Mit dem "Wünschewagen" zum letzten Blick aufs Meer

Der "Wünschewagen" des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB).

Foto: epd-bild/Andrea Enderlein

Schwerstkranke Menschen können sich mit dem "Wünschewagen" des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB) noch einmal im Leben zu einem Ort ihrer Wahl fahren lassen.

Manche Menschen, die nur noch kurze Zeit zu leben haben, wollen noch einmal zur Nordsee, zu einer letzten Familienfeier oder einem Konzert der Lieblingsband. Die "Wünschewagen" des Arbeiter-Samariter-Bundes machen eine solche Fahrt möglich.

Die medizinische Ausrüstung ist hinter Schranktüren versteckt. Möglichst wenig soll auf einen Krankenwagen hindeuten. Stattdessen bietet der von einer Spezialfirma ausgebaute "Wünschewagen" des Arbeiter-Samariter-Bunds (ASB) getönte Scheiben für den Rundumblick auf die Landschaft, einen Bildschirm, um von der Liege aus DVDs anzuschauen, und sogar eine Minibar. Gäste werden befördert, keine Patienten. Das ungewöhnliche, aus Spenden finanzierte Projekt des Wohlfahrtsverbands ermöglicht schwerstkranken Menschen noch einmal eine Fahrt zu einem Sehnsuchtsort.

"Während der Fahrt soll nichts an die Krankheit erinnern", sagt Dirk Beyer vom Samariter-Bund in Worms, wo ab dieser Woche ein weiterer Wagen für das Bundesland Rheinland-Pfalz stationiert sein wird. Nach niederländischem Vorbild war das Projekt 2014 in Nordrhein-Westfalen gestartet. Andere ASB-Landesverbände, darunter Bayern, Brandenburg und Berlin, nahmen in der Folgezeit ebenfalls "Wünschewagen" in Dienst.

Tina Volz koordiniert seit vergangenem Herbst die Einsätze in Baden-Württemberg. Die ersten Wunschfahrten haben dort bereits stattgefunden. Ein Ehepaar reiste zwei Wochen vor dem Tod des Mannes im "Wünschewagen" noch einmal quer durch die Republik bis an die Nordseeküste nach St. Peter-Ording. Für einen anderen Gast organisierten die ehrenamtlichen Helfer eine Fahrt vom Hospiz zu einer Familienfeier und zurück. Auch ein Besuch beim Fußballspiel des Lieblingsvereins oder eine Reise zu einem für die eigene Biografie zentralen Ort kann möglich werden.

Ab dem ersten Telefonanruf spüre sie "pure Dankbarkeit" bei den Kranken und ihren Angehörigen, sagt die Projektleiterin. "Die Leute entwickeln unheimliche Kräfte, manche stehen aus dem Rollstuhl auf und gehen die letzten Schritte bis zum Meer allein." Aber - und auch das gehöre zur Wahrheit - auf die Euphorie vor und während des glücklichen Tages mit dem "Wünschewagen" folge bei vielen Fahrgästen die Niedergeschlagenheit danach. Den Menschen werde bewusst, dass der letzte große Wunsch nun erfüllt sei.

Bevor der "Wünschewagen" auf Fahrt geht, muss ein Arzt die Transportfähigkeit des Fahrgasts bestätigen. Bei der Vorbereitung erkundige sie sich für den Fall der Fälle auch nach einer Patientenverfügung, berichtet Tina Volz. Ansonsten gebe es kaum Dinge, die nicht machbar seien: "Wir können jemanden mit der Trage bis ins Meer rollen." Auch eine Schmerz-Pumpe könne mitgenommen werden. Manche "Wünschewagen" fahren sogar ins benachbarte Ausland, wovon die Mannheimer wegen möglicher sprachlicher und rechtlicher Probleme bei plötzlichen medizinischen Notsituationen bislang Abstand nehmen.

Mehr als 30 ehrenamtliche Helfer

In einigen Fällen habe die geplante Fahrt nicht mehr stattgefunden, weil die Interessenten bereits vorher starben, sagt die Projektleiterin. Dabei sind die mehr als 30 ehrenamtlichen Helfer in Mannheim ziemlich schnell mit den Vorbereitungen: Ein schwer erkrankter Professor habe sich an einem Freitag gemeldet und bereits am Montag seine Wunschreise antreten können. Der Wissenschaftler wollte vor seinem Tod noch einmal ins baden-württembergische Generallandesarchiv, um sich mit Fachkollegen auszutauschen.

Eine Gesellschaft dürfe nicht vergessen, dass auch schwerkranke Menschen in der letzten Lebensphase noch Wünsche hätten, sagte die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin und "Wünschewagen"-Schirmherrin Malu Dreyer (SPD) am Donnerstag bei der Vorstellung des Fahrzeugs in Mainz. An allen Fahrten nehmen neben dem Fahrgast und seiner Begleitung auch zwei ehrenamtliche Helfer teil, von denen einer eine Ausbildung zum Rettungssanitäter absolviert hat. Für die Fahrgäste ist die Nutzung des Wünschewagens völlig kostenlos, selbst bei aufwendigeren Reisen, die für die Begleiter Zwischenübernachtungen erforderlich machen.