TV-Tipp: "Ich will (k)ein Kind von Dir" (ARD)

17.3., ARD, 20.15 Uhr: "Ich will (k)ein Kind von Dir"
Früher haben Mütter ihre unverheirateten Töchter gewarnt, in jedem Mann stecke ein Kind, das er ihnen anhängen wolle. Damals drohte die gesellschaftliche Ächtung, heute mahnen die Mütter womöglich wieder, zumindest dann, wenn die Töchter Karriere machen wollen; und davon handelt dieser Film mit dem verspielten Titel "Ich will (k)ein Kind von Dir". Die Geschichte tarnt sich als Komödie, lässt aber spätestens in der zweiten Hälfte die Maske fallen und wandelt sich zum Drama.

Zunächst beginnt jedoch alles ganz harmlos: Anna und Philipp (Franziska Weisz, Felix Klare) tummeln sich mit einem Mädchen auf einen Spielplatz; im Vordergrund zuckelt sehr sympathisch ein Spielzeugzug mit den Vorspannnamen durchs Bild. Kurz drauf stellt sich raus: Die kleine Nele ist nicht etwa die Tochter, sondern Annas Nichte. Das Berliner Paar hat zu Beginn der Beziehung die Abmachung getroffen, keine Kinder zu wollen. Bis jetzt sind die beiden damit auch gut klar gekommen: Philipp ist Orthopäde und hat eine ständig überfüllte gemeinsame Praxis mit seinem Freund Kai, Anna ist erfolgreiche Akademikerin, arbeitet auf ihre erste Professur hin und fällt aus allen Wolken, als Philipp ihr mitteilt, ein gemeinsames Kind sei für ihn die Krönung ihrer Liebe.

"Ich will (k)ein Kind von Dir" ist das erste verfilmte Drehbuch der 2002 mit dem Grimme-Preis ausgezeichneten Schauspielerin Katrin Bühring ("Romeo"); sie hat ihre Kollegen mit viel Spielmaterial versorgt. Dabei scheint die Geschichte schon nach wenigen Minuten auserzählt: Er will, sie nicht. Ein Kompromiss ist nicht möglich, zumal Anna über ihre Karriereaussichten hinaus gute Gründe hat, die in anderen Komödien dieser Art gern von Männern vorgebracht werden: Sie will kein Kind, das sich zwischen sie drängt "und kackt und brüllt und zahnt". Davon abgesehen versorgt Bühring sie mit einem plausiblen biografischen Hintergrund: Anna musste sich nach dem frühen Tod der Mutter um ihre kleine Schwester kümmern; das hat sie um ihre unbeschwerte Jugend gebracht.

Der Film beeindruckt vor allem durch seine Realitätsnähe. Keine einzige Figur wirkt ausgedacht, die Dialoge klingen natürlich, die Situationen, in die Bühring das Paar bringt, sind dem Leben abgeschaut; und die Schauspieler sind ausnahmslos vorzüglich. Die Besetzung Annas mit Franziska Weisz mag auf den ersten Blick nicht überraschend sein, schließlich verkörpert sie - etwa im "Tatort" an der Seite von Wotan Wilke Möhring, in der ORF-Serie "Janus" oder zuletzt in dem ZDF-Thriller "Tödliche Gefühle" – oft Frauen, die kühl, unnahbar und berechnend wirken. Aber Anna ist ganz anders: herzlich, offen, sexy. Schon allein ihr Lächeln sorgt dafür, dass diese Frau von innen heraus leuchtet. In der Sache bleibt Anna allerdings unerbittlich, erst recht, als sie einen Ruf der Universität Leipzig erhält, obwohl sie bei der Vorstellung auf die unangebrachte Frage nach ihrer Familienplanung ein engagiertes Plädoyer dafür gehalten hat, dass gerade der Wissenschaftsbereich mit gutem Beispiel voran gehen müsse. Doch dann tritt ein Ereignis ein, das sie mit einer existenziellen Frage konfrontiert.

 Obwohl es in dem Film fast ausschließlich um das Titelthema geht, hat Bühring es geschickt vermieden, dass sich die Geschichte immer wieder im Kreis dreht. Dafür sorgen nicht zuletzt die weiteren Mitwirkenden, denn das Drehbuch umgibt die beiden Hauptfiguren mit Personal, dessen Dasein sie mit weiteren Denkanstößen versorgt. Während Annas beste Freundin Vanessa (Christina Hecke) sie in ihrer Haltung bestärkt, ist Philipps Kumpel und Kollege Kai (Kai Lentrodt) ein eher abschreckendes Beispiel, weil es um seine Ehe nicht mehr zum Besten steht, seit er Vater ist. Philipps Kinderwunsch aber hält er für völlig berechtigt, deshalb gibt er ihm den Tipp, einfach mal mit der Nadel in die Kondomverpackung zu pieksen. Der verwendet das Präservativ zwar nicht, aber Anna entdeckt die Manipulation durch Zufall.

Regisseur Ingo Rasper nutzt das durchlöcherte Kondom zwar für ein witziges Gießkannenbild, aber lustig ist der Vorfall selbstredend nicht, und nun scheint die Beziehung endgültig am Ende, zumal sich in beider Leben Alternativen ergeben: Anna lernt die Vorteile der Ungebundenheit zu schätzen, als sie mit Vanessa eine Wellness-Einrichtung besucht. Philipp wiederum hat durch Zufall seine Ex-Freundin Katharina (Zora Thiessen) getroffen, die damals mit ihm Schluss gemacht hat, weil er keine Kinder wollte. Heute betreibt sie einen Bioladen und ist alleinerziehende Mutter einer fünfjährigen Tochter, die Philipp grübeln lässt, ob er wohl der Vater ist. Die gemeinsamen Szenen strahlen eine eigentümliche Vertrautheit aus, die gut zu Philipps Sehnsucht nach einer Familie passt. Im wirklichen Leben sind Zora Thiessen und Felix Klare miteinander verheiratet, das Paar hat vier Kinder; kein Wunder, dass Klare einen guten Draht zu den kleinen Kinderdarstellerinnen hat.

Eine interessante Idee ist auch die Rolle von Philipps enkellosen Eltern (Maren Kroymann, Michael Wittenborn), die diesen Zustand mit Hilfe der "Initiative Wunschoma" beenden: Großeltern ohne Enkel übernehmen die Patenschaft für Kinder ohne Großeltern. Dieser Einfall hat jedoch die einzige Schwachstelle des Drehbuchs zur Folge: Ausgerechnet Philipp, der dafür doch jedes Verständnis haben müsste, reagiert mit Empörung. Ansonsten aber imponiert die Geschichte durch große Komplexität, zumal doch der Titel "Ich will (k)ein Kind von Dir" bereits die ganze Handlung wiederzugeben scheint. Wie so oft sind es nicht zuletzt die Details, in denen sich die Hingabe der Macher zeigt, sei es der Name des Bioladens ("Ratz und Rüben"), Annas T-Shirts (anfangs "lo", am Ende "ve"), ihre Fußhaltung, als sie eine wichtige Entscheidung zu treffen hat, oder ein Marienkäfer, der sich nicht zufällig auf ihre Hand verirrt.

Für den Anspruch des Films steht nicht zuletzt Regisseur Rasper (zuletzt "Hilfe, wir sind offline!" und "Besuch für Emma"), dessen Arbeiten stets Komödien mit einem ernsten Kern sind (mit Ausnahme des Dramas "Die Kinder meines Bruders"). Das deutsche Kunstwort "Tragikomödie" gibt die spezielle Stimmung seiner Arbeiten dennoch nur unzureichend wieder: Die Situationen sind zwar ernst, aber nicht hoffnungslos und daher auch nicht tragisch; die englische Genrebezeichnung "Dramedy" (Drama plus Comedy) trifft den Tonfall, der hier nicht zuletzt durch die schwungvolle Musik von Martin Probst vorgegeben wird, ungleich besser.

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