Wenn beim Vaterunser das Trauma hochkommt

Weinende Frau verbirgt ihr Gesicht in den Händen.

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Frauen, die sexuell missbraucht worden sind, kämpfen ihr Leben lang mit den Folgen - und zunehmend gegen die Tabuisierung. Auch in der Kirche muss das Thema angesprochen werden, finden Annette Buschmann, Erika Kerstner und Barbara Haslbeck. Die drei Frauen haben das Buch "Damit der Boden wieder trägt – Seelsorge nach sexuellem Missbrauch" geschrieben.

Ist Seelsorge nach sexuellem Missbrauch im kirchlichen Umfeld denn gefragt? Wollen die Betroffenen nicht eher der Kirche den Rücken kehren?

Annette Buschmann: Ja, es gibt Frauen, die der Kirche den Rücken kehren. Genauso sind mir Frauen begegnet, die hier Heilung für ihre Verletzungen und ihr verloren gegangenes Vertrauen suchen. Geschieht Missbrauch innerhalb der Kirchen, ist er besonders schlimm, weil er den Glauben, die Beziehung zu Gott beschädigt und infrage stellt. Er zerstört zumindest vorerst die Möglichkeit, im christlichen Glauben, in kirchlichen Räumen Halt und Vertrauen zu erfahren. Opfer suchen Menschen, die ihre Fragen aushalten und sie auf der Suche danach begleiten, wo Gott in all dem Geschehenen ist. Und sie wollen wissen, wie sich die Kirchen zu dem Geschehenen stellen. Auch wer in der Familie oder in nicht-kirchlichen Institutionen Missbrauch und Gewalt wurde, stellt oft spirituelle Fragen.

Für wen haben Sie das Buch geschrieben?

Buschmann: Das Buch wendet sich zum einen Menschen, die seelsorgerlich, beratend und therapeutisch tätig sind und zum anderen an Menschen, die selbst sexuelle Gewalterfahrungen haben und an ihre Angehörigen und Unterstützer/innen. Wir Autorinnen kennen uns über die Ökumenische Arbeits- und Selbsthilfegruppe "GottesSuche". Das ist eine Plattform für Frauen, die sexuelle Gewalt erlebt haben und ihre Unterstützerinnen, die nach den Ressourcen des christlichen Glaubens im Leben mit anhaltenden Traumafolgen suchen. Auf der Website werden seit 15 Jahren nützliche Informationen veröffentlicht, aber auch Texte und Bilder, die spirituell helfen. In einer Mailingliste können sich betroffene Christinnen austauschen. Diese und andere Frauen haben für das Buch Texte zur Verfügung gestellt und über ihre Erfahrungen berichtet: "Sei ruhig, sagen sie, wirbele keinen Staub auf, der uns ins Gesicht bläst." Was diese Gedichtzeilen auf der erste Seite ausdrücken, das hören sie auch aus dem kirchlichen Umfeld.

Von welchem Ausmaß an sexuellem Missbrauch gehen Sie aus?

Buschmann: Die Zahlen sind sehr unterschiedlich. Genaue Angaben sind kaum möglich. Die Dunkelziffer dürfte hoch sein, oft wird Missbrauch nicht angezeigt. Man muss davon ausgehen, dass in jeder Gruppe auch Menschen sind, die sexuelle Grenzüberschreitungen bis hin zu sexueller Gewalt erlebt haben, auch in jeder Gemeindegruppe. In der Eheberatung höre ich so oft von früheren Missbrauchserfahrungen. Ich erschrecke, wie häufig sexuelle Gewalt passiert, zum Beispiel in der Jugendclique. Sexuelle Gewalt hat Auswirkungen, auch wenn nicht jede Frau deshalb ihr Leben lang traumatisiert ist, und nicht jede eine posttraumatische Belastungsstörung davon trägt. Aber das Gefühl, in der Welt sicher zu sein, bleibt oft gestört.

Wird das Thema ernst genug genommen?

Buschmann: Die Prävention ist inzwischen als Aufgabe der Kirche erkannt. Aber die Seelsorge an denen, die trotz dieser schwerwiegenden Erfahrungen Gott suchen, ist noch nicht als spezielle Aufgabe der Kirche verankert. Das Opfer wird unzureichend in den Blick genommen. Ich sehe vor allem zwei Gefahren: die eine ist das Bagatellisieren. Da wird oft gesagt, es seien ja nur verschwindend wenige Fälle. Wir müssten sagen: Dass es Fälle auch in unserer Kirche gibt, erschreckt uns zutiefst. Und jeder Fall ist eine Verpflichtung. Die andere Gefahr sind Zuschreibungen an die Opfer und erneute Fremdbestimmung. Wenn statt der Frage, was das Gegenüber braucht, eine fertige Vorstellung da ist, eine Schublade, in den ich den Menschen stecke und von dem ich zu wissen glaube, was er braucht, so ist das erneute Fremdbestimmung. Wie das Erlittene verarbeitet werden kann, hängt entscheidend von der Reaktion der Umwelt ab, von der Möglichkeit eigene Selbstwirksamkeit wieder zu erfahren. Hier liegt die Verantwortung der Kirchen, der Gemeinden und jedes einzelnen Christen. Die Opfer warten darauf, dass sie von Seiten der Kirchen gefragt werden: "Was braucht ihr, damit ihr uns wieder vertrauen könnt? Wir wollen es wissen!" Dieser Weg ist in allen Kirchen zu gehen. Die Kirche Jesu Christi muss denen Beheimatung bieten, die "unter die Räuber gefallen sind".

Was halten Sie von dem christlichen Rat "Lass gut sein, vergib ihm" oder dem Satz aus der Therapieszene: "Es ist nie zu spät, eine glückliche Kindheit zu haben"?

Buschmann: "Lass gut sein, vergib ihm" ist ein furchtbarer Satz. Damit überhaupt etwas gut werden kann, muss das Geschehene in seiner Schwere und Schuld anerkannt werden. Für viele Opfer wird es nicht gut, allenfalls besser. Gewalt hinterlässt Spuren. Auch die vorschnellen Heilungsversprechen sowohl in der christlich-fundamentalistischer Seelsorge wie in der Lebenshilfe der Psychoszene können schaden. Es gibt ein Heil, auch unabhängig von Heilung. Doch die Bewertung des Geschehenen liegt bei denen, denen Gewalt angetan wurde, und nicht bei jemand anders. Manches wird nicht mehr gut. Jederzeit können Erinnerungen erneut ausgelöst werden.

"Das Wichtigste ist, dass das Tabu des Schweigens gebrochen wird"

Wie kann die Gemeinde, wie können Seelsorgerinnen und Seelsorger Menschen helfen, die sexualisierte Gewalt erlitten haben?

Buschmann: Voraussetzung ist die Anerkennung des Geschehenen und die Begegnung auf Augenhöhe. Wir haben im Buch viele praktische Hinweise für Seelsorger. Wer seine Eltern als Tyrannen erlebt hat, kann im Gottesdienst das Vaterunser nicht ganz selbstverständlich mitsprechen. Oder wessen Selbstwertgefühl zerbrochen wurde, dem schadet die Formel des  Schuldbekenntnisses "Ich elender, armer, sündiger Mensch, ..." In der Bibel setzt sich Gott allerorten für diejenigen ein, die Menschen zum Opfer fallen. Wir finden eine lange Liste von Psalmen, in denen der Schrei der Geknechteten laut wurde und die bei der Bewältigung von Leid helfen könnten. Und es gibt andere Gottesbilder als den Vater, zum Beispiel Adler, Fels, Sonne, Burg, Henne. Seelsorgerinnen und Seelsorger müssen das Ringen um einen anderen heilsamen Zugang zum christlichen Glauben mitgehen. Nur so kann Kirche ein Ort mit heilsamen Erfahrungen werden. 

Was kann man tun, um es den Tätern möglichst schwer zu machen?

Buschmann: Für alle gilt, sich mitverantwortlich zu fühlen, was um einen herum passiert. Missbrauch entwickelt sich schleichend. Wir merken es, wenn uns etwas komisch vorkommt. Da ist eine Kultur wichtig, die erlaubt auszusprechen, was ich denke und wahrnehme, ohne gleich bewertet zu werden.

Dass ich nachfragen kann, wenn mir etwas aufstößt? Zum Beispiel "Mir fällt auf, du umarmst die Konfirmandinnen ziemlich oft" - ohne dass ich gleich zur Antwort kriege: "O, bist du verklemmt!"

Buschmann: Ich würde es allgemein formulieren: Jedes berufliche Handeln geschieht in der beruflichen Rolle. In der Frage der richtigen Nähe und der richtigen Distanz ist zu prüfen, was der Rolle entspricht. Besonders bei Körperkontakt ist zu schauen, was in dieser Rolle, in dieser Beziehung angemessen und richtig ist. Oder anders formuliert: Wer hat ein Bedürfnis? Grundsätzlich gilt ja Kindern und Jugendlichen gegenüber, dass ich als Erwachsene auf das Bedürfnis des Kindes reagiere und es nicht um mein Bedürfnis nach Nähe geht. Es gibt gute Richtlinien auf der Homepage der EKD.

Was könnte die Kirche sonst tun?

Buschmann: Das wichtigste, ist, dass das Tabu des Schweigens gebrochen wird. Dass in der Seelsorge und Beratung ausgebildete Menschen bereit stehen, die Weiterbildung und persönliche Reflexion zu diesem schweren Thema mitbringen. Es braucht Menschen innerhalb der Kirchen, die die innere Bereitschaft mitbringen, sich auf die Begleitung von Menschen einzulassen, die Gewalt - auch innerhalb der Kirchen - erlebt haben. Die Aufarbeitung ging ja von Anfang an von den Betroffenen aus, als sie sagten: Wir schweigen nicht mehr. Der Deckel war nicht mehr 'draufzuhalten.

Wir stehen noch am Anfang eines langen Weges. Es wäre fatal zu sagen: Jetzt haben wir etwas für die Prävention getan und Richtlinien erlassen, damit haben wir das Thema ausreichend bearbeitet.