Uni-Streit auf dem Rücken der Muslime

Der ehemalige Raum der Stille an der TU Dortmund, zu sehen ist der für Frauen abgetrennte Bereich.

Foto: TU Dortmund

Der ehemalige Raum der Stille an der TU Dortmund, zu sehen ist der für Frauen abgetrennte Bereich.

Die TU Dortmund hat ihren "Raum der Stille" geschlossen. Auch andere Universitäten schließen ihre Räume wieder. Statt zuzugeben, dass es ihnen zu viel Arbeit macht miteinander zu reden, verweisen sie nun auf die Trennung von Staat und Kirche.

Moritz Kordisch fühlt sich nicht verantwortlich für das, was passiert ist. Er sagt: "Der AStA ist bei der Sache ganz gut rausgekommen - Glück gehabt." Der Allgemeine Studierendenausschuss (AStA) der Technischen Universität (TU) Dortmund hatte 2012 eine Aufgabe übernommen: den neu eingerichteten "Raum der Stille" zu verwalten. 2014 war Moritz Kordisch zum Vorsitzenden des AStA gewählt worden. Zwei Jahre, in denen in Vergessenheit geriet, wer da für was verantwortlich sein sollte.

Vier Jahre später, Februar 2016, nun dies: "Wir (betrachten) den Versuch, einen neutralen und allen Glaubensrichtungen in gleicher Weise zur Verfügung stehenden 'Raum der Stille' zu schaffen, leider als gescheitert", schreibt das Rektorat der TU Dortmund als Antwort auf einen offenen Brief Studierender, die versucht hatten, die Schließung des Raumes zu stoppen.

Wie konnte es soweit kommen?

Das Jahr 2012 und die Jahre, die davor liegen: Muslimische Studierende waren auf der Suche nach einem Platz zum Beten gewesen - fernab von Treppenhäusern, Spinden und Fluren. Die TU Dortmund bot ihnen dafür im Jahr 2012 den neu eingerichteten Raum der Stille an. Hochschulleitung, Mitarbeiter der Universitätsbibliothek und des AStA hatten zuvor über den Raum beraten, der AStA sollte den Raum verwalten, befristet auf zwei Jahre. Eva Prost, Presseprecherin der TU Dortmund, begründet die Schließung nun auch damit, dass das "Projekt Raum der Stille" zeitlich befristet gewesen sei. Zudem sagt sie: "Wir müssen keinen Gebetsraum anbieten." Und: "Religion soll im Privaten stattfinden." Eine späte Erkenntnis. Diskussion beendet.

Der AStA hatte im Jahr 2012 eine Nutzungsordnung erlassen, die vorsieht, dass der "Raum der Stille (...) weltanschaulich und religiös neutral zu halten [ist]." Doch schon nach wenigen Monaten hätten "Gebetsteppiche und Korane sowie Flugblätter in arabischer Schrift und [mit] deutschsprachige[n] Belehrungen" ausgelegen, schreibt das Rektorat. Der AStA schloss den Raum vorübergehend und sprach mit den Verantwortlichen.

Doch nach vier Jahren schließt das Rektorat nach Beschwerden und ohne Absprache mit dem AStA wiederholt - und diesmal ganz - den Raum der Stille. Wieder hatte es Beschwerden gegeben, dass die Gleichberechtigung von Mann und Frau im Raum der Stille von Einzelnen nicht geachtet worden sei, zudem waren Bücherregale als Raumteiler benutzt worden, um getrennte Gebetsbereiche für Männer und Frauen zu schaffen.

Die Muslime sind die Verlierer

So weit, so nachvollziehbar. Dass "die Muslime" daran schuld seien, ist die schnelle Schlussfolgerung. Sie blendet dennoch einen wichtigen Teil aus: Es sieht so aus, als hätte man in Dortmund geglaubt, dass ein "Raum der Stille" einfach nur ein Raum sei. Dass ein Blatt Papier mit Regeln - der Nutzungsordnung - reichen würde, diesen Raum zu kontrollieren. "Wir tragen keine Verantwortung für das, was die erwachsenen Menschen in diesem Raum tun", sagt AStA-Vorsitzender Moritz Kordisch. Er sieht sich nicht als "Kindermädchen", sagt er. Das Rektorat sagt, es habe dem AStA die Verantwortung gegeben. Die Beteiligten laufen mit ausgestrekten Zeigefingern herum - und die Betroffenen, "die Muslime" und ihr öffentliches Image, sind die Verlierer. Sie werden wieder in Sippenhaft genommen, weil Einzelne sich nicht an die Regeln gehalten haben. Der Rat der Muslimischen Studierenden (RAMSA) ist betrübt und zitiert auf seiner Website eine Stellungnahme der muslimischen Studierenden der TU Dortmund. Sie kritisieren die 60 Presse-Artikel, die im Nachgang erschienen waren und einzig die Muslime als Schuldige ausgemacht hätten.

Dortmund ist nicht die einzige Universität mit einem Raum der Stille. Seit knapp einem Jahrzehnt richten Universitäten sie ein - einige fangen nun an, sie wieder zu schließen (Dortmund, Duisburg-Essen und Berlin), andere bleiben dabei oder haben erst kürzlich einen Raum eingerichtet (Frankfurt, Göttingen und Paderborn).

Haus der Stille auf dem Uni-Campus Westend in Frankfurt am Main.

Die Hochschule in Bochum schloss ihren Raum der Stille und richtete stattdessen einen Bereich hinter Vorhängen auf der Empore der Mensa ein, so dass Muslime dort beten können. Die TU Berlin schließt ihre zwei Räume ersatzlos zum 14. März 2016 - weil Kirche und Staat getrennt sein sollten. Die Uni Paderborn führte feste Zeiten für "hierarchiefreie" Rituale ein, beispielsweise für das muslimische Gebet. Die Uni in Frankfurt am Main hat von Anfang an Schränke für Gebetsteppiche und Yogamatten eingerichtet und die Empore des Hauses wird mittlerweile widerstandslos zur Geschlechtertrennung beim muslimischen Gebet genutzt (auch wenn sie ursprünglich nicht dafür gedacht war). Den Raum der Stille der Uni in Bochum schloss die Polizei schon im Jahr 2012, nach dem ein Salafist den Raum für seine Predigten genutzt hatte.

AStA und Rektorat vernachlässigten den Raum

Für fast alle Räume gilt: Der ursprüngliche Impuls für ihre Einrichtung kam und kommt von muslimischen Studierenden, die sich einen ruhigen Ort für das Gebet wünschen; beziehungsweise aus der Einsicht, dass muslimische Studierende am Dringendsten einen Ort zum Beten brauchen. Die Reaktion der Universitäten war und ist es, einen Raum der Stille für alle zur Verfügung zu stellen. Warum aber stellen Universitäten vermehrt Räume der Stille zur Verfügung, wenn sie sich nach dem Scheitern dann doch wieder auf die Trennung von Staat und Kirche berufen wie in Dortmund?

"Es gibt durchaus eine instrumentelle Motivation, solche Räume an Universitäten einzurichten", sagt Alexander Nagel, Professor für Religionswissenschaft in Göttingen. Universitäten befänden sich in Konkurrenz miteinander und wollten sich auch international aufstellen. Sie ließen sich für Familienfreundlichkeit zertifizieren und sie würden sich gerne mit ihrer weltanschaulichen Offenheit, ihrer "diversity"-Tauglichkeit, präsentieren, um im Vergleich punkten zu können.

Alexander Nagel hat multireligiöse Räume in konfessionell geprägten Krankenhäusern verglichen. Er stellte fest, dass "der verbreitete Entstehungskonflikt (ein islamischer Gebetsraum wird angefragt und ein interreligiöser Raum gewährt) Nutzungskonflikte nach sich ziehen und den Charakter des Raumes nachhaltig verändern kann". Das gilt wohl auch für Räume der Stille in Universitäten. Was der entstandene Nutzungskonflikt dann nach sich zieht, hängt jedoch von den Menschen und Verantwortlichkeiten vor Ort ab.

In Dortmund vernachlässigten der AStA und das Rektorat den "Raum der Stille", sie nahmen ihn nicht ernst. Ein vermeidbarer Schaden entstand. Lernen könnte man dennoch daraus: Weltanschaulich offen sein ist nicht so einfach und keine leicht zu erwerbende Etikette. Hätte die TU Dortmund ein wirkliches Interesse gehabt, hätte sie sich an anderen Universitäten umhören können.

Beispielsweise in Frankfurt am Main: auch hier gab es immer wieder Querelen rund um das "Haus der Stille" - und wird sie, wie in allen menschlichen Beziehungen, wieder geben. Doch der zuständige Verein, bestehend aus Vorstand und interreligiösem Kuratorium, ist hier hochrangig besetzt und interessiert sich tatsächlich für das eigene Projekt und sein Gelingen. Die Vereinsmitglieder treffen sich regelmäßig (mindestens zweimal im Jahr), um über das Leben im Haus zu sprechen. Seit einiger Zeit muss jeder Nutzer eine Verpflichtungserklärung unterschreiben; zudem gibt es einen Stundenplan, wann es wie genutzt werden darf.

In Frankfurt geschieht es so, wie man es von einem diskursbereiten Umfeld, wie es die Universität doch sein sollte, erwarten kann. Die Religionen und am Haus interessierte nicht-religiöse Gruppen verständigen sich untereinander, sie streiten - und sie machen Fortschritte. Wer das Reden miteinander scheut, hinterlässt Narben, Misstrauen und Verlierer: Die TU Dortmund hat es leider vorgemacht.