"Op der leeven Herrjott en Pappnas hätt?"

Was Karnevalslieder und christlicher Glaube miteinander zu tun haben
Brille mit roter Clownsnase liegt auf gelben Hintergrund.

Foto: Getty Images/Jupiterimages

Wenn die Kölner Kult-Rocker Brings im Karneval singen "Nimm dir e Hätz un sing Halleluja" oder die Urgesteine von den Bläck Fööss intonieren "Als unser Vatter do bovven de Welt jemaat do hät hä et schönste Fleckche Ääd he an d'r Rhing jelat" – dann erscheint es genau so, wie sie an anderer Stelle behaupten: "Jo, wenn mir Kölsche singe, singk selvs d‘r Herrjott met". Aber warum ist das so? Warum ist der Herrgott im rheinischen Karneval so oft mit dabei?

Karneval und Religion? Diese beiden scheinen auf den ersten Blick nicht viele Gemeinsamkeiten zu haben. Das Phänomen Karneval wirkt auf Außenstehende häufig wie ein Massenevent, das bloß bunt kostümierte Besuchermassen in die Karnevalshochburgen zum Feiern lockt. Insbesondere die rheinländischen Karnevalshochburgen Köln und Düsseldorf sind für ihren Sitzungs- und Straßenkarneval berühmt-berüchtigt. Dass diesem bunten Treiben ein christlicher Ursprung zugrunde liegt, ist heute aber nur wenig bekannt. Dabei finden sich die frühesten Hinweise auf ein christlich motiviertes Schwellenfest vor der österlichen Fastenzeit in Deutschland bereits im 13. Jahrhundert. Eine Verbindung zwischen Karneval und Religion scheint also doch nicht so abwegig.

Schon die Terminierung der "Tollen Tage", dem Höhepunkt der "Session" lässt einen konkreten Zusammenhang erahnen, da sie sich am Kirchenjahr ausrichtet: Karneval wird dem Osterfestkreis zugeordnet und steht in direkter Verbindung zur Fastenzeit, der Vorbereitungszeit auf das Osterfest. Während der Karnevalszeit soll ein letztes Mal richtig gefeiert werden, bevor die Zeit des Verzichts beginnt.

"Wir glauben an den lieben Gott"

Theologisch betrachtet lässt sich die Beziehung von Karneval und Fastenzeit folgendermaßen zusammenfassen: "Abstieg zur Hölle und Sünde in der Fastnacht, Aufstieg nach Jerusalem und zur Tugend in der Fastenzeit." (Dietz-Rüdiger Moser: Fastnacht-Fasching-Karneval) Die Karnevalszeit und die sich anschließende Passionszeit symbolisieren zwei komplett gegenteilige Lebensarten: Der Mensch soll nach der üppigen und heiteren Karnevalszeit zur Umkehr und damit zur Zuwendung zu Gott geführt werden.

Diese ursprüngliche Verbindung von Karneval und Religion ist bis heute an unterschiedlichen Stellen im bunten Treiben erkennbar. Ganz besonders aber in der Karnevalsmusik: Hier kann man bei genauem Hinhören viele religiöse Motive und Symbole entdecken. Ist Ihnen zum Beispiel der Vers "Wir glauben an den lieben Gott" im bekannten Kult-Schlager "Viva Colonia" von den Höhnern schon einmal bewusst aufgefallen?

"Vür'm Herrjott simmer glich"

Die Musik hat im Karneval eine zentrale Funktion. Speziell in der rheinländischen Karnevalshochburg Köln spielt sie eine besondere Rolle: Nirgendwo sonst entstehen mehr Karnevalslieder und keine andere deutsche Stadt wird häufiger besungen als Köln. Liedzeilen wie "Un dä Jott, an dä mer jlöuve, dä danz un singk un laach" (Höhner – Kumm loss mer danze), "Leeven Herjott stonn uns bei" (Kasalla – Pirate) oder "Mir all, mir sin nur Minsche, vür'm Herjott simmer glich" (Bläck Fööss – Unsere Stammbaum) sind auf Karnevalsveranstaltungen keine Seltenheit und werden vom Publikum euphorisch mitgesungen. Die Religion scheint also eine Sonderstellung in der populären Karnevalsmusik einzunehmen.

Auffällig ist weiterhin, dass christliche Textinhalte von ganz unterschiedlichen Kölner Musikgruppen aufgegriffen werden: Sie finden sich bei alten Haudegen wie den Höhnern genauso wie bei jüngeren Bands wie Kasalla oder cat ballou. Außerdem lässt sich beobachten, dass besonders häufig der "Liebe Herrgott" ("Leeve Herrjott") besungen wird. Aber warum ist das so? Weshalb wird immer wieder auf religiöse Motive und Themenbereiche zurückgegriffen?

Henning Krautmacher ist seit 1986 Frontman bei den Höhnern.

Henning Krautmacher, Sänger bei den Höhnern, erklärt die Verwendung theologischer Motive und Bilder mit seiner individuellen Religiosität, denn, so Krautmacher: "Religiöse Dinge spielen im Leben immer eine Rolle. Jeder hat so seine eigene Beziehung zu einem Gott." Er geht davon aus, dass jeder Mensch in einer bestimmten Beziehung zur Religion und insbesondere zu Gott steht: "Deswegen ist in vielen Texten von uns und auch von mir persönlich der Herrgott durchaus wiederzufinden."

Die Motive sind sehr bewusst gewählt, sie enthalten immer eine bestimmte Botschaft. Ohne religiöse Bezüge würden die Lieder zwar auch funktionieren, so Krautmacher, doch erst durch die Verwendung dieser Motive würden sie zu etwas wirklich Gutem. Häufig wird das Bild eines liebenden Gottes, der Trost spendet, beschrieben. Dies begründet der Sänger mit dem "Prinzip Hoffnung". So nennt er die Zuversicht, dass Gott es gut mit den Menschen meint und menschliches Fehlverhalten verzeiht. Deshalb seien auch Liedzeilen wie "der liebe Gott weiß, dass ich kein Engel bin" niemals despektierlich gemeint, sondern wiesen auf das besondere Verhältnis der Kölner zu ihrem Herrgott hin. Auf diese Art und Weise wird ganz bedacht die Botschaft von der Liebe Gottes in den Karneval integriert.

Ganz anders erklärt der Kölner Sänger und Liedermacher Björn Heuser die Verwendung religiöser Motive in seinen Karnevalsliedern. Er greift in seinen Songs auch auf christliche Symbolhandlungen wie die Taufe zurück ("jedäuf met 4711"). Manchmal setzt er bewusst religiöse Versatzstücke ein, um diese kritisch zu beleuchten ("Wenn et Jott jitt"). Das Motiv des Doms verwendet er hingegen ganz ohne es zu hinterfragen, da das Kölner Wahrzeichen für ihn die Eigenschaft eines Gotteshauses gänzlich verloren hat und ähnlich wie der Rhein als Symbol für die Stadt dient.

Trotzdem nimmt der "liebe Herrgott" auch für Heuser eine Sonderstellung ein. Er verwendet Gott als Figur, der man sich in Freude und Leid zuwenden darf und die gleichzeitig in allen Lebenslagen auch zur Verantwortung gezogen werden kann. Dieses Gottesbild ist für ihn Teil der rheinländischen Mentalität und wird daher von ihm in seinen Liedtexten aufgegriffen - obwohl sich Heuser selbst als "nicht religiös" bezeichnet. Außerdem ließen sich mit religiösen Momenten bestimmte Aussagen verstärken, denn, so Heuser: "Mit solchen Motiven und in solchen Bildern, da kann sich irgendwie jeder wiederfinden, auch wenn man noch so cool drauf ist."

Fakt ist: Gott und Religion haben in Karnevalsliedern seit jeher einen festen Platz. In erfolgreichen Schunkelhits finden sich darüber hinaus oft weitergehende theologische Bezüge oder Motive. Möglich machen das offenbar die spezielle rheinländische Mentalität und das besondere öffentliche Verhältnis der Kölnerinnen und Kölner zu Religion und Glauben, da sie "sich mit ihrem lieben Gott auf Du und Du verstehen." (Reinhold Louis: Kölnischer Liederschatz). Zudem wirkt häufig die individuelle Religiosität der Liedermacher in die Texte hinein – dadurch, dass sie in ihren Songs immer wieder eigene Lebensfragen und Einstellungen thematisieren. Karneval und Religion sind geradezu symbiotisch miteinander verflochten, denn die Wurzeln des Karnevals liegen in der Religion - und das hören wir bis heute! So ist denn zu erwarten, dass der "Leeve Herrjott" auch in Zukunft seinen Weg in die schönsten Karnevalslieder findet…

Dieser Artikel erschien zum ersten Mal am 27. Februar 2017 auf evangelisch.de.

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