Wissenschaftlerin für Recht auf gemeinsame freie Zeit

Die Bremer Freizeitwissenschaftlerin Renate Freericks setzt sich dafür ein, dass möglichst viele Menschen zur gleichen Zeit freihaben - am besten am Wochenende. "Wir haben ein Recht auf eigene Zeit", sagte die Zeitforscherin dem Evangelischen Pressedienst (epd). "Aber wir haben auch ein Recht auf gemeinsame Zeit." Sie sieht die Politik in der Pflicht, für einen Rahmen zu sorgen, der dieses Recht gewährleistet. Freericks arbeitet mit der Deutschen Gesellschaft für Zeitpolitik in Berlin zusammen.

"Ob es die Feiertage sind, die wir zum Glück noch haben, oder die Sonntage - das sind gemeinsam geschützte Zeiten, die wir dringend brauchen", betonte Freericks. Menschen benötigten das Gegenüber, um sich zu messen, um Anerkennung und Feedback zu bekommen. Das geschehe beispielsweise am freien Wochenende im Verein, bei ehrenamtlichem Engagement und natürlich in den Familien.

Einerseits werde es immer schwieriger, diese Zeiten bei einer gleichzeitig wachsenden Zahl von Jobs im Dienstleistungsbereich mit einem Rund-um-die-Uhr-Wettbewerb zu gewährleisten. "Im ehemals typischen Nine-to-Five-Job, also in der Zeit von 9 Uhr bis 17 Uhr, arbeiten nur noch 24 Prozent der Beschäftigten. Flexibilität ist das A und O." Andererseits sei der Mensch als soziales Wesen aber auf Gemeinschaft angewiesen: "Das liegt in unseren Genen."


Trends wie die zunehmende Digitalisierung und die damit verbundene ständige Erreichbarkeit von Unternehmen und Beschäftigten ließen die Grenzen zwischen Arbeitszeiten und arbeitsfreien Zeiten zusätzlich verschwimmen. Arbeitszeit, Familienzeit und freie Zeit ließen sich oft gar nicht mehr so scharf voneinander trennen. "Wenn ich aus dem Büro raus bin, kümmere ich mich erst mal um die Kinder, dann um den Haushalt. Später mache ich noch etwas für den Job, weil ich das bei der Arbeit nicht geschafft habe."

Weil das so ist, funktioniert es Freericks zufolge nicht, es nur dem Einzelnen zu überlassen, mit seiner Zeit fürsorglich umzugehen und für die richtige Work-Life-Balance zu sorgen. Eine Abgrenzung müsse politisch ermöglicht werden. Sie sei sich zwar unsicher, ob man immer am freien Sonntag festhalte. "Aber den gibt es nun mal schon." Am Wochenende hätten noch immer viele Menschen frei. Dieser Rhythmus existiere, das sei viel wert. Freericks: "Wenn wir den mehr und mehr abschaffen, habe ich Sorge, dass es uns nicht gelingt, eine neue kollektive Zeit freizuschaufeln."