Missbrauchskommission offiziell "Königliche Kommission zur Untersuchung des Umgangs von Institutionen mit sexuellem Missbrauch von Kindern" heißt. Die Kommission war 2013 von der australischen Regierung eingesetzt worden.

In der nun fast vierjährigen Arbeit wurde Stück für Stück ein anderes Australien sichtbar. Eines, in dem viele Kinder nicht frei waren, in ihrer Kindheit nicht nach ihrer Facon selig werden durften. Über Jahrzehnte hinweg wurden Kinder in kirchlichen und weltlichen Einrichtungen sexuell missbraucht. Aufgedeckt wurde der gigantische Missbrauchsskandal vor mehr als zwanzig Jahren, als in der katholischen Kirche immer mehr Missbrauchsfälle bekannt wurden. In der Folge kamen Missbrauchsfälle auch in anderen Kirchen, Religionen, in Sportvereinen, in der Unterhaltungsbranche, in der Armee und auch in staatlichen Institutionen wie Heimen und Krankenhäusern ans Licht.

Wie konnte der Missbrauch geschehen?

Die Anglikanische Kirche Australiens ist die Konfession, in deren Gemeinden und Institutionen sich nach der katholischen Kirche die meisten Fällen von sexuellem Kindsmissbrauch ereigneten. Die Anglikaner sind heute – ebenfalls nach den Katholiken – die zweitgrößte christliche Kirche Australiens.

Mitte März fand vor der Kommission die letzte und abschließende Anhörung in der Causa Anglikaner statt. Vier Tage lang wurden die Ergebnisse vorangegangener Anhörungen zusammengefasst und Experten sowie Zeugen gehört. Alles drehte sich um die zentralen Fragen: Wie konnte Missbrauch geschehen? Warum wurden die meisten Fälle vertuscht? Was hat die Anglikanische Kirche in den letzten zehn, fünfzehn Jahren unternommen, um ihren Umgang mit Missbrauchsfällen zu ändern? Wie will sie in Zukunft Missbrauch verhindern?

Zunächst ein paar Daten und Fakten: Zwischen 1980 und 2015 haben in 22 der insgesamt 23 anglikanischen Bistümer 1085 Missbrauchsopfer 1115 Missbrauchsfälle der Kirche gemeldet. 285 der Täter waren Laien und 247 ordinierte Priester. Die Missbrauchsfälle selbst lagen zu einem guten Teil schon Jahrzehnte zurück. Die Daten der Kommission zeigen, dass die Opfer im Schnitt 29 Jahre brauchten, bis sie den Mut zur Anzeige fanden.

Allerdings – das betont sowohl die Anglikanische Kirche als auch die Kommission – liegt die Dunkelziffer sehr viel höher. Die ungenaue Datenlage liegt zum Teil an der Arbeitsweise der Kommission, die aufgrund der Komplexität ihrer Aufgabe bei allen untersuchten religiösen und säkularen Institutionen nur exemplarische Fallstudien betreiben konnte.

"Niemand spricht hier von Vergewaltigung"

Bei den Anglikanern ist mit 33 Prozent aller Fälle die Diözese Brisbane der traurige Missbrauchsspitzenreiter. Es war auch die Diözese Brisbane, durch die die Anglikaner jäh im Missbrauchsskandal auf die gleiche Skandalstufe mit der Katholischen Kirche katapultiert wurden: 1989 wurde Peter Hollingworth Erzbischof von Brisbane. Kurz darauf wurden gegen Hollingworth Vorwürfe der Vertuschung von Missbrauchsfällen erhoben, die nach seiner Ernennung zum Generalgouverneur Australiens – also zum Stellvertreter der Queen – immer lauter wurden. Hollingworth dementierte, relativierte die Vorwürfe.

Der Generalgouverneur  Australiens, Peter Hollingworth, trat am 11. Mai 2003 zurück, nachdem Vorwürfe laut geworden waren, er habe 40 Jahre zuvor eine Frau in einem Kirchen-Camp vergewaltigt.

Ein Satz in einer Presseerklärung kostete ihn dann auch seine letzten Unterstützer. "Ich glaube nicht, dass das sexueller Missbrauch war. Niemand spricht hier von Vergewaltigung oder dergleichen", sagte Hollingworth im Oktober 2002 über den Fall der Beziehung eines Priesters zu einem 14-jährigen und damit minderjährigen Mädchen. Wenige Monate später trat Hollingworth als Generalgouverneur zurück. 2004 entschuldigte sich die Anglikanische Kirche offiziell gegenüber den Kindern, die unter ihrer Obhut zu sexuell missbraucht worden waren. Die Äußerung von Hollingworth ist typisch für das oft fehlende Verständnis über das, was sexuellen Kindesmissbrauch konstituiert. Das begegnete der Kommission im Laufe ihrer Arbeit in allen untersuchten, in der Regel männlich geprägten, kirchlichen als auch weltlichen Institutionen.

Der Primas der Anglikanischen Kirche Australiens, Melbournes Erzbischof Philip Freier, sagte zum Beginn der letzten Anhörung über den Umgang der Anglikaner mit Missbrauchsfällen: "Wir sind zutiefst darüber beschämt, wie wir die Betroffenen im Stich gelassen haben." Gründe für das Versagen der Anglikanischen Kirche gibt es viele. Zwei hob der Erzbischof Glenn Davies in seiner Aussage vor der Kommission hervor: Vergebung und dass sich niemand vorstellen konnte oder wollte, dass "so etwas" in der Anglikanischen Kirche möglich sei.  In der Vergangenheit sei "Vergebung billig" und "pervertiert" gewesen durch die Annahme, dass die Person, der vergeben wurde, seine Taten nicht wiederholen würde. "Wir waren uns nicht über das Problem der Rückfälligkeit bewusst. Wir haben zu einfach vergeben. Ich glaube, im Grunde ihres Herzens konnten die Menschen fast nicht glauben, dass ein solches Verhalten in der Kirche möglich war. Deshalb haben wir den Kindern nicht richtig zugehört und wenn Fälle gemeldet wurden, wurden damit nicht richtig umgegangen", betonte der Erzbischof.

Dezentrale Struktur als Hindernis

Ein anderer Grund für den zögerlichen, schwerfälligen und inkonsistenten Umgang mit Missbrauchsfällen – darin waren sich Bischöfe, Experten und die Kommissionsmitglieder einig – ist in der dezentralen Struktur der Anglikanischen Kirche zu finden. Diese machen im Verein mit den verschiedenen Strömungen, Netzwerken und Fraktionen in den Diözesen Reformen schwierig. Das betonte Greg Thompson in seiner Aussage vor der Kommission.

Nach jahrelangem, vergeblichem Kampf für einschneidende Reformen war Thompson am Tag vor Beginn der Anhörung vor der Kommission als Bischof von Newcastle zurückgetreten. Er sei von seinen eigenen Gemeindemitgliedern für sein Eintreten für Reformen "bedroht" und "verfemt" worden, sagte Thompson. Die gesamte Kirche werde bei der Suche nach einer Lösung des Problems von Querelen zwischen einzelnen Gruppierungen behindert. "Innerhalb einer Diözese und erst Recht im ganzen Land gibt es Fraktionen und Seilschaften, die einer gemeinsamen Antwort entgegenstehen." Und: "Interessenkonflikte entstehen auch durch Freundschaften. Wenn gegenüber einem Priester Anschuldigungen erhoben wurden, genossen sie auf den verschiedenen Ebenen großen Schutz, sei es, auf der Ebene eines Komitees oder in ihrer Gemeinde. Die Leuten weigern sich zu akzeptieren, dass ihr geliebter Priester ein Täter ist." Niemand zweifelt jedoch daran, dass die Anglikaner, die Katholiken, die evangelikalen Kirchen, die Zeugen Jehovas, die Juden, die Buddhisten und die weltlichen Institutionen sich ernsthaft und entschlossen bemühen, Missbrauch in Zukunft zu verhindern und mit den Behörden und der Polizei zusammenzuarbeiten, wie in der Vergangenheit hinter verschlossenen Türen die Sache intern zu regeln.

Aufarbeitung für die Anglikanischen Kirche von großer Bedeutung

Zum Beginn der letzten Anhörung vor der Veröffentlichung des Abschlussberichtes zog der Kommissionsvorsitzende Richter Peter McClellan Ende März eine erste Bilanz. Es sei Aufgabe der Kommission gewesen, für die Öffentlichkeit und die relevanten Institutionen ausreichende Informationen darüber zusammenzutragen, wie Institutionen versagt haben. "Ich glaube, das ist erreicht worden", betonte Richter McClellan.

Jetzt müssten sich die Regierung als auch die Institutionen darauf konzentrieren, so McClellan, die Missbrauchsopfer zu entschädigen sowie durch die Entwicklung und die Umsetzung von Regelwerken sicherzustellen, dass in Zukunft kein Kind mehr sexuell missbraucht werde. Als Grundlage dafür werde der Abschlussbericht dienen, der am 15. Dezember dieses Jahres veröffentlicht werde.

Der Primas Erzbischof Freier machte deutlich, dass der Abschlußbericht  der Kommission, die von der Kommission in Auftrag gegebenen 44 wissenschaftlichen Studien rund um das Thema Missbrauch, die in 1,2 Millionen Dokumenten festgehaltenen Erfahrungen anderer Institutionen als auch die Aussagen der Opfer für die weitere Politik der Anglikanischen Kirche von großer Bedeutung sein werden.

"Die Anglikanische Kirche von Australien hat sich 2004 für ihr Versagen entschuldigt. Seitdem haben wir sehr viel Energie bei der Suche nach dem Wesen und den Ursachen für unser Versagen aufgewendet", sagte Freier und fügte hinzu: "Wir haben auf vielen Gebieten Verbesserungen erzielt. Wir bemühen uns weiter und begrüßen Orientierungshilfen und Unterstützung."