Arabische Lieder mit neuer Seele interpretieren

Salam Syria - Elbphilharmonie lädt zu Musik-Festival aus dem Orient
Salam Syria

Foto: Elbphilharmonie/Jann Wilken

„Aufgeregt?“ - „Ja, ein bisschen!“ Hana, Martin und Nidal nicken einstimmig. Es ist ihr erster öffentlicher Auftritt mit dem deutsch-syrischen Projektchor. Die Elbphilharmonie lädt zu einem Vorabkonzert in ein Hamburger Hochhausviertel ein.

Modisch gekleidete Frauen mit und ohne Kopftuch schieben Kinderwagen in den kleinen Konzertsaal im Bürgerhaus Bornheide, am Osdorfer Born. Es ist ein Stadtteil mit hohem Migranten-Anteil. Väter mit Kindern an der Hand beeilen sich, einen guten Platz zu finden. Direkt daneben sitzen deutsche Gäste. Sie alle wollen die Interpretation syrischer Volkslieder hören, die an diesem Abend erklingen sollen.

Es ist ein musikalischer Vorgeschmack für das Festival "Salam Syria" (Willkommen Syrien) der Elbphilharmonie am 17. März, in dem viele Facetten syrischer Musik erklingen sollen - von traditioneller Musik bis zur ersten arabischen Bigband, von Arab-Jazz bis zu syrischem DJ-Sound. Dieser Abend ist für die Syrer ein Wiedererkennen vertrauter Klänge. Für viele deutsche Gäste ist es ein neues Hörerlebnis.

Es sind Liebeslieder

Endlich betreten die 60 Frauen und Männer des deutsch-syrischen Chors die Bühne. Gefolgt von Musikern an der arabischen Zither (Kanun), am Keyboard und Kontrabass. Ein Schlagzeug umrahmt den rhythmischen Gesang. Nicht zu vergessen: der Mann an der arabischen Handtrommel, an der Darbuka.  Alle Musiktitel bis auf einen deutschen und einen afrikanischen sind auf arabisch. Ohne Übersetzung stehen die Titel im Programm. "Die Lieder kennt man in allen arabischen Ländern", flüstert ein Gast vor dem Auftritt. Es sind Liebeslieder. Die meisten arabischen Besucher haben sie wohl zuletzt vor Jahren gehört, von der Mutter oder Großmutter vor dem Krieg in Syrien.

Arabische Volkslieder werden traditionell einstimmig gesungen. Doch hier versucht man eine Melange aus europäischer Chortradition – also mehrstimmigen Gesang von Sopran bis Bass und einer arabischen Harmonie. "Die größte Herausforderung für mich war die arabische Sprache", sagt Chorleiter Jörg Mall lachend. Er habe zwar keine Sekunde gezögert, sich auf dieses Abenteuer einzulassen, obwohl er sonst in der europäischen Chormusik zu Hause sei. Hier waren auf einmal die Deutschen gefordert, genau hinzuhören. Nicht nur bei der Sprache, sondern auch bei den Tönen. Denn anders als in der europäischen Musik kennt die arabische sogar Viertelton-Abstufungen in ihren Harmonien. Chorleiter Jörg Mall stimmte dafür sein Cembalo um, um die Nuancen für deutsche Ohren hörbar zu machen.

"Mit der Mehrstimmigkeit bekommen diese alten Lieder eine neue Seele"

Stimmliche Herausforderungen gab es jedoch auf beiden Seiten. Während die Deutschen sich erst langsam an die richtigen Töne herantasteten, ebenso wie an die Sprache. So hatten die Syrer, die alle Lieder auswendig können, zu lernen, den Stoff mehrstimmig zu singen. Hana Alkourbah zeigte sich von dem Ergebnis sehr berührt. "Mit der Mehrstimmigkeit bekommen diese alten Lieder eine neue Seele", sagt sie. Lieder, die sie noch aus ihrer Kindheit aus Syrien kennt.

Auch für andere Konzertbesucher aus Syrien war es sehr bewegend zu erleben, dass die Deutschen ihre Lieder aus ihrer Heimat mitsingen. Diese Würdigung der arabischen Musikkultur kam bei den Besuchern an. Martin Richter, der sich gemeinsam mit seiner Freundin dem Chor angeschlossen hatte, zeigte sich begeistert. Hier mussten einmal die Deutschen dazu lernen, während die Syrer vieles bereits konnten, sagt Martin. Das kehre die Verhältnisse einmal um. Außerdem mache das Zusammentreffen "wahnsinnig viel Spaß", sagt der Hamburger. Jedes Mal ergäben sich neue Gespräche – es sei eben ein großer Chor.  

Eine besondere Form der Gemeinschaft

Dass im deutsch-syrischen Chor mittlerweile eine besondere Form der Gemeinschaft entstanden ist, bestätigt auch Nidal Osman. Der hochgewachsene junge Syrer mit dem wuscheligen Lockenkopf und dem Vollbart erzählt, dass die Chormitglieder schon gemeinsam Schlittschuhlaufen waren oder im Kino. Nidal verweist auf die Sprach-Tandems, die sich gefunden haben. Einige Syrer verbessern so ihre Deutschkenntnisse. Er selbst unterrichte einen Musiker in arabischer Sprache und bekomme im Gegenzug Unterricht im Bass-Spielen.

Die Stimmung beim ersten Auftritt ist ausgelassen, aber auch etwas aufgeregt. Ein kleiner Film zeigt das Miteinander im Chor. Ein Lied namens "Hal Asmar" Oh, diese Dunkelhäutige, wird vom Chor mit dem Publikum gemeinsam anstimmt – nach einer kleinen Vorsingrunde auf arabisch.

Hal Asmar - Oh, diese Dunkelhäutige

In der Aufregung vergisst man die deutsche Übersetzung dieses Liebesliedes. Später folgt die Interpretation des deutschen Volkslieds "Kommt ein Vogel geflogen". Auch deutsche Volkslieder kannten einst diesen gefühlvollen Ton. Mit den syrischen Stimmen wird dem Stück noch mehr Sehnsucht eingehaucht. Ein halbes Jahr hat der Projektchor für die acht Lieder geübt. Drei Titel aus dem Repertoire , darunter "Fog El Nakhel" (Über den Palmenzweigen) trägt der Chor am Freitag im großen Saal der Elbphilharmonie vor. Dann erweitert das Syrian Expat Philharmonic Orchestra und die Profi-Sängerin Dima Orsho den Auftritt.

Fog El Nakhel - Über den Palmenzweigen

Man will dranbleiben

Dass der Projektchor der Elbphilharmonie nach dem Konzert weitermacht , zeichnet sich schon jetzt ab. Dirigent Jörg Mall will nicht zu viel verraten, aber alle hätten Lust weiterzusingen. Gerade jetzt, wo sich die Gemeinschaft des Chor langsam vertieft, wo Freundschaften entstehen und das gegenseitige Verständnis wachsen – da will man dranbleiben. Es wird noch viele Orient-Festivals geben, nicht nur in Hamburg und in der Elphi. Die Willkommenskultur verändert sich, sie begeistert Profimusiker genauso wie Laien. Und diese Begeisterung überträgt sich auch auf das Publikum – aus Ost und aus West.

Wir suchen übrigens noch Chöre, die bei unserer "500 Chöre"-Challenge auf www.reformaction2017.de/500choere mitmachen!  Wer bis zum 30. April 2017 sein Video von "Ein feste Burg" hochlädt, kann ein Video-Porträt über seinen Chor gewinnen, das hier auf evangelisch.de läuft. Aus allen Teilnehmern wird ein Gewinner ausgesucht und per E-Mail von uns benachrichtigt!