Zwischen allen Fronten: Jesiden sehen keine Zukunft im Irak

Jesidische Frauen im Nord-Irak.

Foto: Reuters/Ari Jalal

Jesidische Frauen im Nord-Irak.

Die Bilder von der Verfolgung, Versklavung und Ermordung Zehntausender Jesiden brachten die Weltgemeinschaft dazu, militärisch in den Kampf gegen den IS einzugreifen. Doch die religiöse Minderheit sieht im Irak keine Zukunft mehr.

Beharrlich erinnert Nadia Murad an die Frauen, die bis heute das Schicksal erleiden, dem sie selbst entflohen ist. "Hat die Welt uns vergessen?!!", fragt sie über den Kurznachrichtendienst Twitter und weist darauf hin, dass sich noch immer 3.000 jesidische Mädchen und Frauen in der Gewalt der Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) befinden.

Nadia Murad, 24, Jesidin, einst von Dschihadisten verschleppt und als Sex-Sklavin verkauft, ist heute UN-Sonderbotschafterin für Opfer des Menschenhandels und die wohl einflussreichste Stimme der religiösen Minderheit. Doch selbst ihre Worte finden immer weniger Gehör.

Im August 2014 begannen IS-Extremisten, die Jesiden zu vernichten. Diese gehören zur Volksgruppe der Kurden, das Jesidentum ist eine eigene uralte monotheistische Religion. Die IS-Extremisten bezeichneten die Jesiden als Teufelsanbeter, die es zu töten galt. Jesiden glauben nicht nur an Gott, sondern auch an den "Engel Pfau" (Tausi-Melek), den radikale Islamisten für den gefallenen Engel halten, den Teufel.

Die Jesiden haben keinen sicheren Platz gefunden

Auf ihrem Vormarsch im Irak stürmten Dschihadisten die Dörfer dieser Minderheit in der Sindschar-Region (kurdisch: Schingal) im Norden und damit jenes Gebiet, in dem die meisten der weltweit etwa 800.000 Jesiden lebten - geschätzt mehr als 500.000. Die Angreifer zerstörten die Häuser, verschleppten junge Frauen und Kinder, töteten die Männer. Jesiden die entkommen konnten, flohen ins Gebirge, wo sie, von Extremisten umzingelt, auf Rettung warteten.

Heute, zweieinhalb Jahre später, harrt ein großer Teil der irakischen Jesiden in Flüchtlingslagern der Region aus. Sie haben keinen festen und sicheren Platz gefunden. In die noch unruhige Sindschar-Region wollen die meisten nicht zurück - es ist zu gefährlich und der Aufbau kommt nicht voran.

"Jesiden sind Bürger zweiter Klasse im Irak", sagt Khalaf Smoqi, der sich für die 2014 gegründete Hilfsorganisation Yazda engagiert. Schon vorher seien die Dörfer der Jesiden benachteiligt gewesen, sagt Smoqi. Es gab dort kaum Schulen, kaum Kliniken. Heute hegen viele seiner Glaubensbrüder zudem noch tiefes Misstrauen gegenüber den arabischen Nachbarn aus der Sindschar-Region, haben einige doch gemeinsame Sache mit den Dschihadisten gemacht.

Das Vertrauen zur kurdischen Regionalregierung hat auch gelitten, seit sich die Peschmerga-Armee angesichts des IS-Vormarsches zurückgezogen und die Jesiden ihrem Schicksal überlassen hatte. Zu Hilfe eilten damals wiederum kurdische Milizen aus den Nachbarländern: PKK-Kämpfer aus der Türkei und YPG-Rebellen aus Syrien - politische Rivalen der irakischen Kurdenregierung. Die Milizen schlugen einen Korridor zu belagerten Jesiden frei und verhalfen Zehntausenden zur Flucht.

Die Heimat zu verlassen fällt schwer

Von der kurdischen Regionalregierung im Irak werden jesidische Aktivisten nun - wegen deren vermuteter Nähe zur PKK - drangsaliert. Im Januar wurde das Yazda-Hauptquartier in Dohuk von den Behörden vorübergehend geschlossen. Die Jesiden-Organisation betätige sich politisch statt humanitär, lautete ein Vorwurf. Menschenrechtler von Human Rights Watch warfen den kurdischen Behörden vor, Hilfslieferungen in die Sindschar-Region zu behindern. Die Kurdenregierung äußerte dagegen den Verdacht, dass die Waren der PKK in die Hände fallen könnten. 

Mehr und mehr Jesiden bemühen sich daher um eine Zukunft fern der Heimat, in Europa oder den USA. Khalaf Smoqi ist bereits vor viereinhalb Jahren in die USA umgesiedelt und wohnt heute in Nebraska. Weil er der US-Armee im Irak geholfen hatte, bekam er ein Visum. Seine Familie hat er nachgeholt. Die Heimatdörfer mit ihren Tempeln und Ahnengräbern zu verlassen, falle schwer, räumt er ein. Doch, so fügt er hinzu, "wenn es zum Genozid kommt, hat man keine Wahl".

Die jesidischen Menschenrechtsaktivistinnen Nadia Murad (links) und Lamiya Aji Bashar (rechts) wurden für ihren Kampf gegen den IS mit dem Sacharow-Preis ausgezeichnet.

UN-Sonderbotschafterin Nadia Murad lebt heute in Deutschland - wo mit 120.000 Jesiden die größte Gemeinschaft außerhalb des Iraks zu Hause ist. Der IS-Überfall 2014 hat ihr sechs Brüder genommen und die Mutter. Als sie im Dezember 2016 mit ihrer Schicksalsgenossin Lamija Aji Baschar vom EU-Parlament mit dem Sacharow-Preis für geistige Freiheit ausgezeichnet wurde, appellierte sie: "Wenn die Welt uns in unserem Land nicht schützen kann, fordere ich Europa auf, seine Türen zu öffnen."