Moderne Konfiarbeit: selber machen statt auswendig lernen

Konfis basteln ein Kreuz

Foto: epd-bild/Gustavo Alabiso

Konfis basteln ein Kreuz für ihren Gottesdienst.

Der Konfirmandenunterricht ist im Umbruch. Statt Traditionswissen zu vermitteln, versuchen viele Gemeinden heute, auf das Leben und den Glauben der Jugendlichen einzugehen. Das geht am besten, wenn Erfahrungen und Gemeinschaft im Vordergrund stehen. Je schöner die Konfizeit, desto eher lassen sich Jugendliche anschließend zur Mitarbeit motivieren.
Früher war das so: Die evangelischen 12- bis 14-Jährigen gingen am Dienstagnachmittag um drei zum Pfarrer, hatten anderthalb Stunden "Schule" in der Kirche, mit Arbeitsblättern und Tafel, und bis zur nächsten Woche mussten sie ein Gesangbuchlied auswendig lernen. Gegen Ende gab es eine Wochenendfreizeit, dann die Prüfung und die Konfirmation. So war das um 1990. Was haben die Konfis gelernt? Alles vergessen – bis auf die Gesangbuchlieder, "Oh komm du Geist der Wahrheit und kehre bei uns ein…". Die meisten wurden dann aus der Kirche herauskonfirmiert. Sie hatte nichts mit ihrem Leben zu tun.
 
Schade, denn gerade 14-Jährige sind eigentlich offen für Religion. "Die sind nicht negativ eingestellt zur Kirche, die sind nicht negativ eingestellt zum christlichen Glauben", sagt der Tübinger Religionspädagogik-Professor Friedrich Schweitzer, der an einer großen fortlaufenden Konfirmanden-Studie arbeitet. "Wenn man wirklich etwas tun will, um die Kirchenmitgliedschaft zu sichern und Menschen zur Kirche zu bringen – hier wäre eine ganz große Chance." Viele Kirchengemeinden sehen die Chance und entwickeln neue Modelle der Konfiarbeit, die den Jugendlichen mehr mitgibt als Gesangbuchlieder im Kopf. Auswendig gelernt werden heute meist nur noch das Vater Unser, das Glaubensbekenntnis, Psalm 23 und eventuell die zehn Gebote.

Getreide mahlen, Brot backen, Abendmahl feiern

Als erstes müssen neue Zeitstrukturen geschaffen werden, denn am Dienstagnachmittag um drei, das geht nicht mehr. "Pfarrerinnen und Pfarrer haben die Erfahrung gemacht, dass vor allem die Gymnasiasten vor ihnen saßen und völlig platt waren. Die hatten acht, neun Stunden Schule bereits hinter sich und hatten einfach keinen Kopf mehr für Konfirmandenarbeit", beschreibt Thorsten Moos die veränderte Situation. Moos ist Professor für Religionspädagogik am Theologischen Seminar Herborn und hat an einem Leitfaden seiner hessen-nassauischen Landeskirche mitgearbeitet, mit dem Gemeinden auf heutige Herausforderungen in der Konfiarbeit reagieren können. Kern des Leitfadens: Die Gemeinden entscheiden je für sich über Inhalte, Ziele und Formen der Konfiarbeit. Für die zeitliche Organisation werden verschiedene Modelle wie Blocktage, (Ferien-)kurse, Freizeiten und Konfi-Camp vorgestellt.
 
Burkhard Nolte, Jugendpfarrer im Kirchenkreis Paderborn, ist ein großer Fan von Konfi-Camps. "Die Verbindung von theologisch-pädagogischer Arbeit, gemeinsamer Freizeit, Aktionen, Abendprogramm auf einer großen Bühne, ist eine unfassbar schöne und attraktive Sache", schwärmt Nolte. Je länger, desto besser, am besten zehn Tage am Stück, das schweißt die Gemeinschaft richtig zusammen. Auch für Einzelgespräche und Seelsorge ist während eines Camps Zeit – persönliche Kontakte sind für die neue Art der Konfiarbeit von zentraler Bedeutung: "Die Beziehungsebene dominiert die Inhaltsebene", nennt Nolte einen pädagogischen Grundsatz. "Wenn die Beziehungsebene nicht klar ist, dann kann man sich inhaltlich alles Mögliche aus den Rippen saugen, das funktioniert nicht." 
 
 
Stichwort Inhalte: Auch die verändern sich und passen besser in ein Camp oder Wochenende als in einen Dienstagnachmittag. Thorsten Moos nennt ein Beispiel für eine handlungsorientierte Unterrichtseinheit: "Nicht einfach nur über das Abendmahl reden, sondern zum Bauern gehen, dort gucken wie Getreide angebaut wird, das Getreide auch mal durch die Hände laufen lassen, dann das Getreide selber mahlen, anschließend backen und mit diesem selbstgebackenen Brot dann ein Abendmahl feiern." Am Ende steht bei diesem Beispiel eine spirituelle Erfahrung: Wie fühlt sich das an, Brot und Saft zu teilen? Erlebt man dabei Gemeinschaft? Religion wird ausprobiert statt eingetrichtert. "Das Ganze wird nicht nur über den Kopf vermittelt, sondern erfasst auch das Herz und die Hand", erläutert Moos das Prinzip mit Worten von Johann Heinrich Pestalozzi.
 
Friedrich Schweitzer erläutert: "Man ist heute zu Recht von einer stark zielorientierten und vermittlungsorientierten Konfirmandenarbeit abgekommen." Es kommt nicht mehr darauf an, Traditionstexte der Kirche in die jugendlichen Gehirne zu füllen, sondern darum, "für die Jugendlichen zu klären, was sie selber glauben können und wollen", und sie dabei zu begleiten, sagt Schweitzer. Und zwar "auf Augenhöhe", so steht es im hessen-nassauischen Leitfaden: Die Jugendlichen sollen "selbst ihre religiösen Interessen und ihre Sprachfähigkeit weiterentwickeln können".

Die Sprache der Jugendlichen sprechen

Doch dabei gibt es ein Problem: Pfarrer und Jugendliche sprechen nicht dieselbe Sprache. Darauf macht Hans-Ulrich Keßler aufmerksam, Leiter des Pädagogisch-Theologischen Instituts der Nordkirche mit starker Leidenschaft für die Konfiarbeit. Den Kolleginnen und Kollegen in den Gemeinden empfiehlt er, einen funktionalen Religionsbegriff zu entwickeln und sich als erstes zu fragen: "Was ist eigentlich die Relevanz dieser ganzen Dinge, die in den christlich-jüdischen Traditionen aufbewahrt sind, für die Lebensvollzüge von Konfis?" Seine Antwort: "Der Gottesdienst am Sonntagmorgen ist nicht relevant. Das Wissen der Reihenfolge der biblischen Bücher ist es nicht. Das Kennen der zehn Gebote ist es auch nicht."
 
Pfarrerinnen und Pfarrer müssten deshalb von den Fragen der Jugendlichen ausgehen: "Wie gelingt glückliches Leben? Wie gelingt es mir, dass ich in einer Liebe mir selber treu bin und der Person, die ich liebe? Wie ist das mit dem Leiden in der Welt? Warum glauben nicht alle an denselben Gott? Oder nennen die den nur anders? Wie ist das mit Gerechtigkeit in dieser Welt?" Hans-Ulrich Keßler hat zusammen mit Jugendpastor Burkhard Nolte das "Holk"-Projekt für die Konfi-Arbeit entwickelt. Es arbeitet mit Filmclips, die Jugendliche selbst über sich gedreht haben, und leitet von ihren Lebensfragen über zur Symbolwelt des Christentums. Eine Art Aha-Effekt soll sich einstellen: "Religion leistet es, Bilder zu finden für solche existenziellen Situationen, so dass man ein Gefühl bekommt wie: Es gibt einen offenen Himmel. Dass dieses Gefühl sich einstellt, das ist die Leistung von Religion."

Teamer erfinden die Kirche neu

Wichtig für die Konfis sind "glaubwürdige Bürgen dafür, dass es irgendwie Sinn machen könnte, worum es im Raum von Kirche geht", sagt Hans-Ulrich Keßler, und das sind nicht unbedingt die Pfarrerinnen, sondern vielmehr Jugendliche, die nur ein, zwei Jahre älter sind: die Teamer. Viele Gemeinden oder Kirchenkreise bieten direkt im Anschluss an die Konfirmation eine Mitarbeit an und bilden dafür aus. In der Nordkirche zum Beispiel gibt es die "Teamercard" für Jugendliche ab 14, die sich in der Arbeit mit Kindern, Konfirmandinnen und Jugendlichen engagieren. Wer sie haben will, lernt in 30 Stunden die Grundlagen von Gruppenarbeit und Gesprächsführung, dazu viel über die eigenen Gaben, die Rolle als Teamer, Methoden und praktische Dinge wie die Vorbereitung einer Andacht.
 
Hier übrigens hat dann das Auswendiglernen der biblischen Bücher seinen "Sitz im Leben", erläutert Hans-Ulrich Keßler: "Wenn ein Konfi fragt: Ey sag mal, steht das eigentlich in der Bibel? Dann müssen die sagen können: Ja, und zwar da und da." Viele Gemeinden würden durch den Einsatz von Teamern "erleben, dass die Konfirmandenarbeit einen anderen Drive kriegt", sagt Pastor Rainer Franke, Studienleiter für die Konfiarbeit in der Nordkirche. "Sie haben eben ältere Jugendliche mit im Boot, das macht viel für die Atmosphäre, für die Stimmung aus, auch für Feedbackprozesse."

Auch Max Lanzendorf hat sich vorgenommen, seinem Pfarrer Feedback zu geben. Der 14-Jährige wurde im vergangenen Jahr in der Kirchengemeinde Meckesheim (Baden) konfirmiert und wollte danach mitarbeiten. "Ich hab von Freunden, die selber Teamer sind, gehört, dass es denen Spaß macht, dass die Stunden manchmal lustig sind", beschreibt Max seine Motivation. Hier erlebt er Gemeinschaft, fühlt sich in der Gruppe wohl. Doch dem 14-Jährigen geht es um mehr: Er will den Pfarrer unterstützen und ihm ein bisschen auf die Sprünge helfen. "Unsere Konfizeit war eine schöne Zeit, aber es gibt da immer so zwei drei Dinge, die man verändern kann", sagt Max. Zum Beispiel "mehr auf spielerische Art" lernen und erst später mit der Theorie einsteigen. Mehr auf den Zusammenhalt der "kompletten Gruppe" achten, anstatt in Kleingruppen zu unterteilen.

Vor allem aber würde Max die Konfis öfter selbst bestimmen lassen. "Einmal haben wir den Gottesdienst alleine gemacht, und das war super!", erzählt er. Auch die Predigt haben sie selbst geschrieben und gehalten. "Ich würde sowas mehr machen", fordert der Teamer und bestätigt damit, was der Religionspädagoge Friedrich Schweitzer in seiner Studie herausgefunden hat. Demnach findet rund die Hälfte der Konfis Gottesdienste langweilig, und zwar nach der Konfizeit noch mehr (52 Prozent) als zu Beginn (45 Prozent). "Die Wahrnehmung des Gottesdienstes wird dann deutlich positiver, wenn die Jugendlichen selbst ihre Ideen einbringen können und damit den Gottesdienst mitgestalten", sagt Schweitzer.

Jugendliche sollten "eine gute Erfahrung mit Kirche machen und sie bestenfalls 'miterfinden' können", meint auch Rainer Franke von der Nordkirche. "Mein Traum ist, dass jede Gemeinde nach jedem Konfirmandenjahrgang ein wenig anders aussieht, und Teamer tragen dazu durchaus bei, dass das auch geschieht."

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