Kirchentag zwischen Gelassenheit und AfD

Kirchentag 2017

Foto: epd-bild/Rolf Zoellner

Der Glockenturm der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedaechtnis-Kirche am Breitscheidplatz leuchtet im Kirchentagsorange.

Zerrissenheit in Europa, Rechtspopulisten im Bundestagswahlkampf und das Sterben Tausender Menschen auf der Flucht: Auch der evangelische Kirchentag steht thematisch im Zeichen erregter Zeiten. Die Veranstalter setzen auf Dialog und Gelassenheit.

Schon lange blicken die Berliner diese bohrenden Augen an. Zwei Comic-Augäpfel - schwarz-weiß auf knallorangenem Grund - werben an S-Bahnhöfen und Plakatwänden für den evangelischen Kirchentag Ende Mai in Berlin und Wittenberg. Manche belächeln sie, andere fragen sich, was diese Augen eigentlich sagen wollen. Am Dienstag gaben die Veranstalter bei der Präsentation des diesjährigen Programms eine Antwort: Das Kirchentagsmotto "Du siehst mich" soll programmatische Leitlinie sein. In der anonymen Großstadt - im Fall Berlins zumal mit einer Minderheit von Kirchenmitgliedern - und einer Zeit erbitterter Debatten in der Gesellschaft wollen sie zum Dialog herausfordern.

"Wir werden miteinander reden, einander zuhören in reformatorischer Gelassenheit und streiten mit protestantischem Selbstverständnis", sagte die Präsidentin des Kirchentags, Christina Aus der Au. Das sei der Beitrag in einer Zeit, in der provoziert und angegriffen werde - "und zwar der gesellschaftliche Grundkonsens als Ganzes", betonte sie.

Darüber diskutieren wird unter anderem die erste Reihe der Bundespolitik. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wird mit dem Theologen Torsten Meireis und Humboldt-Forum-Gründungsintendant Neil MacGregor über den Zusammenhalt in der Gesellschaft reden. Der neue Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier - bis zu seiner Wahl ins höchste Staatsamt selbst als Kirchentagspräsident für 2019 vorgesehen - soll mit der Direktorin des Einstein Forums, Susan Neiman, über verantwortliches Handeln in der Gegenwart ins Gespräch kommen.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU), dem Kirchentag als Präsidiumsmitglied verbunden, wird mit dem Kairoer Scheich Ahmad Mohammad al-Tayyep, einem der mächtigsten sunnitischen Geistlichen, auf einem Podium sitzen. Darüberhinaus will sich der Kirchentag in zumindest einer Veranstaltung auch der AfD stellen. Der Berliner Bischof Markus Dröge wird bei einer Diskussion auf Anette Schultner von der Vereinigung "Christen in der AfD" treffen.

Dass die evangelische Laienbwegung anders als der Katholikentag 2016 die AfD nicht kategorisch ausgeschlossen hat, ist umstritten. Eine Online-Petition gegen die Beteiligung der Rechtskonservativen im Internet hat bislang rund 1.500 Unterstützer. Der Kirchentag bleibt aber bei seiner Entscheidung. Es sei nicht christlich, einzelne Gruppen vollständig vom Dialog auszuschließen, sagte Präsidentin Aus der Au.

Auch am Thema Flucht kommt der 36. Deutsche Evangelische Kirchentag vom 24. bis 28. Mai nicht vorbei. Viele Diskussionen werden sich darum drehen. Am Freitag sollen um 12 Uhr alle Veranstaltungen für eine Schweigeminute zum Gedenken an die Toten an Europas Außengrenzen unterbrochen werden.

Politisches Schwerpunktthema ist Europa

Politisches Schwerpunktthema wird Kirchentags-Generalsekretärin Ellen Ueberschär zufolge Europa. Berlin stehe sowohl für die frühere Teilung Europas als auch für die Wiedervereinigung. Ueberschär betonte zudem den Anspruch des Kirchentags, sich in den politischen Dialog einzumischen. Der christliche Glaube mache es notwendig, dass man Positionen in die politische Diskussion trage.

Neben allen ernsthaften Diskussionen inmitten des Bundestagswahlkampfs soll im Jahr des 500. Reformationsjubiläums aber auch das Feiern beim Kirchentag nicht zu kurz kommen. Zur Eröffnung wird es drei Open-Air-Gottesdienste im Herzen Berlins geben. Beim traditionellen Abend der Begegnung lädt die Landeskirche nach Worten von Bischof Dröge an 40 Stellen unter anderem zu einem "Kirchentags-Speed-Dating" - auch einer Form von "Du siehst mich". Geplant sind außerdem viele Konzerte und Kulturveranstaltungen.

Kirchentagspräsidentin Christina Aus der Au.

Der Höhepunkt zum Abschluss des Kirchentags in Berlin und der sechs regionalen "Kirchentage auf dem Weg" in mitteldeutschen Städten soll ein Gottesdienst auf den Elbwiesen in Wittenberg werden. Hunderttausende Gäste werden zu der zentralen Feier zum Reformationsjubiläum erwartet - eine logistische Herausforderung für Veranstalter, Sicherheit und nicht zuletzt die Deutsche Bahn, die mit Sonderzügen die Teilnehmer nach Wittenberg bringen soll.

Jeder werde sicher und ohne Stress dorthin gebracht, versicherte Ueberschär. Aus der Au rührte die Werbetrommel: Für die Predigt werde jemand mit einer herausragenden Botschaft gesucht. Wer das sein wird, steht noch nicht fest. Das Gerücht, der Kirchentag bemühe sich um die ehemalige First Lady Michelle Obama, bestätigte Aus der Au nicht.