TV-Tipp: "Kommissar Pascha" (ARD)

16.3., ARD, 20.15 Uhr: "Kommissar Pascha"
Es ist mehr als beeindruckend, dass ARD und ZDF auch nach Tausenden von TV-Krimis mit immer wieder neuen originellen Hauptfiguren überraschen. Natürlich ist Zeki Demirbilek, grandios von Tim Seyfi gespielt, nicht der erste Ermittler mit türkischen Wurzeln, aber so konsequent wie er hat noch niemand die Verwurzelung in zwei Kulturen verkörpert.

Wenn der in Liebesdingen eher erfolglose Zeki seinen Kummer ertränken will, hat er in der einen Hand ein Glas Raki und in der anderen einen Obstler. Er ist gläubiger Moslem und verharrt angesichts eines Toten stets kurz im Gebet, verirrt sich aber nur selten in eine Moschee und ist jederzeit für einen guten Schweinsbraten in seinem Stammbiergarten zu haben. Außerdem kann er problemlos mitten im Satz von deutsch auf türkisch umschalten, was ihn einigen Kollegen der Münchener Mordkommission höchst suspekt macht, allen voran dem dicken Pius (Michael A. Grimm), der seinen alltäglichen Rassismus hinter vermeintlich harmlosen Scherzen verbirgt. Die Strafe folgt auf dem Fuß, als eine Ironie des Schicksals den Urbayern ins Team jenes Mannes befördert, den er bloß "Kommissar Pascha" nennt. Die Bezeichnung kommt nicht ungefähr, denn Zeki mag es nicht, wenn man sich seinen Anweisungen widersetzt oder gar Alleingänge unternimmt, wie es seine ebenfalls türkischstämmige neue Mitarbeiterin Jale (Almila Bagriacik) gern tut; ganz im Gegensatz zur eifrigen Kollegin Vierkant (Theresa Hanich).

"Kommissar Pascha" zeigt einmal mehr, warum ARD und ZDF gern auf Romanreihen zurückgreifen (die Vorlagen stammen von Su Turhan, auch er ein Münchener Türke). Selbst wenn der erste von zwei Filmen, die hoffentlich der Auftakt zu einer Reihe sind, nicht auch noch ein interessanter Krimi wäre: Schon allein das Personal ist sehenswert. Für die Darsteller gilt das nicht minder; neben Seyfi beeindruckt vor allem Almila Bagriacik, die bereits in Züli Aladags Beitrag zu den "NSU"-Filmen ("Mitten in Deutschland: Die Opfer") als Tochter des ersten Opfers und emotionales Zentrum des Dramas ganz hervorragend war. Nur eine Nebenrolle spielt Selen Savas, die aber als Zekis Tochter Özlem attraktive Akzente setzt; sie war unter anderem die eindrucksvolle Titeldarstellerin in dem Drama "Die Freischwimmerin". Da Zeki und sein Team für Verbrechen von oder an Menschen mit Migrationshintergrund zuständig sind, spielen türkische Elemente natürlich auch in den Fällen eine große Rolle. Zum Auftakt sucht die "Migra" den Mörder eines jungen Türken. Der Mann war der Gärtner des größten deutschen Döner-Betreibers, der seine schöne Tochter Gül mit dem Sohn eines Konkurrenten verheiraten will (Vedat und Pinar Erincin sind auch im wirklichen Leben Vater und Tochter).

Dass man früh ahnt, worauf die Sache hinausläuft, ist beinahe unerheblich, weil die handlungsreiche Geschichte immer wieder unerwartete Haken schlägt. Schon die erste Begegnung Zekis mit der neuen Kollegin ist originell und amüsant. Außerdem ist die Hauptfigur derart ungewöhnlich, dass auch konventionelle Geschichten funktionieren würden, weil Zeki einerseits eine orientalische Ruhe ausstrahlt, andererseits aber zum herzhaft fluchenden bayerischen Grantler werden kann, wenn ihm der Kragen platzt. Die vielen unverbrauchten jungen Gesichter tun dem Film ebenfalls gut. Abgesehen davon ist es Sascha Bigler (Buch und Regie) gelungen, "Kommissar Pascha" mit einer ganz eigenen Atmosphäre und Handschrift zu versehen. Der Sohn von Christiane Hörbiger hat bereits mit seinem Debüt "Meine Schwester" sowie einem "Tatort" aus Österreich ("Unvergessen", beide 2013) bewiesen, welch' großes Regietalent in ihm steckt. Nun zeigt er, dass er auch die Krimikomödie beherrscht; und wie. Die Bildgestaltung (Christian Paschmann) und vor allem die stets leicht ironisch klingende beschwingte Blasmusik (Alexander Maschke) sorgen dafür, dass sich der Film deutlich von den anderen Donnerstagskrimis der ARD-Tochter Degeto abhebt.

In der zweiten Hälfte treten die gern auch mal schwarzhumorigen Momente jedoch mehr und mehr in den Hintergrund. Erst gibt es einen weiteren Toten, dann wird klar, dass sich ein Killer in München herumtreibt, der offenbar auch Zeki ins Visier genommen hat. Als seine Tochter entführt wird und mitten in der Stadt auf einem belebten Platz mit einem Sprengstoffgürtel zu sich kommt, wandelt sich "Kommissar Pascha" gar vorübergehend zum Thriller. Ob dem höchst bemerkenswerten Auftakt und dem zweiten Film ("Bierleichen", 23. März) noch weitere folgen werden, liegt am Zuspruch der Zuschauer. Neben den beiden verfilmten Romanen hat Su Turhan noch drei weitere lesenswerte "Pascha"-Bücher geschrieben; das jüngste ist gerade erst im Piper-Verlag erschienen.

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