Die Rückkehr der Bilderbibeln

Durch einen Zufall fand man vor zehn Jahren in der Pfarrkirche von Irsee neun verschollene Fastentücher, die alle Altäre ab dem ersten Fastenmonats verhüllen.

Foto: Storymacher/Karl Heinz Wiedner

Durch einen Zufall fand man vor zehn Jahren in der Pfarrkirche von Irsee neun verschollene Fastentücher, die alle Altäre ab dem ersten Fastenmonats verhüllen.

Durch einen Zufall fand ein Küster vor zehn Jahren in der Pfarrkirche von Irsee neun verschollene Fastentücher. Aufwändig restauriert, erzählen sie dort gemäß jahrhundertealter Tradition während der Fastenzeit wieder die Passion Christi.

Kurz vor Ende des vergangenen Jahrhunderts stieß Willibald Müller, damals Kirchenpfleger der Pfarrkirche St. Peter und Paul in der Allgäu-Gemeinde Irsee, auf einen wertvollen Kunstschatz. In einer abgestellten Kniebank auf der Kirchenempore entdeckte Müller säuberlich zusammengerollt neun vollständig erhaltene Fastentücher mit der bildlichen Darstellung der Passion Christi. Bei der Untersuchung durch Denkmalpfleger stellte sich heraus, dass die Tücher aus dem 18. Jahrhundert stammen. "Sie bilden den letzten bekannten, noch vollständig erhaltenen Zyklus in einszenigen Darstellungen der Passion Christi", stellte Restauratorin Cornelia Ringer fest.

Fastentücher gehen auf das Mittelalter zurück. Dort waren sie als "Passionstuch", "Palmtuch", "Hungertuch" oder "Schmachtlappen" und "Fastenlaken" in Klöstern zu finden. Noch vor 50 Jahren verkörperten die neun Tücher in Irsee, die während der 40-tägigen Passionszeit bis zur Osternacht den Altarraum verhüllten, eine alte liturgische Tradition. Eines Tages waren sie jedoch unauffindbar und gerieten bald in Vergessenheit.

Nach der unverhofften Wiederentdeckung wurden die Tücher nach und nach konserviert und restauriert. Zunächst wurden nur zwei Tücher im Inneren des Gotteshauses aufgehängt, nämlich  die "Gefangennahme" und die "Kreuzabnahme". Die letzten Tücher wurden 2006 denkmalpflegerisch behandelt. Die Malschichten wurden gereinigt, die Farbpartikel auf den Leinwänden fixiert und Teile des Gewebes wieder in den ursprünglichen Zustand versetzt. Nach Abschluss der insgesamt sieben Jahre währenden Restaurierung sind die Tücher wieder Teil des liturgischen Lebens der Gemeinde.

Dieses Fastentuch zeigt das Motiv "Jesus trägt das Kreuz".

Alle neun Fastentücher werden seitdem gemäß alter Tradition in der Irseer Pfarrkirche St. Peter und Paul alljährlich am ersten Fastensonntag an den Altären angebracht und verhüllen diese bis Karsamstag. Dabei wurde der vollständig erhaltene Zyklus der "Palmtücher" mit Darstellungen der Passion Christi in Sankt Peter und Paul in Irsee so angeordnet, dass die verhüllten Altäre wie auf einem Kreuzweg abgeschritten werden können. Dieser religiöse Brauch hat seinen Ursprung in den strengen Fastenregeln der Vorosterzeit, wie sie im Mittelalter für gläubige Christen verbindlich waren. Folglich trennte das verhüllende Passionstuch die Gemeinde während der Messe von den Altären samt Kruzifix und Reliquienschrein. "Die Herrlichkeit und Schönheit der Heiligen entzieht sich damit dem Blick der Gläubigen, die während der Messe nur zuhören können", hieß es seinerzeit.

Die weit verbreiteten Fastentücher des Mittelalters – allein im Alpenraum zählte man über tausend dieser "Vorhänge" – waren häufig 100 Quadratmeter groß und zunächst schmucklos. Bald wurden zur Verzierung Kreuze aufgemalt oder aufgestickt, schließlich fanden sich auf den Tüchern bildnerisch gestaltete Szenen aus dem Alten und dem Neuen Testament. Damit erlangten Fastentücher die Funktion von "Bilderbibeln", die den Gläubigen vor allem die Passion Christi in Bildform näher brachten. Und damit all denen das biblische Geschehen vor Augen führten, die weder lesen noch schreiben konnten.

Wenn auch in diesem Jahr wieder am Aschermittwoch in der Pfarrkirche Sankt Peter und Paul in Irsee die restaurierten Fastentücher entrollt werden und bis Ostern die Altäre verhüllen, werden in diesem Gotteshaus in der Passionszeit wieder nach altem Brauch  "die Augen fasten" können, bis am Ostersonntag, dem größten christlichen Fest, der Heiland auferstanden ist.