Fernseh-Vorschau: Das große Vergessen

Das lohnt sich im Fernsehen vom 11. bis 16. März
Das große Vergessen

Foto: ZDF/Walter Krieg

Jung und dement - diesem Schicksal widmet sich die "37 Grad"-Reportage von Walter Krieg. Er stellt zwei Männer vor, deren Leben durch die Diagnose auf den Kopf gestellt wurde. Das ist aber nur einer der TV-Tipps für die kommende Woche.

11.3., Arte, 20.15 Uhr: "Ach, Europa!"

Die Unterzeichnung der Römischen Verträge im Jahr 1957, mit der die Geschichte der Europäischen Union begann, jährt sich zum sechzigsten Mal. Aus diesem Anlass wirft Arte im Jubiläumsjahr mit der zehnteiligen Doku-Reihe "Ach, Europa!" einen heiter-kritischen Blick auf die Geschichte Europas: von Zeus bis zu den Beatles, von der griechischen Antike bis zur Europäischen Union. Mit Humor und spannenden Geschichten kommentieren Annette Frier und Antonia de Rendinger den Lauf der Geschichte. Die Reihe geht der Frage nach, was Europa im Innersten zusammenhält und was die Europäer voneinander trennt. Alles beginnt mit dem Entstehungsmythos Europas, mit der Liebesgeschichte zwischen dem Göttervater Zeus und einer Prinzessin namens Europa. Die alten Griechen haben der Welt vorgemacht, wie Zivilisation geht. Sie waren die Vorbilder der Römer, die dann der mediterranen Kultur im Rest Europas zum Durchbruch verholfen haben. Doch lange Zeit konnten sich im kalten Norden die widerspenstigen Barbaren nicht für die südländische Zivilisation erwärmen. Arte zeigt die ersten fünf Folgen heute und die restlichen Teile am Dienstag, den 14. März.

12.3., ARD, 17.30 Uhr: "Gott und die Welt: Der Unberechenbare"

Am 13. März 2017 jährt sich die Wahl von Papst Franziskus zum vierten Mal. Die Welt hat sich mittlerweile halbwegs an den unkonventionellen Stil des Kirchenoberhaupts aus Argentinien gewöhnt. Nach wie vor wohnt der Papst im Gästehaus des Vatikans, kauft sich seine einfachen schwarzen Straßenschuhe selbst und isst lieber mit Obdachlosen als mit Staatsoberhäuptern.
Aber auch theologisch und kirchenpolitisch hat der Pontifex in den letzten vier Jahren starke und oft überraschende Akzente gesetzt. Sein Einsatz für die Armen, die Globalisierung der Kirche und sein Plädoyer für Barmherzigkeit - im Zweifel auch über das Dogma hinaus - haben Franziskus einerseits viele Sympathien eingebracht, aber auch Unverständnis und Kritik. Claus Singer zeigt in seinem Film "Der Unberechenbare" Papst Franziskus in typischen Situationen in Rom und hat ihn auf einigen seiner zahlreichen Reisen begleiten können. Zu Wort kommen der Papst selbst, theologische und journalistische Beobachter und Menschen, die von ihren Begegnungen mit Franziskus erzählen.

13.3., ARD, 22.45 Uhr: "Mohammad Mustermann"

Der Titel "Mohammad Mustermann" ist eine clevere Provokation: Menschen, die eine schleichende Islamisierung des Landes befürchten, werden sich bestätigt fühlen. Dabei dokumentiert Matthias Deiß in seiner Langzeitreportage, wie quälend lang es dauert, bis sich der Status eines Flüchtlings ändert. Man spricht bei Filmen wie diesen gern von den "Geschichten hinter den Schlagzeilen", und genau darin liegt Deiß' Verdienst: Zwei Jahre lang hat er drei Männer begleitet, die im März 2015 nach Deutschland gekommen sind. Er beginnt mit einem Happy End: Mohammad Alabdulla schließt am Berliner Flughafen Schönefeld unter vielen Tränen Frau und Kinder in seine Arme. Die Familie war derart lange getrennt, dass er sein jüngstes Kind noch nie gesehen hat. Anschließend blendet Deiß zurück und stellt das Trio vor, das er 17 Monate zuvor in einem Berliner Erstaufnahmelager kennen gelernt hat. Der Autor verzichtet konsequent darauf, selbst explizit Stellung zu nehmen. Die geschilderten Bedingungen sprechen für sich, und wo das nicht reicht, macht eine ehrenamtliche Flüchtlingshelferin ihrem Unmut Luft. Vor allem die umständliche Bürokratie verhindert, dass die Anträge des Trios reibungslos verarbeitet werden. Da Deiß die Ereignisse konsequent aus Sicht der drei Männer schildert, lassen sich deren Gefühle ausgezeichnet nachvollziehen. Während der Syrer Mohammad (33) recht bald als Flüchtling anerkannt wird, muss sein Freund und Landsmann Nedal (20) eineinhalb Jahre warten, "bis sein Leben in Deutschland endlich beginnen kann", wie es im Kommentar heißt. Das Schicksal des Dritten im Bunde, Abdu (33) aus Libyen, ist allerdings ungleich tragischer: Er ist mit einem Kriegstrauma nach Deutschland gekommen. Weil er nicht angemessen psychiatrisch behandelt wird, verliert er immer wieder die Kontrolle. Es kommt zu mehreren Anzeigen wegen Körperverletzung, er muss das Flüchtlingsheim verlassen und landet auf der Straße. Deiß schildert das alles nüchtern und sachlich. Wenn sein Film ans Mitgefühl appelliert, dann durch die Bilder, nicht durch den Kommentar.

13.3., 3sat, 22.25 Uhr: "Life in Progress"

Abseits des urbanen Zentrums von Johannesburg, in Katlehong, dem Sotho-Wort für "Fortschritt", hat sich auch zwanzig Jahre nach Ende der Apartheid die Lage für die Bewohner kaum verbessert. Hier leben Tshidiso, 20, Venter, 19, und die 18-jährige Seipati. Alle drei wachsen ohne Vater auf und suchen unter schwierigen Lebensumständen ihren Weg zum Erwachsenwerden. Gemeinsam haben sie einen Hoffnungsschimmer: Jerry. In ihm sehen sie eine Art Ersatzvater.
Mit seiner Tanzgruppe Taxido holt Jerry die Jugendlichen von der Straße. Ganz gleich, wo die talentierten Teenager mit ihren rasend schnellen Tanzchoreografien auftreten, ernten sie Applaus.
Doch zurück in ihren Hütten herrscht wieder die tägliche Not. Und Jerry, der strikte Disziplin verlangt, macht ihnen das Leben auch nicht gerade leicht. Kein Wunder, dass die Jugendlichen zu rebellieren beginnen, als sie merken, dass das Leben trotz aller Schwierigkeiten noch mehr zu bieten hat.
"Life in Progress" liefert eine eindrückliche Einsicht in das Leben dreier Jugendlicher, die zur ersten Generation gehören, die nach dem Ende der Apartheid heranwächst; Irene Loebells Film handelt vom Erwachsenwerden und den Träumen, Ängsten und Erwartungen junger Menschen an das Leben.

13.3., 3sat, 0.00 Uhr: "37 Grad: Das große Vergessen"

Nicht zuletzt dank diverser Fernsehfilme ist Altersdemenz längst kein Tabuthema mehr. Geschichten über Senioren, die erst ihre Brille im Kühlschrank deponieren und später von der Polizei aufgegriffen werden, weil sie ihre Adresse vergessen haben, haben dafür gesorgt, dass die Symptome der Krankheit bekannt sind. Nur wenige Menschen wissen allerdings, dass Demenz bereits weit vor dem Rentenalter auftreten kann. Walter Krieg stellt in seiner berührenden "37 Grad"-Reportage zwei Männer vor, die um die vierzig waren, als sie aus der Bahn geworfen wurden. Besonders schmerzlich ist die Geschichte von Florian, den die Krankheit mit 37 ereilt hat. Der Vater zweier Kinder war beliebt und erfolgreich und hatte als Kreisjugendpfleger eine verantwortungsvolle Aufgabe, bis er immer öfter Aussetzer bekam und schließlich nicht mehr tragbar war. Fatalerweise verging eine geraume Zeit, die der Mann unter anderem in der geschlossenen Abteilung einer Psychiatrischen Anstalt verbrachte, bis endlich an einer Uniklinik seine Krankheit diagnostiziert wurde: Florian, mittlerweile 41 und geschieden, leidet unter Frontotemporaler Demenz, sein Sozialverhalten ist erheblich eingeschränkt, er gerät leicht außer Kontrolle und muss rund um die Uhr betreut werden; seine Eltern haben plötzlich wieder ein Kleinkind. Die entsprechenden Szenen sind erschütternd.
Während "37 Grad" sonst gern mit mehreren Protagonisten arbeitet, hat sich Krieg klugerweise auf zwei konzentriert, um diese beiden umso ausführlicher vorstellen zu können. Im Gegensatz zu Florian konnte sich der Filmemacher mit Eric unterhalten. Das macht dessen Fall naturgemäß spannender, weil er aus erster Hand schildern kann, wie er die Krankheit erlebt. Eric, Mitte vierzig, war früher Dachdecker und ist heute ein Pflegefall. Im Gespräch mit Krieg macht er einen sehr klaren Eindruck, was einige seiner Aussagen noch bedrückender macht: Sein Körper sei über vierzig, sagt er, aber vom Gehirn her liege er sich irgendwo zwischen 12 und 16 Jahren. Doch die Gelassenheit täuscht; Krieg verzichtet zwar auf Szenen, die seine Protagonisten bloßstellen könnten, und zieht sich diskret zurück, als ein Disput zwischen dem Ehepaar zu eskalieren droht, verhehlt aber auch nicht, dass Eric zunehmend dünnhäutiger wird. Der Kommentar wird überaus angenehm vom Schauspieler Otto Mellies vorgetragen: ohne Pathos, aber auch ohne jene Leutseligkeit, die Sprecher bei solchen Reportagen mitunter verbreiten, obwohl sie völlig unangebracht ist.

14.3., ZDF, 22.15 Uhr: "37 Grad: Das Beste für mein Kind"

Jedes Jahr werden in Deutschland um die 4.000 Kinder adoptiert. Sich für immer von seinem Baby trennen: eine unvorstellbar schwere Situation. Die Frauen möchten dem Neugeborenen die Chance auf ein besseres Leben schenken. Und doch machen sich diese Mütter Vorwürfe. Katrin Wegner stellt in ihrem Film drei betroffene Frauen vor. Nicole zum Beispiel leidet seit der Pubertät unter Depressionen; sie muss mehrmals im Jahr in die Psychiatrie. Jetzt ist sie ungewollt schwanger und fragt sich: "Was soll ein Kind mit einer Mutter wie mir, die ständig daran zweifelt, ob sie überhaupt noch leben möchte?" Deshalb will sie ihr Kind direkt nach der Geburt zur Adoption freigeben, selbst wenn die Muttergefühle sie schon jetzt überwältigen. Vika bemerkte ihre Schwangerschaft erst im siebten Monat. Der Vater des Kindes reagierte gleichgültig, riet ihr sogar, es abzutreiben. Damals war die 29-Jährige bereits alleinerziehende Mutter von zwei Kindern, als Studentin mittellos und auf der Suche nach einer neuen Wohnung. Sie gab ihr Kind direkt nach der Geburt zur Adoption frei. Anschließend war sie wie betäubt. Seitdem sind fünf Jahre vergangen, und in jeder Sekunde hat sie an ihr Kind gedacht. Die dritte Frau, Andrea, hat ihre Tochter schon vor zwanzig Jahren zur Adoption freigegeben; der schlimmste Abschied ihres Lebens. Später hat sie Kontakt zu dem Kind aufgenommen. Wegner begleitete die 51-Jährige bei einem ihrer seltenen Besuche in Deutschland zu einem Treffen mit der Tochter und ihrer Adoptivmutter.

16.3., WDR Fernsehen, 22.40 Uhr: "Menschen hautnah: Jung und pleite"

Obwohl Aissatou K. mit 1.600 Euro in den Miesen steckt, kauft sie weiter ein. Sie weiß, dass das ein Fehler ist. Aber ihre schwere Kindheit hat Spuren hinterlassen. Die 24-Jährige will das "Loch in der Seele" stopfen und sich beim Einkaufen was Gutes tun. Doch gleichzeitig will Aissatou raus aus der Schuldenfalle. Die Hartz IV-Empfängerin hat erkannt, dass sie dabei auf Hilfe angewiesen ist. Als die Schuldnerberaterin mit ihren Gläubigern einen Vergleich aushandelt, keimt Hoffnung auf. Einen solchen Neuanfang will auch die 21-jährige Monique W. versuchen, die vor kurzem Mutter geworden ist. Sie hat sogar um die 6.000 Euro Schulden. Wachgerüttelt hat sie ihre kleine Tochter; die Mutter hat gemerkt, dass sie noch Verantwortung für jemand anderen hat. Sie will auf jeden Fall verhindern, dass ihre Tochter unter ihren Schulden leiden muss. Am liebsten würde die Alleinerziehende wieder arbeiten. Sie kämpft für eine berufliche Perspektive, eine spezielle Teilzeitausbildung für Mütter. Ihren Schuldenberg und die Sorgen um ihre familiäre Zukunft könnte sie loswerden; aber nur, wenn ihr Antrag auf Privatinsolvenz durchkommt. In Christian Pietschers Film repräsentieren Monique und Aissatou über 1,5 Millionen Menschen unter dreißig Jahren, die überschuldet sind. Noch nie hat es so viele junge Menschen gegeben, die in die Schuldenfalle gerutscht sind. Seit 2004 hat sich ihre Zahl verdoppelt. Jeder siebte junge Erwachsene kann nicht mehr seine Rechnungen bezahlen.

16.3., WDR Fernsehen, 23.25 Uhr: "Die Aufstocker - Trotz Arbeit Hartz IV"

Für Juliane M. beginnt der Tag früh am Morgen. Nachdem die alleinerziehende Mutter ihre zwei Kinder zur Schule gebracht hat, arbeitet sie als Altenpflegerin. Dennoch muss sie sich immer wieder bei der Arbeitsagentur melden, um sich ihren Lohn mit Hartz IV aufstocken zu lassen. Trotzdem bleibt für die Kinder nicht viel übrig. Die Großeltern helfen finanziell sehr. So wie Juliane geht es Vielen: Etwa eine Million Menschen sind in Deutschland davon betroffen. Ob jemand Hartz-IV-Aufstocker ist, ist jedoch nicht unbedingt eine Frage der Qualifikation. Oft trifft es sogar gut Ausgebildete. Für die Aufstocker ist es nicht leicht, dass sie zum Job-Center gehen müssen, um das zu geringe Einkommen durch ergänzende Hilfe vom Staat aufzubessern. Die Einführung des Mindestlohns von 8,50 Euro pro Stunde hat vielen einen stattlichen Sprung nach oben gebracht. Doch die Zahl der Aufstocker sank trotzdem nur um gerade mal 50.000. Auch Carina W. hat nur wenig von der Anhebung profitiert und kommt finanziell kaum über die Runden. Die 51-Jährige arbeitet als Roadie auf Festivals und zusätzlich als Putzfrau. Ein Auto kann sie sich nicht leisten und die letzte Woche im Monat ist besonders hart für sie. Oft hat sie kaum mehr etwas zu essen im Kühlschrank. Beim Jobcenter muss sie jeden Cent und jede noch so kleine Ausgabe genau erklären. Viele Aufstocker schämen sich für diese Situation. Das Beratungsmobil des Berliner Arbeitslosenzentrums bemüht sich um Kontakt mit den Betroffenen. Regelmäßig fahren die Berater zu den Schlangen vor den Jobcentern. Auch im Kreis Lauenburg gibt es ein freiwilliges Beratungsprojekt, das dabei hilft, Wege aus der "Aufstocker-Falle" zu finden. Diese sind nicht leicht, denn dazu gehört auch Mut und Selbstvertrauen bei den Betroffenen. Lars Ohlinger zeigt in seinem Film, was es heißt, trotz harter Arbeit an der Armutsgrenze zu leben und welche Chancen und Schwierigkeiten es gibt, dort wegzukommen.

16.3., MDR Fernsehen, 22.35 Uhr: "Ab morgen mach' ich Voodoo"

Blutopfer, Nagelpüppchen, Rituale schwarzer Magie: Das sind die Bilder, die präsent sind, wenn von Voodoo die Rede ist. Verbunden mit einer Mischung aus Angst und Faszination. Was weniger bekannt ist: Es gibt verschiedene Ausrichtungen des Voodoo-Kultes. Silke Meyer gibt in ihrem Film Einblicke in bisher geheim gehaltene Zeremonien und stellt Priester und Gläubige vor.
Es sind die Anhänger der Santeria und des Candomblé, der afrokubanischen und der afrobrasilianischen Variante des Voodoo, die ihre Zeremonien meist nur im Geheimen abhalten. Und auch die bunten Altäre in ihren Wohnungen, mit denen Geister gnädig gestimmt werden sollen, verbergen sie meist vor der Öffentlichkeit. Zu groß ist die Angst vor Vorurteilen und Stigmatisierung. Die Wiege des Voodoo steht in Westafrika. Von hier aus hat sich die Religion durch den Sklavenhandel nach Lateinamerika ausgebreitet und hier weiterentwickelt: In Brasilien entstand so der Candomblé und auf Kuba die Santeria. Für beide Religionen bildet der Voodoo eine bedeutende Wurzel, noch immer sind die beiden Religionen eng verwandt mit dem Voodoo-Kult. Mit Zuwanderern aus Westafrika und Lateinamerika spielt Voodoo auch in Europa zunehmend eine Rolle. Manche Schätzung rechnet mit bis zu 60 Millionen Anhängern weltweit. Der Voodoo ist seit den Zeiten der Sklaverei eine globalisierte Religion. Der Film begleitet einen Candomblé- und einen Santeria-Priester sowie eine deutsche Frau, die zur Santeria konvertiert. Dabei muss sie verschiedene Initiationsriten durchlaufen, die bisher in Deutschland noch nie filmisch dokumentiert wurden. Mit der ehemaligen Theologie-Studentin bekommt der Zuschauer Einblicke in Rituale, Rhythmen und Tänze. Voodoo, Santeria und Candomblé gelten auch als getanzte Religion, die den Körper stark betont. Statt für schwarze Magie stehen sie für ein hohes Maß an Naturverbundenheit und eine Abwendung vom Materialismus.

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